15.11.12

Kapitalismus

Gauck fordert mehr Anstand in der Wirtschaft

Der Bundespräsident mahnt die Manager angesichts der Finanzkrise zu mehr Anstand. Gewinnstreben an sich sei nicht unanständig, aber gefährlich sei "die blanke Gier, das Mehrwollen um jeden Preis".

Foto: dapd

Bundespräsident Joachim Gauck lobt auch die deutsche Sozialpartnerschaft
Bundespräsident Joachim Gauck lobt auch die deutsche Sozialpartnerschaft

Bundespräsident Joachim Gauck hat als Lehre aus der jüngsten tiefen Finanzkrise die Unternehmensmanager vor ungezügeltem Gewinnstreben und Gier gewarnt. Zugleich forderte er am Donnerstag in einer Rede auf dem "Führungstreffen Wirtschaft" der "Süddeutschen Zeitung" in Berlin ein Umdenken in der Gesellschaft, um wieder stärker die Verantwortung für das ganze Gemeinwesen ins Zentrum des Handelns zu rücken.

"Anstand im Wirtschaftsleben ist wichtig", unterstrich Gauck laut Redetext. Das heiße aber nicht, dass Gewinnstreben unanständig sei. "Gefährlich wird erst die blanke Gier, das Mehrenwollen um jeden Preis. Zivilisierung der Gier aber schafft aufgeklärten Kapitalismus." Gauck erinnerte an den Satz des Grundgesetzes "Eigentum verpflichtet". Wirtschaftseliten dürften nicht nur an gute Ertragszahlen denken, sondern müssten auch Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen. "Schwarze Zahlen sind kein Grund, rote Linien zu überschreiten."

Gesunde Unternehmen brauchen auch ein gesundes Umfeld

Das gelte auch für die Weltwirtschaft. "Dass nicht nur Geld und Ressourcen, sondern auch unsere sozialen Werte auf dem globalen Marktplatz zur Disposition stehen, haben noch nicht alle verstanden", kritisierte Gauck. Es gehe auch um Menschenrechte, Menschenwürde, um Respekt und ein Miteinander der Verschiedenen. "Es geht um Demokratie, ihre Bürger und alle denkbaren Formen der Verantwortung", unterstrich der Bundespräsident. Gesunde Unternehmen brauchten ein gesundes Umfeld. Dass bringe auch ökologische Verantwortung mit sich.

Ein verantwortungsbewusstes Handeln der Unternehmen präge aber auch das Verantwortungsbewusstsein der Kunden, sagte Gauck und verwies insbesondere auf die Konsumenten: "Wie lange greifen Europäer noch zur Jeans für zehn Euro, obwohl sie wissen, dass die Allerärmsten in Asien oder Lateinamerika einen hohen Preis dafür zahlen, mit ihrer Gesundheit oder ihrer Menschenwürde?" Denn Kunden prägen mit ihrem Handeln die Produktionsbedingungen in aller Welt.

Gauck: Auch die Politik trägt Verantwortung

Schuld an der Krise sind nach Gaucks Einschätzung nicht nur die Unternehmen, und insbesondere die der Finanzbranche. Unter ihnen habe es Verführer wie Verführte gegeben. Denn auch die Politik habe unrealistische Wachstumsfantasien genährt. Überzogene Erwartungen und Gutgläubigkeit habe es auch unter den Kunden gegeben. "Maßlosigkeit hat in die Krise geführt", resümierte der Bundespräsident.

Alle müssten sich selbst hinterfragen sowie ihr Verhalten, ihre inneren Überzeugungen und Motive überprüfen und ändern. Gauck warnte davor, eigene Fehler zu verbrämen und diese auf anonyme Institutionen wie "den Markt" oder "das System" zu verlagern. "Ein neuer Umgang mit Fehlern stünde uns gut zu Gesicht."

Gauck lobt die deutsche Sozialpartnerschaft

Gauck hob auch die Errungenschaften der Sozialpartnerschaft in Deutschland hervor. Er erinnerte an den Artikel 14 des Grundgesetzes: "Eigentum verpflichtet." Immer mehr Europäer würden erkennen, dass soziale Stabilität und Zusammenarbeit auch einen ökonomischen Gewinn darstellten. "Wir haben gute Erfahrungen mit demokratischer Mitbestimmung, Betriebsräten und Sozialplänen gemacht, sagte Gauck.

Unter den Rednern des Führungstreffens war auch der französische Ministerpräsident Jean-Marc Ayrault, der am Nachmittag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zusammentreffen wollte. Gauck ermutigte Ayrault zu Reformen, auch wenn dies kein bequemer Weg sei.

Quelle: Reuters/dpa/dma
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