13.11.12

Brustimplantate

30.000 Euro für die Bombe im eigenen Körper

Mehr als 5000 deutschen Frauen wurden poröse Silikonkissen der französischen Firma PIP eingesetzt. Nun klagt die erste Betroffene auf Schadenersatz – auch gegen die Bundesrepublik Deutschland.

Foto: AFP

Schadhafte Ware: Mitarbeiter der französischen Firma Poly Implant Prothèse (PIP) demonstrieren im April 2011 vor einem Berg entsorgter Brustimplantate
Schadhafte Ware: Mitarbeiter der französischen Firma Poly Implant Prothèse (PIP) demonstrieren im April 2011 vor einem Berg entsorgter Brustimplantate

Es ist ein seltsames, verstörendes Foto, das vor knapp einem Jahr im südfranzösischen La Seyne-sur-Mer entstanden ist. Da starren sieben junge Leute auf einen mächtigen Haufen handgroßer, schrumpeliger Hüllen zu ihren Füßen. Der Müll, der vor einem Fabriktor auf dem Pflaster liegt, sieht irgendwie skurril aus, wie eine weiße Riesenwelle angespülter, ekeliger Quallen.

Erst das blaue Firmenlogo "PIP" an der Fabrikwand im Hintergrund erhellt, was los ist: Das französische Unternehmen Poly Implant Prothèse (PIP) hatte jahrelang billiges Industriesilikon in Hüllen gefüllt und als teure Brustimplantate verkauft. Nun war PIP aufgeflogen und hatte seine Kunst-Brüste auf die Straße geworfen.

Alle diese Brustpolster waren noch rechtzeitig abgefangen worden, sozusagen verendet, noch bevor sie irgendwo Schaden anrichten konnten. Doch zuvor waren Abertausende ähnliche Kissen in die Brust von rund 300.000 Frauen weltweit gewandert. Viele der Patientinnen haben jetzt Angst um ihre Gesundheit.

Erster Fall einer langen Klagereihe

In Deutschland soll es über 5200 Betroffene geben. Eine von ihnen ist Iris Herold, 40 Jahre alt, gelernte Sekretärin aus der Nähe von Heidelberg. Sie ist entsetzt über das, was ihrer Gesundheit womöglich angetan wurde. Jetzt klagt die dreifache Mutter vor dem Karlsruher Landgericht auf Schadenersatz.

Es ist der erste Fall in einer womöglich langen Klagereihe, die den deutschen Gerichten bevorsteht. Allein bei der auf Patientenklagen spezialisierten Münchener Anwaltskanzlei Zierhut & Graf haben sich 250 Patientinnen gemeldet.

Die porösen Schwabbel-Kissen, die sich der PIP-Gründer, der französische Ex-Metzger und Cognac-Vertreter Jean-Claude Mas, vergolden ließ, könnten der europäischen Medtech-Industrie einen der größten Haftungsfälle bescheren.

Allerdings ist die Klage kompliziert, absolutes Neuland sogar für die Richter. PIP ist pleite und abgewickelt, da ist nichts mehr zu holen. Der bizarre Silikon-Papst Mas saß bis Ende Oktober in Untersuchungshaft und ist mittlerweile wieder frei. Doch gegen ihn richtet sich die Klage gar nicht – obwohl es Gerüchte gibt, dass er im Sommer schon wieder mit seinen Kindern in eine neue Implantatefirma investiert habe.

Deutsche Prüfer sollen zu spät gewarnt haben

Iris Herold und ihr Anwalt Michael Graf haben größere Gegner ins Visier genommen: Im größten Schwurgerichtssaal von Karlsruhe sitzt unter anderem die Bundesrepublik Deutschland auf der Anklagebank. Begründung: Das für die Erfassung und Bewertung von Risiken zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hätte Warnhinweisen viel früher nachgehen müssen.

Tatsächlich informierten die aufmerksameren Amerikaner schon 2010 über krude Praktiken bei PIP. Doch das Institut, so die Anwälte, habe Frauen erst im Januar 2012 empfohlen, die Billig-Implantate vorsorglich entfernen zu lassen.

In erster Linie aber verklagt Iris Herold ihren Arzt, dazu die Chemiehandelsgesellschaft Brenntag, die das minderwertige Silikon an einen Implantatehersteller geliefert haben soll, ohne darauf zu achten, was der damit anstellt – und den Tüv Rheinland, der den Kissen den nötigen Qualitätsstempel verpasst hat. Sie fordert ein Schmerzensgeld von bis zu 30.000 Euro.

Klägerin trägt die gefährlichen Kissen noch in sich

Die Frau, die nach drei Geburten wieder volle Brüste haben wollte, trägt die Kissen immer noch in sich. Herold, sagt ihr Anwalt Graf, sei eine Kämpfernatur. Deshalb habe sie sich überhaupt auf den anstrengenden Prozess eingelassen. Aber der 40-Jährigen gehe es gesundheitlich schlecht, sie sei häufig müde, habe Schmerzen in der Brust – alles als Folge der Implantate.

Entfernen lassen konnte sich die Badenerin die Gelkissen aber bisher nicht. Dafür fehlt ihr das Geld. Anderen Frauen, die erwägen, sich aus ästhetischen Gründen einen Fremdkörper einoperieren zu lassen, rät Iris Herold mittlerweile dringend ab.

Für Betroffene wie die 38-Jährige Heike K. kommt dieser Rat zu spät. Auch die Berliner Geschäftsfrau bekam ein Kissen von PIP verpasst – das platzte und 150 Milliliter Billig-Silikon in ihre Achselhöhle spülte.

Dort hat es sich nach Angaben von Ärzte verkapselt und entzündet, es drückte auf Nervenbahnen und Lymphknoten. Womöglich wären sogar Lähmungen, Krebs und Leukämie gefolgt, sagte ein Arzt, der sie einer Notoperation unterzog.

Industriesilikon ist schwer gesundheitsschädigend

Dabei hatte Heike K. nach langem Stillen ihrer beiden Kinder einfach nur wieder attraktiver sein wollen, berichtete sie der Berliner Zeitung "B.Z.". Eines Tages hing eine Brust aber schlaff herunter. "Das Silikon lief in meinen Körper, an den Achselhöhlen bildeten sich pro Seite etwa zehn kastaniengroße Knoten. Es tat so weh", sagt sie.

Studien belegen: Die Gefahr, dass Hüllen reißen, die nicht mit speziellem medizinischem Gel gefüllt sind, ist ungleich höher. Denn das Industriematerial besteht aus kurzkettigen Silizium-Sauerstoff-Einheiten, die zum Material-Bruch führen.

Eine französische Untersuchung beweise zudem, sagt Anwalt Graf, dass das illegal verwendete Industriesilikon giftig und damit schwer gesundheitsschädigend sei.

Viele Frauen haben Hemmungen, zu klagen

Trotzdem klagen viele der Frauen, die sich bei Michael Graf und Christian Zierhut gemeldet haben, nicht. Nur ein Drittel von ihnen hat eine Rechtsschutzversicherung. Und auch davon will manche erst abwarten, wie das Verfahren läuft.

"Es geht um sehr intime Dinge", sagt Graf. Viele Frauen schämten sich. Und hätten Angst vor jahrelangen Prozessen. Sollten Iris Herold und die Beklagten sich vor Gericht nicht gütlich einigen, könnte der Prozess nach Schätzung von Graf tatsächlich fünf bis sogar zehn Jahre dauern.

In der Beweisaufnahme soll zunächst der Ehemann von Iris Herold aussagen, ob der beklagte Arzt seine Frau über alle Risiken ausführlich informiert hatte. Der Arzt hat mittlerweile seine Praxis verkauft.

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