15.11.12

Fluggesellschaften

Air Berlin will jetzt noch mehr sparen

Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft will Maschinen und ihr Vielfliegerprogramm verkaufen. Außerdem soll die Belegschaft schrumpfen.

Foto: dapd

Mehdorn bereitet Mitarbeiter auf Einschnitte vor
Mehdorn bereitet Mitarbeiter auf Einschnitte vor

Manchmal verfallen Manager, wenn sie unter Druck stehen, in schwer verständliches Branchenkauderwelsch. So erging es auch Air-Berlin-Chef Hartmut Mehrdorn und seinem Finanzvorstand Ulf Hüttmeyer, als sie die Neunmonatszahlen der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft nach der Lufthansa vorlegten. Der Verkauf der Mehrheit am Vielfliegerprogramm "Top Bonus" wird dann zum "smarten Muv", das Kostensenkungsprogramm "Turbine 13" hört sich bei Mehdorn an wie "Törbein". Und im Rahmen von "Törbein" soll dann auch bis Ende des Jahres ausgearbeitet werden, "welche Möglichkeiten haben wir noch", um den so sehnsüchtig erhofften "Turnaround" doch noch hinzubekommen – die Wende zum Besseren.

Vor allem vor den Möglichkeiten haben die Mitarbeiter Angst. Es kursiert das Gerücht, dass zehn Prozent der 9300 Beschäftigten gehen müssten. Genaue Zahlen nannte Mehdorn auch diesmal nicht, nur, dass mehr gespart werden müsse als ohnehin schon. Sorge bereitet dem Konzernchef auch die Konjunktur, die Luftverkehrsteuer, der aufkommende Berliner Winter und vor allem das Management der Flughafenbetreibergesellschaft in Berlin. Also keine schönen Aussichten für die nächsten Monate.

Dennoch: Die Wende zum Besseren ist es, die den 70-jährigen Mehdorn antreibt. Er möchte allzugern derjenige sein, der die Fluggesellschaft "nachhaltig" in die Gewinnzone gebracht hat – trotz aller Kritik. Und obwohl Mehdorn und sein Finanzvorstand sich trotz aller Widrigkeiten unverdrossen als Optimisten geben, hat es in den vergangenen Wochen wohl reichlich Zunder gegeben von den Anteilseignern. Denn immer wieder flutschte beiden während der Vorlage der Satz heraus: "Wir haben geliefert!"

Wahr ist, dass es Air Berlin bis heute gibt, weil Mehdorn nach dem Abgang von Mitgründer und Langzeitchef Joachim Hunold beherzt ein Sparprogramm installiert und mithilfe einer Heerschar von Beratern die Geschäfte entrümpelt und professionalisiert hat. Das kostet allerdings erst einmal Geld, bevor es welches einbringt. Gleichzeitig verschlechterte sich das Branchenumfeld so dramatisch, dass Mehdorn einen Teil des Unternehmens an die arabische Etihad Airways verkaufen musste. Und dann ist da noch der Hauptstadtflughafen BER, der Air Berlin in erhebliche Turbulenzen gebracht hat. Denn statt seit Juni von dort aus zu fliegen, muss das Unternehmen bis Herbst nächsten Jahres warten – wenn alles gut geht und der Flughafen bis dahin tatsächlich fertiggebaut sein wird.

Gutes Sommergeschäft

Dennoch ist das Sommergeschäft ganz gut gelaufen, wenn auch nicht so gut wie erhofft: Im dritten Quartal und damit in den umsatzstärksten Monaten des Jahres erhöhte die Fluggesellschaft das operative Ergebnis um 4,5 Prozent auf 101,2 Millionen Euro und konnte das Nettoergebnis mit 66,6 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahreszeitraum sogar mehr als verdoppeln. Der Konzernumsatz blieb trotz eines gekürzten Flugangebots bei knapp 1,4 Milliarden Euro stabil. Insgesamt lag der Verlust aber nach neun Monaten bei 77,5 Millionen Euro (Vorjahreszeitraum 123,7 Millionen Euro). "Damit sind wir zwar auf dem richtigen Weg, die Reise ist aber noch nicht beendet", kündigte Mehdorn an, die Kosten weiter senken zu wollen.

Air Berlin will die Mehrheitsanteile an seinem Vielfliegerprogramm "Top Bonus" mit rund drei Millionen Mitgliedern an einen Investor verkaufen. Das Programm "Miles and More" des großen Konkurrenten Lufthansa hat 22 Millionen Teilnehmer. Die Erträge aus dem Mehrheitsverkauf von "Top Bonus" werden sich Finanzvorstand Hüttmeyer zufolge dennoch sehr positiv auf das Jahresergebnis der Gesellschaft auswirken. Sie sollen "deutlich zur Stabilisierung" von Air Berlin beitragen. Der Finanzvorstand rechnet damit, dass die hohe Verschuldung von derzeit 853 Millionen Euro bis zum Jahresende auf rund 500 Millionen gesenkt werden könnte.

Dazu beitragen soll auch der Verkauf von Flugzeugen, den die Berliner bereits im August angekündigt hatten. Allerdings laufen die Verhandlungen mit Interessenten derzeit wegen der sich eintrübenden wirtschaftlichen Aussichten nicht so wie erwartet. Nur zwei Passagiermaschinen sind bislang verkauft.

Die Bremsspuren in der Konjunktur, die Aussicht auf einen harten Winter, steigende Kosten wegen staatlicher Gebühren und die Sorge, die Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens könnte erneut verschoben werden, machen allerdings Mehdorn große Sorgen. "Vor allem die externen Faktoren sind ein großes Ärgernis." Allein die deutsche Luftverkehrsteuer habe die Fluggesellschaft von Januar bis September 121 Millionen Euro gekostet, sagte er. Zusätzlich sind die Kerosinkosten um fast 100 Millionen Euro gestiegen. Es muss also weiter eisern gespart werden. Neue Einzelheiten will Mehdorn Ende des Jahres vorlegen. Mehdorn schließt ausdrücklich auch Entlassungen nicht mehr aus.

Die Gewerkschaft Ver.di forderte, Sparpläne sofort öffentlich zu machen. Berichte über die mögliche Streichung jedes zehnten der rund 9300 Arbeitsplätze bei Air Berlin seien "schockierend". Sollen sie wohl auch sein, denn derzeit gibt es erste Vorgespräche zu den anstehenden Tarifverhandlungen.

"Sehr nervös"

Und dann ist da noch die Betreibergesellschaft der Berliner Flughäfen. Mit der streitet sich Mehdorn über Schadenersatz für die Kosten, die entstanden sind, weil der Hauptstadtflughafen nicht rechtzeitig fertig wurde. Air Berlin habe in "neun oder zehn großen Gesprächen" versucht, beim Schadenersatz zu einer sachlichen Einigung zu kommen, sagte Mehdorn. "Auf der anderen Seite war nur Schulterzucken." Er habe "keinen Willen, sich irgendwie zu bewegen", wahrnehmen können und "keinen Anflug von Schuldbewusstsein". Letztlich habe er deshalb eine Feststellungsklage im Interesse des Unternehmens einreichen müssen. Bisher sei ein Schaden in zweistelliger Millionenhöhe entstanden.

Weil Mehdorn nur noch wenig Vertrauen in die Manager der Flughafengesellschaft hat, ist er "sehr nervös" mit Blick auf den Winter. Vor allem der extrem enge Flugbetrieb in Berlin-Tegel mache ihm große Sorgen. Er fürchtet ein Winterchaos. Tegel sei nicht viel mehr als ein höchst unzulängliches Provisorium, obwohl "die Zeltstadt" dort jetzt noch erweitert werde. Air Berlin brauche den neuen Flughafen so dringend "wie nur irgendwas".

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