16.11.12

Untersuchungsbericht

DDR-Zwangsarbeiter mussten für Ikea produzieren

Der Möbelkonzern Ikea hat zugegeben, dass man in den 70er- und 80er-Jahren Vorprodukte von politischen Gefangenen der DDR herstellen ließ. Nun bemühen sich die Schweden um Wiedergutmachung.

Von Sven Felix Kellerhoff und Laura Berlin
Quelle: Reuters
16.11.12 1:24 min.
Der Möbelkonzern Ikea hat erstmals eingeräumt, zeitweise von der Zwangsarbeit politischer Häftlinge in der DDR profitiert zu haben. Der Deutschlandchef, Peter Betzel, bat Betroffene um Entschuldigung.

Der schwedische Möbelkonzern Ikea hat eingeräumt, dass in den 70er- und 80er-Jahren auch politische Gefangene in DDR-Gefängnissen Vorprodukte hergestellt haben. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, die Ikea mit einer Durchsicht eigener Akten sowie der Unterlagen in der Stasiunterlagen-Behörde und in weiteren Archiven beauftragt hatte.

Die Untersuchung, die knapp ein halbes Jahr gedauert hat, kommt zum klaren Schluss: "In einzelnen Produktionsstandorten und Zulieferbetrieben der ehemaligen DDR wurden unter anderem durch politische Gefangene und Strafgefangene mindestens Zubehörteile für Ikea-Artikel hergestellt."

Möglicherweise ab 1978, spätestens aber seit 1981 hatte die Ikea-Zentrale in Schweden Kenntnis von entsprechenden Gerüchten.

"Wir bedauern außerordentlich, dass das geschehen konnte", sagte Jeanette Skjelmose, die für Nachhaltigkeit bei Ikea Schweden verantwortlich ist: "Zu jener Zeit hatten wir noch nicht das heutige Kontrollsystem und haben offenbar nicht genug getan, um derartige Produktionsweisen zu verhindern."

Deutschland-Chef zeigt sich tief betroffen

Zerknirscht räumte der gegenwärtige Geschäftsführer von Ikea Deutschland Peter Betzel ein, sein Unternehmen und er persönlich seien "tief betroffen". Mehrfach wiederholte er: "Ikea hat nicht akzeptiert und wird nie akzeptieren, dass politische Gefangene in der Produktion eingesetzt werden." Man habe allerdings, nachdem man Kenntnis von den Vorwürfen erhalten habe, nicht genug getan, um für Aufklärung zu sorgen.

Mit dem Bericht von Ernst & Young, der mehrere hundert Seiten stark sein soll, aber aus Gründen des Datenschutzes nicht veröffentlicht werden dürfe, sieht Ikea nach Betzels Worten die Angelegenheit nicht als erledigt an.

Der nächste Schritt sei, dass man ein Forschungsprojekt der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) unterstützen, das heißt bezahlen werde. Darin solle es um Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen gehen, nicht nur im indirekten Auftrag von Ikea.

Auch andere Firmen ließen DDR-Häftlinge arbeiten

Zahlreiche weitere westliche Unternehmen hatten die Arbeitskraft der unter inakzeptablen Bedingungen und oft wegen fadenscheiniger Vorwürfe einsitzenden Häftlinge ausgenutzt. So ließen Versandunternehmen wie Quelle und Neckermann in Haftanstalten Bettwäsche nähen oder Fotokameras für das untere Preissegment produzieren.

Zur entscheidenden Frage einer Entschädigung für die Betroffenen solcher menschenrechtswidriger Ausbeutung blieb Betzel vage. Nach dem Abschluss wissenschaftlicher Forschungen müsse "auf politischer Ebene" und mit weiteren Firmen über Konsequenzen gesprochen werden. Wie lange das dauern soll und wie viel Geld Ikea auszugeben bereit sei, sagte Betzel nicht.

Rainer Wagner, der Vorsitzende der UOKG, sprach von ein bis zwei Jahren. Ein am geplanten Projekt beteiligter Historiker der Opferorganisation bekannte dagegen, ein solches Vorhaben werde "Jahre brauchen".

Ehemalige politische Häftlinge sind unzufrieden

Die zahlreichen bei der Präsentation der Untersuchungsergebnisse anwesenden ehemaligen politischen Gefangenen in DDR-Haftanstalten waren überwiegend unzufrieden. "Das ist eine Farce", sagte Jens Thiemke: "Ikea räumt Schuld ein, aber juristisch und finanziell bringt uns das nichts." Nach einem gescheiterten Fluchtversuch 1986 musste Thiemke viele Monate in der Strafanstalt Naumburg an ausgeleierten Maschinen Metallteile für Möbel stanzen. Eine wissenschaftliche Studie zu finanzieren, ohne die Opfer zu entschädigen, genüge nicht.

Ein anderer Betroffener, Alexander Arnold, beschrieb die in Naumburg angewendeten Methoden psychischer und auch physischer Folter, etwa Arrest in kalten Dunkelzellen oder das Anketten an Betten. In seiner Zeit seien in dem Gefängnis fast komplette Bürostühle für Ikea hergestellt worden, nicht nur Einzelteile, und zwar zu weit höheren "Arbeitsnormen" als in gewöhnlichen "Volkseigenen Betrieben der DDR".

Roland Jahn sieht Anzeichen für Verklärung

Betzel gestand ein, dass Ikea über viele Jahre komplette Möbel aus der DDR bezogen hat. Den Vorwurf, auch in kubanischen Gefängnissen produziert zu haben, wies er dagegen zurück. 1987 habe es eine Probelieferung von 71 Sofas gegeben, doch sie hätten nicht den Qualitätsmaßstäben des Möbelkonzerns entsprochen. Deshalb sei es nicht zu langfristigen Geschäftsbeziehungen gekommen.

Roland Jahn, der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, forderte aber die Öffentlichkeit auf zu prüfen, ob es sich bei dem Bericht um "Aufklärung oder Verklärung" handele. Deutlicher wurde Anna Kaminsky, die Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur: "Es wäre wünschenswert, ja erforderlich, einen Fonds aufzulegen, aus dem die Rente ehemaliger politischer Gefangener aufgebessert wird." Das müsse ohne Nachweis geschehen, wann und für welches westliche Unternehmen ein Insasse arbeiten musste.

Hubertus Knabe, der Direktor der Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, kritisierte das Vorgehen des Konzerns: "Es geht nicht, dass ein Beschuldigter seine Taten selbst untersucht." Ikea müsse seine Unterlagen für eine zur Verfügung zu stellen. "Es liegt im ureigenen Interesse des Konzerns, für größtmögliche Transparenz zu sorgen."

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