10.11.12

Verkehr

Die Taxibranche, Feind jeglicher Innovation

Alle zwei Jahre findet in Köln die Taxi-Messe statt. Dabei gibt es in der Branche kaum Innovationen. Wer etwas Neues versucht, stößt auf große Widerstände – vor allem im Gewerbe selbst.

Foto: picture alliance / akg images

Taxifahrer im Berlin der 20er-Jahre: Viele Vorschriften für das Gewerbe haben sich seit damals nicht geändert – auch weil die Unternehmer gegen Reformen waren
Taxifahrer im Berlin der 20er-Jahre: Viele Vorschriften für das Gewerbe haben sich seit damals nicht geändert – auch weil die Unternehmer gegen Reformen waren

Das Taxi der Zukunft kann fliegen. Sprachgesteuerte Computer navigieren es durch die Lüfte, und gezahlt wird elektronisch, nachdem das Auto seinen Fahrgast per Fingerabdruck oder Augenscan erkannt hat. Zumindest in Science-Fiction-Filmen. Die Realität sieht vorerst anders aus. Das zeigt ein Rundgang über die Europäische Taximesse in Köln.

Auf der weltweit größten Branchenschau ist lediglich das Taxi der näheren Zukunft zu sehen. Und für die Fahrt darin müssen sich die Deutschen nicht groß umstellen. Denn auch 2013 bleiben die Taxis hierzulande elfenbeinfarbene Limousinen mit vier Rädern und einem Taxi-Schild auf dem Dach.

Beständig, innovationsfeindlich

Kaum eine Branche ist so beständig – oder innovationsfeindlich – wie das Taxigeschäft. "Die Neuheiten auf der Messe? Darüber muss ich erst mal lange nachdenken", sagt Frederik Wilhelmsmeyer, stellvertretender Geschäftsführer den Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands (BZP).

Natürlich fällt dem Lobbyisten noch etwas ein: neue Antriebsmodelle zum Beispiel. Mercedes Benz etwa biete ab dem kommenden Jahr eine Taxi-Version der B-Klasse mit Erdgasantrieb. Und auch bei den Funkvermittlungsanlagen gebe es neue Funktionen. Das allerdings sind allesamt Nuancen. Wer wirklich etwas Neues versucht, stößt auf große Widerstände. Bei Behörden – vor allem aber im Gewerbe selbst.

Streit um höhere Tarife

Günther Möller ist deswegen gar nicht erst nach Köln gereist. Über 1000 Taxis rollen für seine beiden Funkzentralen von Taxi Hamburg 6x6. Damit ist er hierzulande einer der Größten seiner Zunft – und dennoch in der Branche nicht bei allen beliebt.

Denn während seine Kollegen erst vor zehn Tagen mit einem elfenbeinfarbenen Autokorso hupend für höhere Tarife in der Hansestadt demonstrierten, fordert Möller das komplette Gegenteil: "Wir könnten für zwanzig Prozent niedrigere Tarife fahren, wenn dafür unsere Auslastung bei 60 Prozent läge", rechnet er vor.

Davon allerdings ist die Branche weit entfernt. Der BZP jedenfalls beziffert den Auslastungsgrad auf 30 bis maximal 35 Prozent. "Schuld daran ist nicht zuletzt das Taxigewerbe selbst", sagt Möller.

Innovationen nicht gern gesehen

Beispiel Hamburg. In den vergangenen sechs Jahren habe es dort fünf Tariferhöhungen gegeben, berichtet Möller. Da sei es kein Wunder, wenn Kunden auf Alternativen wie Leihräder, Carsharing oder Bus und Bahn umsteigen. "Die Rechnung wird ohne den Fahrgast gemacht", sagt der Unternehmer. "Wenn wir nicht irgendwann nur noch ein Produkt für Besserverdienende anbieten wollen, müssen wir uns etwas Neues einfallen lassen."

Doch Innovationen scheinen nicht überall gern gesehen. So rannte Möller gegen die Wand mit seiner Idee, Minitaxen einzuführen. Eine kleine Smart-Flotte wollte er auf die Straße schicken, weniger komfortabel, aber dafür um 15 Prozent billiger. Die Kunden, so Möllers Argumentation, sollten entscheiden können, ob sie mit einer Limousine durch die Stadt chauffiert werden wollen oder in einem Kleinwagen.

Doch schon für den vorsichtigen Vorschlag wurde Möller innerhalb der Branche heftig kritisiert, und auch die Hansestadt bügelte den Antrag ab. Unter Berufung auf eine uralte Vorschrift, wonach ein Taxi auf der Beifahrerseite zwei Türen haben müsse. Der BZP wiederum hält das Modell für nicht wirtschaftlich. "Kleine Autos verschleißen schneller und sind gar nicht für die Laufleistung eines Taxis ausgelegt", sagt Geschäftsführer Wilhelmsmeyer.

Stillstand bei Videoüberwachung

In einem anderen Bereich zeigt sich der Verband aufgeschlossener: bei der Videoüberwachung im fahrenden Auto. Trotzdem herrscht auch hier nahezu Stillstand – weil in diesem Fall die Datenschutzbeauftragten der Bundesländer nicht mitmachen.

Außer in Bremen, wo das geltende Gesetz anders ausgelegt wird. Dort sind alle 470 Wagen von Taxi-Ruf Bremen 14014 mit einem Videosystem ausgestattet. Die kleine Kamera neben dem Innenspiegel erfasst das komplette Fahrzeug mit Ausnahme des Fahrersitzes und zeigt ein Livebild im Wagen.

Ist ein Kunde an Bord, wird alle 15 Sekunden ein Standbild aufgezeichnet und auf einen Sicherheitsserver geschickt. 48 Stunden später werden die Bilder dann automatisch wieder gelöscht. "Die Entscheidung wurde damals nach einem brutalen Überfall auf einen Kollegen getroffen", erklärt Wolfgang Verbeek, der zweite Vorsitzende von Taxi-Ruf Bremen.

Angespannte wirtschaftliche Situation

Seit drei Jahren sind die Taxis mit dem System ausgestattet. Und die Erfolge sind Verbeek zufolge deutlich spürbar. 2012 zum Beispiel habe es in der Hansestadt bislang keinen einzigen Überfall auf Taxis gegeben. "Früher ist das fast einmal pro Woche passiert." Und auch die Zahl der kleineren Delikte sei durch die neuen Aufklärungsmöglichkeiten stark rückläufig, sei es Vandalismus oder Fahrpreisprellen.

Verbeek kann die Blockade der Datenschützer folglich nicht verstehen. "Es geht hier nicht ums Überwachen, sondern um Sicherheit. Das kann Menschenleben retten und schützen. Da wünsche ich mir schon mehr Fingerspitzengefühl bei den Behörden." In Bussen und Bahnen seien Kameras schließlich auch erlaubt.

Auf der Taximesse macht Verbeek am Stand der Berufsgenossenschaft Verkehr Werbung für das Bremer Videosystem. Das Interesse ist groß – zumindest bis Verbeek den Preis des Apparats nennt. Dann ist mancher Taxi-Unternehmer beim Verlassen des Standes insgeheim froh, dass die Datenschützer so zögerlich sind.

Schließlich ist die wirtschaftliche Situation in der Branche mehr als angespannt. "Die Erträge sind beklagenswert", sagt BZP-Vertreter Wilhelmsmeyer. Durchschnittlich 791 Euro bleiben einem Unternehmer als monatliches Einkommen, hat der Verband ermittelt. "Viele kämpfen an der Existenzgrenze."

Streit um den neuen Hauptstadtflughafen BER

Auch deswegen ist der Ärger groß bei den Taxifahrern in Berlin, wo ein erbitterter Streit um die Fahrten zum neuen Hauptstadtflughafen BER und dem noch offenen Flughafen in Schönefeld tobt. Nach aktuellem Stand dürfen die Berliner in Zukunft dort keine Kunden mehr aufnehmen.

Die Airports nämlich liegen beide im brandenburgischen Landkreis Dahme-Spreewald (LDS). Und dessen Behörden haben die mehr als 7500 Berliner Taxis nun zugunsten der wenigen Hundert LDS-Wagen ausgeschlossen. Damit entgehen den Fahrern aus der Hauptstadt satte Einnahmen.

Entsprechend groß ist der Protest, sogar von Taxikrieg ist die Rede. "Es liegt an der Politik. Der Senat muss das mit dem Landkreis klären", fordert Dietmar Schmidt, Berliner Taxiunternehmer und Vorstand der örtlichen Innung. Die Hauptstädter fühlen sich vom LDS-Landkreis gegängelt. Der wiederum fürchtet die wirtschaftliche Übermacht der Berliner Taxihorden.

Doch die Hauptstadt hat prompt reagiert. Ab 2013 dürfen Taxis aus LDS in Berlin auch keine Fahrgäste mehr aufnehmen. Bis zur Öffnung des BER Ende Oktober 2013, das versichern alle Beteiligten, wolle man sich einigen. Eine weitere Verschiebung des bereits drei Mal verlegten Eröffnungstermins wäre aber bestimmt willkommen – um den Taxikrieg weiter zu zelebrieren.

Quelle: Reuters
02.10.12 0:33 min.
Bei Zusammenstößen zwischen demonstrierenden Taxifahrern und der Polizei in Nicaragua sind mehrere Menschen verletzt worden. Die anrückende Polizei wurde mit Steinen beworfen.
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Taxi-Notstand in London
  • Insolvenz

    Es ist fast so schlimm, als wollte jemand die Queen abschaffen: In London werden die Black Cabs knapp. Dabei gehören die legendären schwarzen Taxis zum Stadtbild der britischen Hauptstadt wie Big Ben, Tower Bridge und Buckingham Palace. Grund für den Engpass ist die Pleite des britischen Autobauers Manganese Bronze. Die Firma aus Coventry stellt die Taxen seit 1948 her. Ende Oktober musste Manganese Bronze Insolvenz anmelden.

  • Rückrufe

    Seit vier Jahren schon schreibt die britische Firma Verluste. Allein in den ersten sechs Monaten 2012 lag das Minus bei 4,25 Millionen Pfund (5,2 Millionen Euro). Zuletzt kam es für das Unternehmen aber besonders dick. Anfang Oktober musste es den Verkauf seines aktuellen Modells TX4 komplett einstellen sowie 400 Fahrzeuge zurückrufen. Mehrere Taxifahrer hatten über Probleme mit der Servolenkung geklagt. Wegen des Umsatzeinbruchs wurde auch der Handel der Aktie an der Börse ausgesetzt.

  • Warteliste

    Durch den Rückruf und den Produktionsstopp fehlt in London nun der Nachschub an Taxen. Die Vorweihnachtszeit ist für die Londoner Taxler traditionell die geschäftigste Zeit des Jahres. Viele Saison-Fahrer arbeiten nur über die Wintermonate und leihen sich ab November ein Auto. In diesem Jahr scheint das aber nicht zu gehen. Londoner Taxiunternehmen berichten über lange Wartelisten. Manche Fahrer warten schon seit drei Wochen auf ein frei werdendes Taxi.

  • Umweltauflagen

    Neben der Pleite von Manganese Bronze macht eine neue Umweltauflage von Londons Bürgermeister Boris Johnson den Taxiunternehmen zusätzlich zu schaffen. Johnson hatte Anfang 2012 alle Taxen aus dem Verkehr ziehen lassen, die 15 Jahre oder älter waren. Dadurch verstärkt sich der Mangel an Fahrzeugen zusätzlich.

  • Hoffnung

    Für die Black Cabs gibt es trotzdem Hoffnung. Insolvenzverwalter PricewaterhouseCoopers berichtet von 80 Firmen, die Interesse am Kauf des Autobauers angemeldet haben. Im Dezember sollen die Übernahmeverhandlungen beginnen.

  • Nutznießer

    Bis dahin ist vor allem ein Unternehmen Nutznießer der Londoner Taxikrise: Mercedes-Benz. Denn seit 2008 darf der deutsche Konzern seinen Kleinbus Vito ebenfalls als Londoner Taxi verkaufen. Beim Neugeschäft haben die Stuttgarter bislang einen Marktanteil von 40 Prozent. Der Anteil könnte nun signifikant steigen: Allein im vergangenen Monat verdoppelte Mercedes seine Verkaufszahlen für Londoner Taxen.

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