15.11.12

Verbände

Eric Schweitzer wird den DIHK beschleunigen

Der Berliner Alba-Chef ist designierter Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Damit wird sich im Verband einiges ändern.

Foto: Massimo Rodari

Gut gelaunt: Eric Schweitzer, Präsident der Berliner IHK, soll den Dachverband der Industrie- und Handelskammern führen
Gut gelaunt: Eric Schweitzer, Präsident der Berliner IHK, soll den Dachverband der Industrie- und Handelskammern führen

An der Breiten Straße im Herzen Berlins steht unweit jenes Platzes, wo das Stadtschloss wieder aufgebaut wird, das Haus der Deutschen Wirtschaft. Dort hat der ehrwürdige Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) seinen Sitz. Mehr als 150 Jahre alt ist der Verband und mutet mitunter etwas gemächlich an. Nun steht ihm eine Beschleunigung bevor. Denn an die Spitze des DIHK soll im März der Berliner Unternehmer und IHK-Präsident Eric Schweitzer rücken. Damit bekommt der Dachverband der 80 deutschen Industrie- und Handelskammern (IHK) einen Typ Präsident, den er bislang nicht hatte. Und das liegt nicht nur daran, dass Schweitzer mit seinen 47 Jahren für DIHK-Präsidenten-Verhältnisse fast ein Teenager ist.

Hans Heinrich Driftmann (68), derzeit DIHK-Präsident, war bei seinem Amtsantritt schon 64 Jahre alt. Davor führte Ludwig Georg Braun, ein asketischer Hesse, den DIHK. Er zählte zur Amtseinführung auch schon 58 Jahre. Driftmann, der vier Jahre lang eher glücklos agierte, hat am Donnerstag in Dresden offiziell verkündet, worauf sich die Findungskommission des DIHK verständigt hat. Formal steht nun noch die Wahl durch die DIHK-Vollversammlung im kommenden Jahr aus. Die Mitarbeiter in der DIHK-Zentrale können sich aber schon jetzt mit dem Gedanken vertraut machen, dass einiges anders werden wird.

Unruhe verbreiten

Künftig kann der Präsident jederzeit auftauchen und Unruhe verbreiten. Für die DIHK-Mitarbeiter ist das eine neue Erfahrung. Früher sei es so gewesen, erzählt einer, der Schweitzer und den Verband kennt, dass beim DIHK Mitarbeiter für den Präsidenten die Flüge nach Berlin buchten und seinen Aufenthalt in der Bundeshauptstadt organisierten. "Sie wussten, wann er kommt und wann er wieder die Stadt verlassen wird." Künftig wird es häufiger passieren, dass der Präsident unangemeldet mit seinem Auto, das er selbst steuert, vor der Schranke an der Breiten Straße stehen wird. Das Berlin der Bundespolitik muss sich Schweitzer nicht erst erklären lassen. Stattdessen wird er mit seinen Ideen Leute überraschen und auf Trab bringen. Eric Schweitzer mag das.

Als er 2004, gerade 38 Jahre alt, Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer wird, will er kurz nach seiner Wahl IHK und Handwerkskammer in der Hauptstadt zusammenlegen. Ausgeheckt hat er das gemeinsam mit Handwerkspräsident Stephan Schwarz. Den Funktionären der restlichen Kammern und dem DIHK fährt erst der Schreck in die Glieder, als sie von den Plänen der Berliner erfahren. Dann bremsen sie. Schweitzers Vorstoß wird unter Verweis auf das Kammergesetz abgeschmettert. Spätestens seitdem weiß aber jeder in der Riege der deutschen Wirtschaftsfunktionäre, wer Eric Schweitzer ist.

Vom kommenden Jahr an werden das wohl auch viele Deutsche wissen. Ein DIHK-Präsident ist eine natürliche Wahl, wenn bei Günther Jauch oder Maybrit Illner Themen wie Euro-Krise, Steuerpolitik oder Verantwortung verhandelt werden. Driftmann hat da in seiner vierjährigen Amtszeit kaum Akzente gesetzt. Sein Unternehmen steht in Kiel, er ist der typische Berlin-Besuchs-Präsident. Mit Schweitzer dürfte der DIHK seine öffentliche Präsenz spürbar erhöhen. Und nicht nur das.

Schweitzer mag Politik, er kennt sich in den Themen gut aus. Er scheut keinen Streit und mag intellektuelle Anregung. Vor allem aber hat er Lust auf die Bundesliga, auf die großen Themen. Nur Berlin, wo er weiterhin Präsident der örtlichen IHK bleiben wird, ist ihm mittlerweile ein wenig zu klein – und es langweilt ihn wohl auch hin und wieder. Zwar schweigt er eisern, wenn man ihm irgendetwas zu seiner Agenda als DIHK-Präsident entlocken will. "Ich werde mich nicht äußern, bevor mich die Vollversammlung gewählt hat", sagt Schweitzer. Doch wenn er über die Euro-Krise oder über sein Selbstverständnis als Unternehmer redet, wird zweierlei klar: Hier kommt jemand, den das reine Lustprinzip treibt, Debatten anzustoßen. Außerdem ist Schweitzer einer, der Entwicklungen gern mitbestimmt.

Dafür bietet ihm sein neuer Job reichlich Gelegenheit, und Schweitzer wird das nutzen. "Es ist ein unmittelbarer Zeitvorteil, dass ich in Berlin bin", sagt er. Ein DIHK-Präsident spricht für rund 3,6 Millionen deutsche Unternehmen. Für die Bundesregierung ist er einer der wichtigsten Ansprechpartner, wenn es um Belange der Wirtschaft geht. Schweitzer kommt zugute, dass er schon ziemlich gut Bescheid weiß, wie das bundespolitische Berlin tickt. Er sitzt im Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung. Über die Verbandswelt der Entsorgungsbranche ist er bestens vertraut mit den Mechanismen des Politikbetriebs.

"Ich bin Müllmann", sagt Eric Schweitzer gern, wenn er sich vorstellt. Das klingt nach Straßendreck und Geruch der Großstadt und ist natürlich ziemlich untertrieben. Die Alba Gruppe, die er mit seinem jüngeren Bruder Axel führt, hat rund 9000 Mitarbeiter und macht einen Jahresumsatz von mehr als drei Milliarden Euro. Zum Reich der Schweitzers gehört auch der Basketball-Bundesligist Alba Berlin. Alba ist eines der größten Unternehmen in der Hauptstadt. Aber der kokette Satz hat mit seiner Herkunft zu tun.

Sein Vater Franz Josef Schweitzer, ein Bauingenieur, gründete Alba 1968 als kleine Klitsche im Wedding. Schweitzer entstammt mithin nicht einer Familie, die seit Generationen ein etabliertes Unternehmen führt. Vielmehr musste der Vater sich den Unternehmenserfolg hart erkämpfen. Eric Schweitzer umgibt wohl auch deswegen die Attitüde des Aufsteigers. Eines Mannes, der es wissen will, der längst noch nicht satt ist. Er kennt die körperliche harte Arbeit in einem Entsorgungsunternehmen, hat den Lkw-Führerschein und kann noch heute einen blauen Alba-Müllwagen unfallfrei durch Berlin steuern. Und er hat auch erfahren, dass Schicksalsschläge ein Familienunternehmen hart treffen können. Sowohl sein Vater als auch sein älterer Bruder starben überraschend.

Wohlwollen in Berlin

In Berlin, wo er so gut vernetzt ist wie kaum jemand sonst, betrachtet man seinen Aufstieg auf die große Bühne mit Wohlwollen. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) verschickte am Donnerstag eine offizielle Mitteilung und gratulierte: "Ich freue mich sehr über die Nominierung des Berliner IHK-Präsidenten für das höchste Amt der Kammerorganisation in Deutschland." Es ist mehr als eine Pflichtübung. Beide hegen Respekt füreinander, trotz gelegentlicher Meinungsverschiedenheiten.

Schweitzer – er ist verheiratet und hat zwei Kinder – sagt, er werde trotz des neuen Amtes noch immer Freizeit haben. Seinen Zeitplan hat er gut im Griff, und er sagt, dass er über "recht viele freie Abende" verfüge. Die Akteure der Berliner Landespolitik kennt er, die Themen – von Industriepolitik bis zu den Problemen am künftigen Hauptstadtflughafen BER – sind ihm vertraut. Ziemlich unwahrscheinlich, dass ihm da trotz des neuen Amtes in Zukunft etwas entgeht. Und für die Eroberung der großen Bühne dürfte Eric Schweitzer längst einen Plan haben.

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