15.11.12

Wachstum ade?

"Letztes halbwegs solides Quartal für Deutschland"

Die Kauflaune der Verbraucher und der Export haben der deutschen Wirtschaft noch einmal ein Plus beschert. Ökonomen erwarten, dass das nun vorbei ist. Andernorts sieht es noch düsterer aus.

Von To. Kaiser und G. Wüpper
Foto: Infografik Die Welt
So hat sich die deutsche Wirtschaft entwickelt
So hat sich die deutsche Wirtschaft entwickelt

Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal kaum noch gewachsen. Die Wirtschaftsleistung legte zwischen Juli und September nur noch um 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zu, teilte das Statistische Bundesamt mit.

Damit gehört Deutschland aber zu den wenigen Volkswirtschaften in der Euro-Zone, die immer noch wachsen. Die Wirtschaft des Währungsraums schrumpfte im dritten Quartal um 0,1 Prozent und rutschte damit in die Rezession. Bereits im Frühjahr war die Wirtschaftsleitung um 0,2 Prozent gesunken. Ökonomen sprechen von einer Rezession, wenn eine Volkswirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen schrumpft.

Deutschland verliert an Kraft

Jedoch verliert auch die Wirtschaft hierzulande seit Monaten an Kraft: Im ersten Quartal wuchs sie noch um ein halbes Prozent, im zweiten nur noch um 0,3 Prozent, jetzt um 0,2 Prozent. Dieser Trend dürfte sich bis zum Jahresende fortsetzen, denn die negativen Signale hatten sich zuletzt gehäuft: Die Stimmung in den Unternehmen ist so schlecht wie seit einem halben Jahr nicht mehr, viele Firmen meldeten bereits vorsorglich Kurzarbeit an.

"Das war bis auf weiteres wohl die letzte halbwegs solide Quartalszahl aus Deutschland", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Ihm bereitet Sorge, dass die Bestellungen der Industrie bereits seit einem Jahr nach unten zeigen.

Zuletzt waren die Aufträge besonders stark zurückgegangen. Da die Orderbücher der Unternehmen nicht mehr so prall gefüllt sind wie noch zu Beginn des Jahres, wird sich der Einbruch schon bald auf die Produktion auswirken.

Ökonomen sind sich uneins

Ob die Wirtschaft aber tatsächlich schrumpfen wird, darüber sind sich Ökonomen nicht einig. "Dem erfreulichen Wachstum im dritten Quartal wird eine Schrumpfung im vierten folgen", sagt Andreas Scheuerle, Volkswirt bei der Dekabank. Die Bundesbank hingegen erwartet, dass die Wirtschaft im laufenden vierten Quartal nur stagnieren wird.

Noch hat das Statistische Bundesamt nicht genügend Daten, um berechnen zu können, woher das Wachstum im vergangenen Quartal kam, aber erste Indizien gibt es bereits: Vor allem das Geschäft mit dem Ausland, die Kauflaune der Verbraucher und ein ausgabenfreudiger Staat haben in den vergangenen Monaten das Wachstum getrieben.

Die Unternehmen hingegen haben weniger Geld ausgegeben: Angesichts der unsicheren Lage in der Euro-Zone halten die Manager sich bei Investitionen in Maschinen, Anlagen und Fahrzeuge zurück. Die Investitionen in Gebäude legten dagegen zu.

Enorme Unterschiede in Euro-Zone

Verglichen mit anderen Volkswirtschaften in der Euro-Zone steht Deutschland noch gut da. Das geringe Minus der Euro-Wirtschaft verdeckt die enormen Unterschiede innerhalb des Währungsraums. Besonders die Peripherie fällt weiter zurück. In Portugal beispielsweise sank die Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent.

Auch Spanien und Italien verharren in der Rezession, allerdings fiel in beiden Volkswirtschaften der Rückgang weniger stark aus. Wie dramatisch die Situation in den Krisenländern ist, zeigt der Vergleich mit dem Vorjahr: In Griechenland ist die Wirtschaft im dritten Quartal um 7,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr geschrumpft; in Portugal liegt das Jahresminus bei 3,4 Prozent.

Niederlande von Immobilienkrise gebeutelt

Ökonomen erwarten, dass es in dieser Richtung weitergeht, denn das schwache Wachstum der Euro-Zone lässt auch die Nachfrage aus dem Ausland schrumpfen. In den Niederlanden sorgten eine Immobilienkrise und schlechtere Exportgeschäfte für ein Minus von 1,1 Prozent – es ist das größte in der Währungsunion.

Bei den Preisen ist dagegen Entspannung in Sicht. Die Inflation in der Euro-Zone sank im Oktober leicht von 2,6 auf 2,5 Prozent. Bei einer Rate von zwei Prozent spricht die Europäische Zentralbank von stabilen Preisen.

Frankreich überrascht positiv

Eine überraschend positive Nachricht kam aus Frankreich, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone: Nach ersten Berechnungen legte das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal sowohl im Vergleich zum Vorquartal als auch im Vergleich zum Vorjahreszeitraum leicht um 0,2 Prozent zu. Im zweiten Quartal war die Wirtschaftsleistung noch leicht geschrumpft, nachdem sie ein halbes Jahr lang stagniert hatte.

Die Daten dürften bei der sozialistischen Regierung von Präsident François Hollande für Erleichterung sorgen. Noch vor einer Woche hatte die französische Zentralbank gewarnt, dass das Land Ende des Jahres in eine leichte Rezession rutschen könnte. Der anziehende private Verbrauch der Franzosen und die Exportwirtschaft, die wieder mehr zu tun hatte, trieben die Konjunktur im Nachbarland jedoch an.

Wachstumsziele wohl außer Reichweite

Für Frankreichs Regierung dürfte es trotzdem schwierig werden die eigenen Defizit- und Wachstumsziele zu erreichen. Sie erwartet für 2012 ein Wachstum von 0,3 Prozent und für das kommende Jahr 0,8 Prozent. Doch es scheint immer fraglicher, ob die Konjunktur 2013 wieder an Fahrt aufnimmt.

Während die Regierung noch immer auf ihren Zielen beharrt, sind die EU-Kommission und der Internationale Währungsfonds (IWF) weitaus pessimistischer. So liegt die Wachstumsprognose der EU und des IWF nur bei 0,4 Prozent.

Brüssel hatte deshalb gewarnt, dass es Paris nicht gelingen dürfte, das Haushaltsdefizit 2013 wie versprochen auf drei Prozent zu senken. Frankreich dürfte auch das Defizitziel um 0,5 Prozent verfehlen, so die EU-Kommission.

Wirtschaftsminister Pierre Moscovici hat Kritik, die Wachstumsprognosen der Regierung seien zu optimistisch, bisher von sich gewiesen. Brüssel habe nicht den in dieser Woche vorgestellten Pakt zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit berücksichtigt.

Quelle: dapd
07.11.12 1:45 min.
Nach der Jahresanalyse der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung durch die fünf Wirtschaftweisen, wird sich die Konjunktur in Deutschland im kommenden Jahr wieder leicht verbessern.
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Warum Frankreich unter Druck steht
  • WETTBEWERBSFÄHIGKEIT

    In Sachen Wettbewerbsfähigkeit rutschte Frankreich in diesem Jahr um drei Ränge auf den 21. Platz ab, fand das World Economic Forum bei seinem weltweiteren Standortvergleich heraus. Zum Vergleich: Deutschland belegt Rang sechs. Auch die kleineren Nachbarn Niederlande (5.) und Belgien (17.) liegen noch vor der „Grande Nation“. Zwar gehört die Infrastruktur in Frankreich weiter zu den besten der Welt. Aber der Arbeitsmarkt wird als zu starr empfunden, das Steuersystem als zu wirtschaftsfeindlich: Hier belegt Frankreich nur die Ränge 111 und 128.

  • INDUSTRIE

    Während die deutsche Industrie in Deutschland eine Renaissance erlebt, befindet sie sich beim Nachbarn auf dem Rückzug. Nur noch 12,6 Prozent trägt sie zur Bruttowertschöpfung bei, in Deutschland dagegen mehr als doppelt so viel (26,2 Prozent). Ein Grund dafür sind die Arbeitskosten: Im Schnitt kostet eine Stunde Arbeit in der deutschen Privatwirtschaft 30,10 Euro, in Frankreich dagegen 34,20 Euro, fand das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft heraus.

  • MINI-WACHSTUM

    Entsprechend düster sind die Konjunkturaussichten: Lediglich ein Mini-Wachstum von 0,1 Prozent traut der Internationale Währungsfonds der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone zu. 2013 sollen es mit 0,4 Prozent nur unwesentlich mehr sein. Zum Vergleich: Die deutsche Wirtschaft dürfte sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr um 0,9 Prozent wachsen. Entsprechend düster sieht es auch am Arbeitsmarkt aus: Die Arbeitslosenquote liegt bei 10,8 Prozent – in Deutschland ist die nach internationalen Standards berechnete Quote nicht einmal halb so hoch.

  • SCHULDEN

    Dem Staat sind wegen der hohen Verschuldung die Hände gebunden – er muss sparen: Während Deutschland kaum noch neue Schulden macht, dürfte das Defizit in Frankreich sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr über der in den EU-Verträgen verankerten Obergrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes bleiben. Der Schuldenberg wird nach Prognose der EU-Kommission bis 2013 auf 92,5 Prozent der Wirtschaftsleistung wachsen. Erlaubt sind eigentlich 60 Prozent. Zwischen 1992 und 2007 lag er im Schnitt noch bei 57,7 Prozent.

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