Immobilien
Schwarze Schafe bei Wohnungsgenossenschaften
Günstigen Wohnraum für Mieter sollen die Genossenschaften zur Verfügung stellen. Doch immer wieder tauchen dubiose Anbieter auf, die es auf das Geld von ahnungslosen Kapitalanlegern abgesehen haben. Anlegerschützer haben jetzt einen neuen Fall in Erfurt ins Visier genommen.
Von Richard Haimann
Gemeinsam sind wir stark- das ist der Grundgedanke aller Genossenschaften. Über 20 Millionen Deutsche sind von dem Prinzip überzeugt und Mitglied in einer von mehr als 7100 Kooperationsgemeinschaften. "Gemeinsam können Mitglieder im Einkauf günstigere Preise erzielen", beschreibt Adrian Grasse, Sprecher des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands, den Grundsatz.
Aus der Wirtschaft sind die Kooperationsmodelle nicht mehr wegzudenken. Grasse: "60 Prozent aller Handwerker, 90 Prozent aller Bäcker sind Genossenschaftsmitglieder."
Zudem sind Genossenschaften eine tragende Säule der Wohnraumversorgung: 2,2 Millionen Wohnungen werden in Deutschland von 1887 Wohnungsgenossenschaften bewirtschaftet - fast zehn Prozent der 23,7 Millionen Mietwohnungen im Land. Bewohner und Finanzierer verlassen sich auf das traditionsreiche und scheinbar zuverlässige Modell.
Doch dieses Vertrauen machen sich manche Anbieter gelegentlich zunutze. Anlegerschützer entdecken immer wieder schmutzige Flecken auf dem sonst so hellen Kleid der Genossenschaften. "Viele Kapitalanlagehaie nutzen den guten Gedanken aus", sagt Medhard Fuchsgruber, Vorstand des Bundes der Kapitalanleger. "Etliche Genossenschaften dienen ausschließlich dazu, Sparern das Geld aus der Tasche zu ziehen."
Das Prinzip: "Anlagebetrüger bieten über Genossenschaften Anteile an überteuerten Miethäusern an, Vertriebe kassieren für die Vermittlung horrende Gebühren von den Sparern", schildert der Anlegerschützer. Die Immobilienkäufe werden in erheblichem Umfang mit Krediten finanziert.
Fuchsgruber: "Fordern die Anleger ihr Geld zurück, müssen sie feststellen, dass das Eigenkapital größtenteils aufgezehrt ist." Einige dieser dubiosen Genossenschaften befinden sich in der Abwicklung. So beispielsweise die Europea aus Dresden, die in den Neunzigerjahren Kleinanlegern eine Mitgliedschaft angeboten hatte. Dabei konnten sie eine Eigenheimzulage einholen, ohne selbst bauen zu müssen.
Jetzt scheint es ein neues schwarzes Schaf unter den Genossen zu geben. Anlegerschützer warnen davor, Anteile der Erfurter Inhabitat zu zeichnen. Fuchsgruber: "Anleger sollten höchste Vorsicht walten lassen." Die Genossenschaft, die nur 48 Wohnungen besitzt, befand sich Ende 2006 in einer angespannten Finanzlage. Der Geschäftsbericht, der der "Welt am Sonntag" vorliegt, weist für jenes Jahr einen Bilanzverlust von 2,874 Millionen Euro auf. Mehr als die Hälfte des Genossenschaftskapitals war zu dem Zeitpunkt bereits aufgezehrt.
Um frisches Kapital zu gewinnen, hat die Inhabitat ihr Anlageprodukt "Genossenschaftsrente" aufgelegt. Derzeit ruft die Genossenschaft unter anderem Bausparer dazu auf, nicht für den Wohneigentumserwerb genutzte Bausparverträge gegen Genossenschaftsanteile einzutauschen. Der Münchner Anlegerschutzanwalt Peter Mattil hat sich das Angebot angesehen. Seine Meinung: "Finger weg!"
Über Sparpläne sollen Anleger Anteile an der Inhabitat erwerben, ohne aber selbst Mieter der Genossenschaft zu werden. Doch längst nicht das gesamte Geld fließt in die Beteiligung. Auf Seite 72 des Emissionsprospektes sind die "Kosten des Sparvertrags" aufgeführt.
Bei der Variante "First" werden für den Vertriebsaufwand in den ersten drei Jahren 25 Prozent des Monatsbeitrags von 80 Euro entnommen. Hinzu kommen: Eintrittsgeld: 50 Euro; Stückkosten: zehn Euro; Agio: 494 Euro; und obendrein Kontoführungs- und Verwaltungskosten: 19,14 Euro pro Jahr.
Insgesamt zahlt ein Anleger bei der Variante "First" in den ersten drei Jahren 2880 Euro an die Inhabitat. Eintrittsgeld, Agio, Vertriebsaufwand und Gebühren addieren sich in diesem Zeitraum dabei auf 1331,42 Euro.
In den eigentlichen Anteilserwerb fließen damit nur 1548,78 Euro - gerade einmal 54,3 Prozent des investierten Kapitals. Mattil: "Anleger sollten sich genau ausrechnen, wie hoch ihre Chancen sind, mit diesem Produkt jemals eine Rendite zu erzielen." Inhabitat-Vorstand Olaf Haubold weist die Vorwürfe zurück: Insgesamt würden die Kosten für die Zeichner nur 15 Prozent des Gesamtbeitrags betragen. Wirtschaftlich sei die Genossenschaft gesund. Haubold: "Eine Insolvenzgefahr besteht nicht."
Wie aber kann es dazu kommen, dass eine Genossenschaft ins Visier der Anlegerschützer gerät? Denn normalerweise überwachen Prüfverbände die wirtschaftliche Situation. Die Inhabitat ist allerdings aus dem Prüfverband der Thüringer Wohnungswirtschaft ausgetreten - eigentlich ein Warnsignal für Anleger - und lässt sich von dem erst 2006 ebenfalls in Erfurt gegründeten Prüfungsverband Deutscher Genossenschaften kontrollieren.
"In die Wirtschaftssituation der Genossenschaft haben wir deshalb keinen Einblick", sagt Hans-Joachim Roland, Direktor des Verbands der Thüringer Wohnungswirtschaft. Die Inhabitat sei eine "untypische Genossenschaft". Roland: "Üblicherweise erwerben nur Mieter Anteile, ohne Gebühren zu zahlen." Lutz Freitag, Präsident des GdW Bundesverbands Deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, wird noch deutlicher: "Solche Anlageprodukte widersprechen dem eigentlichen Genossenschaftsgedanken."
Die Bundesregierung hat bislang wenig zum Anlegerschutz getan, 2006 das Genossenschaftsgesetz sogar ausgedünnt. Seither genügen drei und nicht mehr sieben Mitglieder für eine Gründung. CDU und SPD wollen nun zumindest verhindern, dass Kapitalmarkthaie die Riesterförderung als Verkaufsargument für überteuerte Anteile an Wohnungsgenossenschaften nutzen.
Nach dem Bürgerentlastungsgesetz, das kommenden Freitag im Bundestag verabschiedet wird, wird die Riesterförderung nur Mietern von Genossenschaftswohnungen zum Erwerb von Anteilen gewährt. Vize-Finanzausschussvorsitzende Gabi Frechen (SPD): "Wir schieben dem Missbrauch der Riesterförderung einen Riegel vor."
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