11.11.12

Portugiesischer Minister

"Wir wollen uns von Deutschland inspirieren lassen"

Das deutsche duale System der Berufsausbildung wird zum Exportschlager in Südeuropa. Der portugiesische Bildungsminister Nuno Crato erklärt, was sein Land von Deutschland lernen kann.

Foto: picture alliance / dpa

Der portugiesische Bildungsminister Nuno Crato auf Besuch in Osttimor (Südostasien): Seinem eigenen Land empfiehlt er, das deutsche Ausbildungssystem genau zu studieren
Der portugiesische Bildungsminister Nuno Crato auf Besuch in Osttimor (Südostasien): Seinem eigenen Land empfiehlt er, das deutsche Ausbildungssystem genau zu studieren

Berliner Morgenpost: Herr Minister, Deutschland und Portugal wollen bei der beruflichen Bildung enger kooperieren. Sind Sie am deutschen dualen System interessiert?

Nuno Crato: Wir sind sehr interessiert und wollen wissen, wie es funktioniert. Wir werden es aber nicht kopieren, sondern wir wollen uns inspirieren lassen. Die Kooperation zwischen dem staatlichen Bildungssystem und den privaten Unternehmen ist sehr interessant für uns. Bei uns spielen Schulen die entscheidende Rolle in der Berufsausbildung. Wir sind sehr daran interessiert, die berufliche Bildung landesweit weiterzuentwickeln. Deutschland ist ein erfolgreiches Land mit niedriger Arbeitslosigkeit und einer starken Industrie. Davon können wir etwas lernen.

Berliner Morgenpost: Jeder dritte Jugendliche in Portugal ist arbeitslos. Was tun Sie dagegen?

Crato: Wir müssen diesen Jugendlichen eine Perspektive geben. Ein Weg dabei ist das duale System. Die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist beeindruckend. Bei uns steigt die Arbeitslosigkeit, gleichzeitig werden Techniker und andere Fachkräfte gebraucht, um unsere Wirtschaft weiterzuentwickeln und unsere Produktivität zu steigern. Es gibt einen Mismatch am Arbeitsmarkt: Wir haben zu viele junge Akademiker ohne Jobaussichten und zu wenige Handwerker wie Installateure oder Zimmerleute. Die berufliche Bildung in Portugal muss praxisbezogen weiterentwickelt werden. Wir wollen erfahren, wie das System in Deutschland funktioniert.

Berliner Morgenpost: Wie sieht die Zusammenarbeit mit Deutschland konkret aus?

Crato: Wir haben vereinbart, dass sich Bildungsexperten und Verantwortliche von Unternehmen aus beiden Ländern auf regelmäßiger Basis treffen und sich gegenseitig informieren. Auch ein Austausch von Auszubildenden und Schülern ist vorgesehen. Diese Kooperation wird für unsere Jugendlichen neue Möglichkeiten schaffen.

Berliner Morgenpost: Dann werden bald junge Portugiesen nach Deutschland kommen, um hier die vakanten Lehrstellen zu füllen?

Crato: Wir stehen noch am Ausgangspunkt der Kooperation. Aber wir wollen das Da-Vinci-Programm für Lehrlingsaustausch auf europäischer Ebene ausbauen.

Berliner Morgenpost: Ziehen die Unternehmen in Ihrem Land mit?

Crato: Das Engagement des privaten Sektors ist fundamental wichtig. Bei uns ist die Berufsausbildung nicht systematisch auf die Unternehmen ausgerichtet, mit einigen wenigen Ausnahmen, zum Beispiel der Volkswagentochter in Portugal. Sie haben ihr System in Portugal eingeführt und bilden Jugendliche nach deutschem Vorbild aus. Ansonsten werden lediglich Praktika in den Betrieben angeboten, das ist alles an praxisbezogener Ausbildung. Wir brauchen Unternehmen, die die Verantwortung für die Ausbildung der jungen Leute übernehmen. Wir haben einige deutsche Unternehmen in Portugal, dort könnten wir zunächst beginnen.

Berliner Morgenpost: Eine große Hürde beim Lehrlings-Austausch dürfte die Sprache sein.

Crato: Kein Zweifel, sie ist ein Problem. Wir sind im Gespräch mit den Goethe-Instituten und anderen Institutionen, um die Kooperation zu vertiefen. Hochschulen und Schulen sollen auch mehr Deutschkurse anbieten, und wir sind sehr an mehr deutschen Lektoren interessiert.

Berliner Morgenpost: Droht eine Abwanderung motivierter und gut ausgebildeter Arbeitskräfte?

Crato: Nein, das fürchten wir nicht. Die Abwanderer werden wiederkommen. Wir haben dieselbe Diskussion bei den Ingenieuren und früher bei Wissenschaftlern gehabt. Doch die Wissenschaft ist heute internationaler als noch vor zehn oder 20 Jahren. Die Wissenschaftler kommen wieder und bringen internationale Erfahrung mit. Zugleich ziehen auch wir Wissenschaftler aus dem Ausland an. Wir haben keine Angst vor dem Wettbewerb um die besten Talente.

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    Der Staat war im April 2011 als drittes Euro-Land nach Griechenland und Irland unter den Rettungsschirm geschlüpft. Die Entscheidung führte damals zum Sturz der sozialistischen Regierung und zu Neuwahlen, aus denen eine liberal-konservative Koalition als Sieger hervorging.

  • Gegenleistung

    Als Gegenleistung für das 78 Milliarden Euro schwere Hilfspaket der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) hatten die Portugiesen schon für 2013 die Einhaltung der Drei-Prozent-Grenze des Maastricht-Vertrages angepeilt. Dazu sollten unter anderem die Beschleunigung des Privatisierungsprogramms, Reformen im Finanz- und Arbeitsmarktsektor, vor allem aber einschneidende Kürzungen von Renten, Gehältern und des Arbeitslosengeldes sowie zahlreiche Steuererhöhungen beitragen.

  • Massenproteste

    Nach Massenprotesten baute die Regierung das Sanierungsprogramm aber um. Danach musste sie wegen eines Einbruchs der Steuereinnahmen infolge der Rezession im August einräumen, dass man das Defizitziel 2012 ohne zusätzliche Maßnahmen nicht erreichen werde. Die Troika lockerte daher die Ziele für 2012 und 2013 und verlängerte den Sanierungsplan Portugals um ein Jahr bis 2014. dpa

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