18.11.12

Leben im Wohnwagen

Des Rentners Freud ist des Camping-Urlaubers Leid

Tausende deutsche Rentner entscheiden sich für ein Leben im Wohnwagen. Das ist bequemer und geselliger, sagen sie. Und natürlich billiger. In der Not schaut sogar der Pflegedienst vorbei.

Von Anette Dowideit
Foto: picture alliance / dpa

Das Ehepaar Doris und Manfred Rösner arbeitet ständig an seiner Dauercampingparzelle
Das Ehepaar Doris und Manfred Rösner arbeitet ständig an seiner Dauercampingparzelle

Das Wohnzimmer der Schulzes macht schon etwas her: Das geblümte Sofa schmücken eine gehäkelte Spitzendecke und eine Porzellanpuppe, gegenüber steht der Fernseher vor feiner, weißer Tapete mit Efeu-Print, daneben eine Vitrine voll silberner Kännchen und Vasen.

Auch den Hauseingang haben die beiden liebevoll gestaltet, mit Blumenkästen voll roter Blüten und dem Konterfei eines Försters. Es könnte ein ganz normales Wohnhaus sein. Bloß: Das Heim des Ehepaars ist winzig – und es steht auf einem Campingplatz.

Das Häuschen der Schulzes, das sie für 28.500 Euro gekauft und anschließend renoviert haben, liegt mitten im Naturpark Saar-Hunsrück. Bis vor wenigen Jahren war hier ein gewöhnlicher Campingplatz. Heute nennen es die Besitzer "Wohn- und Wochenendhausgebiet". Rund 200 Menschen leben hier mit erstem Wohnsitz, viele von ihnen Rentner.

Früher, erzählt Franz-Josef Schulze, bewohnten sie ein großes Haus in Merzig, einer saarländischen Kreisstadt nahe der französischen Grenze. "Aber die laufenden Kosten sind hier viel niedriger", sagt der 71-Jährige. "Ich schätze, dass wir nur die Hälfte zahlen an Strom, Wasser und Heizung."

Campingplatzbetreiber suchen sich Alternativen

Wohnen auf dem Campingplatz ist günstig. Damit ist es offenbar eine Alternative für eine steigende Anzahl von Ruheständlern, die sich kein Haus oder keine teure Wohnung mehr leisten können oder wollen. Bundesweit steigt seit Jahren die Zahl der Rentner, die auf Sozialhilfe angewiesen sind. Das kleine Pachtgrundstück, darauf ein aufgebockter Wohnwagen oder eine Holzhütte, scheint da für viele eine attraktive – oder pragmatische – Lösung zu sein.

"Wohnangebote für Ältere sind eine logische Weiterentwicklung des Campings mit Blick auf den demografischen Wandel", sagt Stefan Thurn, Chefredakteur des vom ADAC jährlich herausgegebenen "Campingführers", der den wohl umfassendsten Überblick über Deutschlands Campingplätze bietet.

Denn einerseits wird günstiger Wohnraum für Ruheständler zunehmend nachgefragt, andererseits müssen sich die Campingplatzbetreiber nach alternativen Nutzungen zum Dauercamping umsehen, das jungen Leuten als zu verstaubt erscheint. "Der Campingplatz bietet sich allein deshalb als Wohnraum für Senioren an, weil er ohnehin fast barrierefrei ist", sagt Thurn.

Genaue Statistiken darüber, wie viele Menschen ihren Lebensabend auf solchen Plätzen verbringen, gibt es nicht. Das Statistische Bundesamt erfasst lediglich Dauercamper, also diejenigen, die einen Wohnwagen mit festem Standort haben. Knapp 650.000 Standplätze gibt es bundesweit schätzungsweise, und mehr als die Hälfte davon sind Dauerstandplätze oder mietbare Wohnwagen.

Brandschutzauflagen werden umgangen

Wie viele der Dauercamper jedoch ständig auf den Plätzen leben, erfasst niemand – was auch daran liegt, dass die günstige Wohnform vielerorts nur halblegal ist: Einige Platzbetreiber haben sich mit den Kommunen darauf geeinigt, dass sozial Schwache zwar in Wohnwagen leben, aber offiziell anderswo gemeldet sind, zum Beispiel bei Freunden, Verwandten oder Sozialvereinen.

Das hat für die Städte und Gemeinden den Vorteil, dass sie günstigen Wohnraum für Menschen mit wenig Geld gewinnen und gleichzeitig Bauauflagen, etwa für Brandschutz, umgehen können.

"Wir erleben momentan ein Auseinanderdriften der Campingplätze in zwei Gruppen", sagt Thurn. "Es gibt die Plätze, die investieren, um für mehr Urlaubscamper attraktiv zu werden. Und es gibt die Gruppe der Plätze, die sich zu lange auf die Dauercampernachfrage verlassen und jetzt mit einem Investitionsstau zu kämpfen haben.

Gerade diese Plätze könnten zu Wohngebieten prekärer Gesellschaftsgruppen mutieren." Zur zweiten Gruppe zählt die Mehrheit der Plätze. Denn von den bundesweit rund 3600 Campingplätzen sind laut ADAC nur 1200 für Urlaubscamper zu empfehlen.

Die Scheidung machte ihn arm

Auf dem Campingplatz Rhein-Sieg regnet es an diesem Morgen, ein kalter Wind weht. Jörg Berg hat die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Er repariert gerade eine Gemeinschaftsdusche – unterbricht aber seine Arbeit, um sein Zuhause zu zeigen: einen in die Jahre gekommenen Wohnwagen mit orange gestreiftem Vordach, der notdürftig mit Plastikplanen gegen Nässe geschützt ist.

Daneben ein zweiter Wagen, der bis unters Dach mit Umzugskartons vollgestopft ist, Bergs Besitztümern. "Seit zwei Jahren bin ich hier", sagt er und zieht an seiner Zigarette. Dann erzählt er, was ihn hierher verschlug: eine Scheidung, die ihn viel Geld gekostet und seine Lebensplanung umgeworfen habe, eine Berufsunfähigkeit, die dazu führte, dass er mit 1100 Euro Rente im Monat auskommen müsse. "Ich hatte mal eine Wohnung hier in der Nähe, da hat aber die Miete fast 800 Euro gekostet."

Seither lebt er auf dem Campingplatz in Lohmar, am Flüsschen Agger gelegen, eine halbe Autostunde entfernt von Köln. Er arbeitet als Platzwart, seit Kurzem fest angestellt. Zu den 244 Euro Miete, die er monatlich für den Wohnwagen zahlt, kommen nur noch die Heizkosten – etwas über 100 Euro kosten ihn die Gasflaschen im Winter pro Monat, schätzt er.

Laut Statistischem Bundesamt erhielten 2010 mehr als 412.000 Ruheständler die sogenannte Grundsicherung im Alter, eine Senioren-Sozialhilfe, das sind 70.000 mehr als 2005. Zum Teil liegt das daran, dass die Zahl der Alten steigt. Dennoch bleibt die Frage: Wo sollen die Menschen leben, die sich von ihrer Rente kaum eine Wohnung leisten können?

Dauercamper vergraulen Urlauber

Bergs Vermieterin und Chefin heißt Sandra Horn. Die Mittzwanzigerin hat ein Herz für verkrachte Existenzen. "Bei uns wohnen viele, die Hartz IV beziehen, und viele Ältere", sagt Horn, die in ihrem einfachen Büro neben der Einfahrt zum Campingplatz sitzt und um deren Beine zwei Hunde streichen. Offiziell darf man hier nicht mit Hauptwohnsitz wohnen. Mehr als 100 Leute leben trotzdem ständig hier, schätzt Horn. Gemeldet sind sie anderswo. Es sind nicht nur Ältere, aber viele seien im Seniorenalter, sagt sie.

Dem Bundesverband der Campingwirtschaft (BVCD) scheinen Plätze wie der von Sandra Horn ein Dorn im Auge zu sein. "Das ständige Wohnen auf einem Campingplatz", schreibt Verbandspräsident Gunter Riechey, würde dessen "Charakter negativ beeinflussen".

Mit anderen Worten: Menschen, die in Wohnwagen leben, vergraulen Urlauber. Die Vorstellung, dass der Wagen für manchen Ruheständler ein pragmatischer Alterswohnsitz ist, passt offenbar nicht ins Selbstbild des Verbandes, der Camping als modernes Urlaubserlebnis vermarkten will.

Ihr Platz sei kein Auffangbecken für hoffnungslose Fälle, betont Horn. Vielmehr sei er eine Brücke zurück für viele, die eine "schwierige Phase" durchlebten. "Wir haben hier einige wohnen, die vorher obdachlos waren, jetzt wieder eine Arbeit haben, aber sich noch keine Wohnung leisten können." In den vergangenen Jahren habe sie sogar ein wenig aussortiert, sagt Horn, und ein paar "schlimmen Alkoholikern" den Pachtvertrag gekündigt, damit sich auch andere Bewohner wohlfühlen könnten. Platzwart Berg sagt, er schätze den Zusammenhalt: "Hier wohnen Leute, die nicht viel Glück hatten im Leben. Deshalb hilft man sich."

Eine Alternative zum Eigenheim

Vom Sozialleben in ihrem neuen Zuhause schwärmen auch Waltraud und Franz-Josef Schulze. Wie viele der oft älteren Bewohner des Areals "Schwarzrinderseen" sind auch sie aus Pragmatismus umgezogen. "In unserem alten Haus musste ich ständig im Garten arbeiten, der viel zu groß war für uns, genauso wie das Haus selbst", sagt Waltraud Schulze, "man muss ja all die vielen Zimmer sauber halten, die niemand mehr benutzt, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Das empfand ich als sehr belastend."

Ganz abgesehen von den Heizkosten für so ein großes Haus, fügt ihr Mann hinzu. Also verkauften die beiden ihr Heim an die Tochter und steckten einen Teil des Geldes in das Holzhäuschen auf dem ehemaligen Campingplatz. Als sozialen Abstieg verstehen die beiden das nicht, eher als Gewinn. Schließlich hätten sie jetzt mehr Zeit für Spaziergänge in der Natur.

"Für viele unserer Pächter ist das hier noch einmal die Verwirklichung eines kleinen Traums", sagt die Betreiberin, Petra Paul. Während sie an diesem kühlen Herbstvormittag in Gummistiefeln über die matschigen Wege des Geländes geht, schwärmt sie davon, dass es hier kaum noch Wohnwagen gebe, sondern vor allem Fertighäuschen aus Holz.

Rund 170 Euro kostet die monatliche Pacht je nach Grundstücksgröße, plus etwa 80 Euro Nebenkosten. Bis zu 75.000 Euro zahlen die Pächter für ein neues Fertighaus, viele kaufen sich aber ein gebrauchtes Häuschen, was viel günstiger ist. Von den 330 Wohneinheiten seien schon 270 belegt, sagt Paul, die Nachfrage sei enorm.

Neuanfang nach der Pensionierung

Auch für Walter und Barbara Krug ist das Holzhäuschen das erste eigene Haus. Das Ehepaar stammt aus Zwickau und kam nach der Wende ins Saarland. Er arbeitete als Pädagoge, sie als Verkäuferin im Kaufhaus. Die beiden brachten es zu einer Eigentumswohnung, hatten jedoch Pech mit dem Viertel: Ständig gab es Vandalismus, umgetretene Gartenzäune, brennende Mülltonnen, demolierte Autos.

Deswegen wagten sie kurz nach der Pensionierung einen Neuanfang. Sie verkauften die Eigentumswohnung und steckten ihr Erspartes in ein Holzhäuschen, das sie seither liebevoll dekoriert haben: Es gibt einen Kamin, Zimmertüren aus Glas, sogar einen Wintergarten. Man fühlt sich, als stehe man in der Miniatur eines englischen Landhauses.

Bewohner wie die Krugs sind Betreiberin Paul die liebsten. Sie will aus dem ehemaligen Campingplatz ein Paradies für Senioren mit bescheidenen Einkünften machen. Demnächst plant sie eine Kooperation mit einem ambulanten Pflegedienst. Einen Fahrdienst in den nahe gelegenen Ort gibt es schon, und in der Mitte des abschüssigen Geländes entsteht ein Gemeinschaftshaus.

Ambulanter Pflegedienst schaut vorbei

"Hier drin sollen bald Vortragsabende stattfinden, eine Tanzschule wird wohl regelmäßig Kurse anbieten, und man kann sich gesellig zusammensetzen", sagt die Chefin und zeigt auf die Baustelle. Wer sich Essen vom Seniorenservice liefern lasse, könne sich dort künftig mit anderen zum Mittagessen treffen.

Paul sprudelt nur so vor Ideen, die ihr Wohngebiet im Wald älteren Kunden schmackhaft machen sollen: Sie organisiert Fußpfleger und Friseure, die auf den Platz kommen, und Lieferdienste von Bäcker und Gemüsehändler. Sie bietet gegen Gebühr an, nach dem Rechten zu sehen, falls Bewohner verreisen. "Und wir haben zwei Platzwarte. Die könnten in Zukunft auch als unser eigenes Hausnotruf-System dienen, falls einer der älteren Herrschaften mal stürzt", sagt sie. Es erinnert ein bisschen an betreutes Wohnen.

Die Schulzes hoffen, auch dann weiter in ihrem Holzhäuschen wohnen zu können, wenn sie einmal gebrechlich werden sollten. Darauf bereiten sie sich schon vor: "Als Nächstes", sagt Franz-Josef Schulze, "wollen wir unsere Wohnung rollatorgerecht umbauen."

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