11.11.12

ExtraEnergie

Hohe Abschläge – Klage gegen Stromanbieter

Die Verbraucherzentrale NRW klagt wegen mutmaßlich zu hoher monatlicher Forderungen gegen den Stromanbieter ExtraEnergie. Bis zum klärenden Urteil rät sie betroffenen Kunden, die Abschläge zu kürzen.

Foto: Die Welt

Das Logo der ExtraEnergie GmbH
Das Logo der ExtraEnergie GmbH

Als Armin H. Anfang 2011 von Frankfurt nach Bad Homburg zog, nutzte er die Gelegenheit, seinen Stromanbieter zu wechseln. Über das Vergleichsportal Verivox schloss er einen Vertrag mit der ExtraEnergie GmbH ab. Deren Marke "Hitenergie" war günstiger als der Versorger "Mainova" in Frankfurt.

Die seit 2009 unter den Marken "Hitenergie" und "Prioenergie" am Markt tätige ExtraEnergie GmbH taxierte seinen Jahresverbrauch in der neuen 50-Quadratmeter-Wohnung auf 1500 Kilowattstunden. Armin H. zahlte daraufhin monatlich 39 Euro per Lastschrift an das Unternehmen. Ende 2011 lag der tatsächliche Jahresverbrauch jedoch nur bei 593 Kilowattstunden.

Daraufhin bat Armin H. darum, die monatlichen Zahlungen auf einen Betrag zwischen 22 und 25 Euro zu senken. Als das Neusser Unternehmen seinem Wunsch auch nach einem intensiven Briefwechsel nicht nachkam, kürzte Armin H. eigenmächtig. Er holte sich die aus seiner Sicht viel zu hohen Abschläge für die Monate April und Mai dieses Jahres per Rücklastschrift zurück. Aus seiner Sicht war das gerechtfertigt: Bei ExtraEnergie lag ja noch das Guthaben der von ihm im Jahr 2011 zu viel gezahlten – und bis dato nicht zurückerstatteten – Abschläge.

Verhalten des Kunden gerechtfertigt

Ähnliche Fälle haben viele Kunden den deutschen Verbraucherzentralen gemeldet. Die Verbraucherzentrale NRW hat daher von ihrem Recht zur Verbandsklage Gebrauch gemacht und gegen das Neusser Unternehmen vor dem Landgericht Düsseldorf geklagt. "Ein Urteil würde ExtraEnergie gegenüber allen Kunden außerhalb der Grundversorgung verpflichten und Verstöße könnten dann mit Ordnungsgeldern geahndet werden", erklärten die Juristen der Verbraucherzentrale NRW.

Das Verhalten des Bad Homburger Kunden – die Abschläge zu kürzen – sei gesetzlich durch die Stromgrundversorgungs-Verordnung gedeckt. Danach sind Kunden berechtigt, von ihrem Versorger eine Änderung der Abschlagszahlungen zu verlangen, wenn diese Anpassung schlüssig begründet ist. Ein Verbrauch von etwa 20 Euro bei einer Abschlagsforderung von etwa 40 Euro sei eine solche Begründung.

"Der Versorger darf in einem solchen Fall die Anpassung der Abschlagszahlung nicht verweigern", sagte Holger Schneidewindt, Rechtsanwalt und Referent für Energierecht bei der Verbraucherzentrale NRW. Gegen die Pflicht der Anpassung habe ExtraEnergie im Fall von Armin H. verstoßen. Das Unternehmen habe aufgrund der rechtmäßigen "Eigenkürzung" des Kunden daher auch keinen Anspruch auf eine Zahlung von Mahnkosten, erklärte Schneidewindt.

Wochenlange Mahnschreiben

Der Kunden-Service der ExtraEnergie-Marke "Hitenergie" schrieb Armin H. hingegen am 13.07.2012 in einer E-Mail: "Da Sie das Rückinkasso selbst veranlasst haben, werden Ihnen die Gebühren in Höhe von 10,00 Euro pro Rückinkasso angelastet". Das Guthaben der Jahresrechnung sei erst zum 17.06.2012 ausgewiesen worden. Aus Sicht der ExtraEnergie hatte der Kunde also kein Recht, schon vorher Geld einzubehalten.

In einem Mahnschreiben von "Hitenergie" vom 16.07.2012 stellte das Unternehmen fest, dass Herr H. nicht mehr am Lastschriftverfahren teilnehme und noch kein Eingang des fälligen Betrages verbucht werden konnte. Armin H. wurde daher aufgefordert, den fälligen Betrag zuzüglich einer Mahngebühr von 3,00 Euro bis zum 26.07.12 zu zahlen.

Was er nicht tat, da er immer noch nicht die zu viel geleisteten Zahlungen aus 2011 zurückerhalten hatte. Am 05.11.2012 erhielt Armin H. einen Anruf, auf den er lange gewartet hatte. Das Service-Team von "Hitenergie" teilte ihm mit, dass seine monatlichen Abschläge ab sofort auf 24 Euro gesenkt werden.

Strommarkt 1998 liberalisiert

Der Strommarkt in Deutschland wurde im Jahr 1998 liberalisiert. Schnell gab es Hunderte neuer Firmen im Markt, heute sind es mehr als 1000. Für Verbraucher ist es schwer, den Überblick zu behalten, da Stromanbieter zum Teil auch schnell wieder vom Markt verschwinden. In einer von dem Beratungsunternehmen selbst initiierten Studie untersuchte AT Kearney 2011, warum viele Discount-Anbieter unprofitabel arbeiten.

Zum einen machen demnach von den Unternehmen nicht beeinflussbare Größen wie Steuern und Abgaben bei Discount-Angeboten über 50 Prozent des Endkundenpreises aus. Zum anderen liege die Roh-Marge vor weiteren Kosten für Vertrieb, Marketing und Kundenbetreuung zwischen Null und minus 40 Euro. Zudem sei das Ergebnis für einen Neukunden durch die oftmals gezahlten Boni von 50 bis 200 Euro für einen Strom-Neukunden im ersten Jahr bei der Roh-Marge negativ.

Eine Chance am Markt zu bleiben haben die Discounter daher nur, wenn sie schnell genug so viele Kunden gewinnen, dass sie es sich durch hohe Umsätze leisten können, sukzessive den Service auszubauen und die Kunden trotz möglicher Anfangsenttäuschungen über niedrige Preise zu halten.

Wechsel über Vergleichsportale

Viele Verbraucher wechseln ihren Energie-Anbieter über Vergleichsportale wie Verivox und Check24. Laut internen Zufriedenheits-Messungen der beiden Portale gab es kaum Probleme mit der seit knapp vier Jahren am Markt agierenden ExtraEnergie GmbH. "Dass die Beschwerdequote bei Verivox so gering ist, ist nicht verwunderlich, da Verivox sich intensiv für die Anliegen der über Verivox gewechselten Kunden einsetzt", heißt es dazu bei Verivox.

Der Vorteil, den Kunden beim Wechsel über Verivox hätten, sei ja gerade, dass das Portal die Kunden bei Problemen unterstütze. Im Fall von Armin H. räumt Verivox jedoch Fehler ein. "Wir müssen uns eingestehen, dass wir es nicht geschafft haben, dem Kunden zu verdeutlichen, welche Informationen wir noch benötigt hätten, um ihm konkret zu helfen. Um dies zukünftig auszuschließen, haben wir mit ExtraEnergie Kontakt aufgenommen und werden die Kommunikation zwischen unseren Kundenabteilungen optimieren", heißt es auf Anfrage der Berliner Morgenpost dazu bei Verivox.

"Virtueller Energiehändler"

Die Berliner Morgenpost konfrontierte das Neusser Unternehmen mit den Vorwürfen der Verbraucherschützer. "Trotz höchstrichterlicher Klärung durch den Bundesgerichtshof setzen Verbraucherschützer uns immer wieder mit den Grundversorgern gleich." Dabei sei ExtraEnergie wie andere unabhängige Energieversorger ein eher virtueller Energiehändler.

Da ExtraEnergie anders als die meisten Grundversorger – in der Regel Stadtwerke – nicht über ein eigenes oder angeschlossenes Verteilnetz und damit auch beispielsweise nicht über das Anschlussprivileg der Grundversorger verfügt. Daher gelten die Regeln für Grundversorger lediglich als Leitgedanke. Das bedeutet: In den Bereichen, wo die Regeln für einen alternativen Energielieferanten umsetzbar sind, berücksichtigt ExtraEnergie diese auch.

Rund eine Million Kunden

ExtraEnergie wurde im Jahr 2008 gegründet, gehört zu 100 Prozent dem Beteiligungsfonds Glotec und hat seit Gründung nach eigenen Angaben einen Kundenstamm im Strom- und Gasbereich von rund einer Million aufgebaut. Damit gehört die Neusser Firma nach eigenen Angaben zu den größten Stromanbietern im Privatkundenbereich.

Das Unternehmen gibt sich darüber hinaus selbstkritisch: Aufgrund des starken Wachstums und der mangelnden Qualität der Informationen von regulierten Zählerableseunternehmen, von denen das Unternehmen abhängig ist, sei es Anfang dieses Jahres zu einer verringerten Service-Qualität gekommen.

Diesem Problem wurde laut Unternehmensangaben durch den Aufbau von Service-Kapazitäten sowie einem umfangreichen Qualitätsprogramm, Rechnung getragen. Für das Jahr 2012 rechnet das Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 600 Millionen Euro und einem nachhaltigem Gewinnwachstum. Für ExtraEnergie arbeiten derzeit rund 300 Angestellte

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
Kristall Sauna Therme   Ludwigsfelde in Brandenburg bei Berlin   das grov¸e Angebot fv r Baden Wellness und Sauna vor. FKK und Sportbad.
23.05.13Ludwigsfelde
Freizeitbad vor den Toren Berlins warnt vor Sextätern

Die Kristall Saunatherme in Ludwigsfelde geht nach sexuellen Übergriffen in dem FKK-Bad in die Offensive: In Zusammenarbeit mit der Polizei installierten die Verantwortlichen Videokameras. mehr...


Rammstein-Frontman Till Lindemann auf der Bühne in Moskau
23.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Freitag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Freitag, den 24. Mai. mehr...


In Häusern aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts blieben die Mietpreise relativ stabil. Im Durchschnitt stiegen die Mieten in Berlin um mehr als sechs Prozent
23.05.13Kommentar
Warum Berlin die hohen Mieten nicht hinnehmen darf

Die Berliner Durchschnittsmiete ist im Mietspiegel um mehr als sechs Prozent gestiegen. Vor allem Normalverdiener leiden darunter. Noch können und sollten wir aber gegensteuern, findet Jachim Fahrun. mehr...


Im Olympiastadion steht ein weiteres Sporthighlight bevor: das Champions-League-Finale 2015
23.05.13Fußball
Finale 2015 der Champions League im Olympiastadion

Dieses Jahr bekommt Berlin die Fanmeile zum Champions-League-Finale – in zwei Jahren wird das Spiel hier im Olympiastadion stattfinden. Berlins Fußball-Präsident verspricht: "Wir können Fußball". mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Schlichtungsstelle Energie
  • Strommarkt

    Durch den starken Wettbewerb und die mittlerweile über 1000 Anbieter ist der deutsche Strommarkt unübersichtlich geworden. Viele Kunden blicken nicht mehr durch und haben Ärger – vor allem mit sehr kleinen Anbietern, die nicht unbedingt auf einen umfangreichen Service setzen. Da sie dabei zum Teil mit unlauterem Geschäftsgebaren wie zu hohen Abschlägen agieren, kommt es vermehrt zu Kundenbeschwerden.

  • Streit

    Oft zum Streit führen Tarife mit Vorkasse. Nicht jeder kleine Anbieter besteht am Markt – und wenn ein Unternehmen Pleite geht, ist die Gefahr groß, dass das im Voraus gezahlte Geld weg ist. Bekanntestes Beispiel ist die Insolvenz von Teldafax im vergangenen Jahr. Rund 700.000 Stromkunden waren damals von der Pleite betroffen.

  • Schlichtung

    Seit November 2011 gibt es für verärgerte Energiekunden mit der Schlichtungsstelle Energie in Berlin eine zentrale Anlaufstelle (schlichtungsstelle-energie.de; 030 – 2757240–0). Über die Hälfte aller Beschwerden gehen gegen zwei Anbieter ein – die Namen wollen die Schlichter aber nicht nennen

Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
USA Bär spaziert durch Vorort von Los Angeles
London Islamisten töten britischen Soldaten
Deutsche Welle In Norditalien kommt die Erde nicht zur Ruhe
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. WirtschaftZuwanderungskonzeptMit der Schwarz-Rot-Gold-Karte nach Deutschland
  2. 2. DeutschlandGrüne unter Druck„Ein Aufruf zum Boykott israelischer Produkte“
  3. 3. AuslandBürgerkriegDer Iran übernimmt in Syrien das Kommando
  4. 4. DeutschlandSkandinavienDie überkochende Wut junger Migranten in Schweden
  5. 5. AuslandTerrorattacke„Was wollt Ihr?“ – „Krieg führen in London“
 
tb_airberlin.gif
airberlin - Destination…

airberlin baut die Verbindungen nach Polen aus. Erfahren…mehr

tb_Erste-Adressen.jpg
Berlins Erste Adressen

Eine Initiative der Berliner Kaufleute und der Berliner…mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote