11.11.2012, 11:32

Aussteiger Raus aus der Karrierefalle – So leben Downshifter

Von Christina Anastassiou

Noch gelten Menschen als Exoten, wenn sie aus dem Büroalltag ausbrechen, ihren Traumberuf verwirklichen oder einfach weniger arbeiten. Wenn Sie auch aussteigen wollen, müssen Sie einiges bedenken.

Braucht Peter Ferres eine Auszeit von seinen Budgetplänen und Excel-Tabellen, setzt er sich in ein Klassenzimmer an seiner Schule und lauscht dem Unterricht. "Wenn ein Vorschüler erstmals seinen Namen schreiben kann oder ein Siebtklässler die linearen Funktionen versteht, freue ich mich darüber mehr als über jede gelungene Finanztransaktion in meinem früheren Beruf", sagt der Gründer und Leiter der gemeinnützigen Metropolitan School Frankfurt.

Ferres hat über 20 Jahre lang als Investmentbanker gearbeitet, zuletzt bei der Credit Suisse First Boston in London. Er hat Unternehmen bei Fusionen beraten und bei Börsengängen große Deals eingefädelt. Doch bei alledem fühlte er sich wie unter einer Käseglocke, abgeschirmt vom wirklichen Leben.

Ferres: "Ich wollte etwas tun, was den Menschen um mich herum nützt und was mir selbst Spaß macht." Unterrichtet hatte er schon immer gern. Als Schüler hatte er Nachhilfe gegeben, und bei seinen alten Arbeitgebern hatte er den Hochschulabsolventen erklärt, wie beispielsweise eine Fusion abläuft.

Neustart mit 48 Jahren

Mit 48 Jahren wagte Ferres den Neustart. Er verließ die Bank, studierte ein Jahr lang den Lehrerberuf in London, unterrichtete währenddessen. Er wollte seine eigene, internationale Schule in Deutschland gründen, schrieb einen Geschäftsplan, führte Kreditgespräche mit Banken.

Im Sommer 2007 startete Ferres mit seiner Schule in Frankfurt mit damals 70 Schülern. Heute sind es 380 Kinder, die überwiegend in englischer Sprache unterrichtet werden. Der Schulleiter selbst lehrt Sport und Physik.

Ferres Lebensstandard hat sich nach dem Wechsel nicht sonderlich verändert, auch wenn er ungleich weniger verdient als in seiner Investmentbanking-Zeit. "Meine Familie brauchte sich nicht einzuschränken, weil wir schon vorher keinen aufwendigen Lebensstil hatten", sagt der Schulleiter.

Mehr Zeit für die Familie

Den Neuanfang gewagt hat auch Hans Bäcker*. Er hatte bis 2003 im Marketing gearbeitet, 70-Stunden-Wochen und Auslandsreisen waren die Regel. Seit Jahren war er beruflich unzufrieden, und als er seinen Marketing-Job eines Tages verlor, nutzte er die Gelegenheit. Er ließ sich von der Karriereberaterin Wiebke Sponagel beraten und fand heraus, was ihm wirklich wichtig war.

Bäcker: "Ich wollte nicht nur mit Produkten arbeiten, sondern an und mit anderen Menschen. Außerdem wollte ich endlich mehr Zeit für meine Beziehung haben, die unter dem alten Job gelitten hatte." Ein Wechsel musste her. Und so bewarb sich der damals 40-Jährige 2005 als Arbeitsvermittler im öffentlichen Dienst. Heute ist er Abteilungsleiter im Jobcenter, geht oft pünktlich nach Hause, hat Zeit für seine Familie.

Menschen wie Bäcker und Ferres sind Exoten in unserer Gesellschaft. Zwar sehnen sich immer mehr Arbeitnehmer danach, einen sinnvolleren Job auszuüben als bisher oder weniger zu arbeiten, um mehr Zeit für andere Dinge zu haben. Das kann das Privatleben sein oder zum Beispiel soziales Engagement. Doch die Wenigsten leben diese Träume aus: Mal fehlt der Mut, mal das Geld.

Phänomen Downshifting

Neudeutsch werden Menschen wie Bäcker und Ferres Downshifter genannt. Das Phänomen kommt aus den angelsächsischen Ländern. Übersetzt bedeutet es zwar nur, seine Arbeitszeit zu verringern, doch Karriereberaterin Sponagel von Perspective Coaching in Frankfurt fasst die Definition weiter. "Downshifting ist ein Trend hin zu selbstbestimmter Arbeit. Ich sehe es als Reaktion auf das sprichwörtliche Hamsterrad im Beruf, auf den Leistungsdruck, dem viele Arbeitnehmer heutzutage ausgesetzt sind," sagt die Trainerin, die seit knapp 13 Jahren Downshifter begleitet.

Es gibt verschiedene Varianten, selbstbestimmter zu arbeiten. Sponagel: "Möglich ist eine Auszeit, also ein Sabbatical, aber das machen nur drei bis vier Prozent aller Arbeitnehmer. Andere Wege sind eine Reduktion der Überstunden, Teilzeitarbeit, ein neuer Job oder eine Existenzgründung."

Der Ex-Investmentbanker Ferres zum Beispiel hat beides getan – er hat mit dem Lehramt einen neuen Beruf studiert und die Metropolitan School Frankfurt gegründet. Er arbeitet 50 bis 60 Stunden die Woche und damit nicht viel weniger als früher, dafür aber ohne Nachtschichten.

Aber auf die Stundenzahl kommt es nicht an. Ferres: "In meiner Bankingzeit hatte ich einen typischen Bürojob, den ich aus Pflichtgefühl erfüllt habe. Heute gehe ich mit tausend Ideen in die Schule und habe großen Spaß an der Arbeit."

Ein Viertel der Deutschen hat innerlich gekündigt

Ähnlich wie Ferres und Bäcker arbeiten viele Downshifter nach einer Phase des Herunterschaltens wieder mehr, ob als Angestellte oder Selbstständige, ob im gleichen Berufsfeld oder in einem anderen Bereich. Wichtig ist, dass sie zufrieden sind mit ihrer Entscheidung.

Den Wunsch vieler Menschen nach Veränderung kann man leicht nachvollziehen, wenn man auf die Umfrageergebnisse zur emotionalen Bindung von Arbeitnehmern an ihre Unternehmen blickt. Dem jährlich ermittelten Engagement-Index des Beratungsunternehmens Gallup zufolge hatten 23 Prozent der Beschäftigten in Deutschland 2011 innerlich gekündigt, und 63 Prozent machten Dienst nach Vorschrift. Nur 14 Prozent fühlten eine hohe Bindung an ihren Arbeitgeber. Der geringe Anteil der Letztgenannten geht den Beratern zufolge auf Defizite in der Personalführung zurück.

Doch was für Menschen setzen das um, wovon viele träumen? Arnd Corts aus Hagen arbeitet seit acht Jahren als Coach in diesem Bereich: "Der klassische Downshifter ist üblicherweise Mitte 30. Er hat oft alles erreicht und kommt häufig erst durch eine persönliche Krise darauf, runterzuschalten. Das kann eine Sinnkrise sein, eine Krankheit oder Trennung, der Tod geliebter Menschen. Andere werden zum Downshifter, weil sie Schwierigkeiten haben, im Job dauerhaft ihre Bestimmung zu finden."

Altbekanntes Phänomen

Wirtschaftspsychologin Sabine Siegl beobachtet, dass viele Downshifter in ihrem alten Beruf angespannt sind, allzeit erreichbar. "Manager sind also für dieses Phänomen prädestiniert. Aber grundsätzlich kann jeder zum Downshifter werden. Es geht um überlastete Menschen, um Menschen vor einer neuen Lebensphase. Und es geht um Menschen in Krisen", sagt die Präsidentin des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) in Berlin. Der Begriff Downshifting sei ein neuer Name für ein altbekanntes Phänomen.

Auch wenn theoretisch jeder einen Neuanfang wagen oder im bisherigen Beruf weniger arbeiten kann, scheitert es oft am Geld. Trainer Corts: "Vielen Menschen ist nicht klar, dass man das Downshifting am besten aus einer Position der weitgehenden finanziellen Unabhängigkeit heraus beginnen sollte. Bei Menschen mit Schulden rate ich kategorisch ab."

Für jemanden, der eine Familie ernähre, sei es schwierig, weil dadurch die Interessen der anderen massiv beeinflusst würden. In solchen Fällen empfiehlt Corts durchdachtes, behutsames Vorgehen und genaue Planung.

Verlierer-Mentalität

Viele Menschen, die den Schritt letztlich gehen, wollen nicht darüber in der Öffentlichkeit sprechen. So wie der Abteilungsleiter aus dem Jobcenter, der seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Woran liegt das? Bäcker: "Ich erlebe immer wieder, dass man belächelt wird, wenn man nicht unbedingt nach Erfolg strebt. Dem Begriff Downshifter haftet eine Verlierer-Mentalität an. Die Menschen fragen, ob man nichts im Leben erreichen wolle."

Ferres dagegen tritt offen als Downshifter auf, doch er erinnert sich noch gut an die Reaktionen seiner alten Kollegen. Keiner von ihnen verstand seinen Schritt. "Die einen fragten, ob ich Witze mache, und die anderen wollten wissen, wie ich mit einer gemeinnützigen Schule Geld verdienen will. Dabei geht es mir nicht darum, viel Geld zu verdienen. Es geht um die Schule. Eine gute Ausbildung ist die beste Basis für ein Kind."

Wirtschaftspsychologin Siegl bestätigt die Skepsis gegenüber Downshiftern: "Viele Menschen stecken selbst im Hamsterrad und schauen mit Neid auf diejenigen, die sich davon befreit haben. Außerdem sind wir in Deutschland stärker karrierefixiert als etwa in den USA." Dort seien Rückschläge und Wechsel im Berufsleben stärker gesellschaftlich akzeptiert als hier zu Lande.

Berater Corts beobachtet ebenfalls einen hohen Neidfaktor: "Wer es geschafft hat, im Beruf einen Gang herunterzuschalten, merkt, dass das nur ein Teil der Freunde akzeptiert. Ein weiterer Grund für die Skepsis gegenüber Downshiftern ist die in Deutschland vorherrschende, protestantische Arbeitsethik."

Downshifter Bäcker indes belächelt die Karrieristen, die Spötter: "Ich weiß, wie Karriere sich anfühlt im positiven Sinne. Aber ich weiß, welchen Preis man dafür zahlen muss. Vielleicht werden sie es auch irgendwann erfahren."

* Name geändert

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