10.11.12

OECD-Studie

Deutschland wird zum größten Verlierer der Welt

Bis 2060 wird der Anteil Deutschlands an der Weltwirtschaft um 58 Prozent schrumpfen und nur noch zwei Prozent betragen. China und Indien werden schon bald alle G-7-Staaten überflügeln.

Von Martin Greive
Foto: Infografik Die Welt

Verschiebung der Wirtschaftskraft einzelner Länder bis 2060
Verschiebung der Wirtschaftskraft einzelner Länder bis 2060

Deutschlands Bedeutung in der Weltwirtschaft wird in den kommenden 50 Jahren rapide sinken. Kein anderes Land auf der Welt wird so stark Marktanteile verlieren wie der einstige Exportweltmeister.

Die Bundesrepublik wird bis zum Jahr 2060 ihren Platz als fünfstärkste Wirtschaftsmacht der Welt abgeben und auf Platz zehn zurückfallen. Das geht aus einem Ausblick der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf die Weltwirtschaft im Jahr 2060 sowie aus Berechnungen der Organisation hervor, die der "Welt" vorliegen.

Derzeit beträgt Deutschlands Anteil an der globalen Wirtschaft fast fünf Prozent. Der ehemalige Exportweltmeister liegt damit hinter den USA, China, Japan und Indien auf Platz fünf. Bis 2060 wird Deutschlands Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung auf zwei Prozent fallen – ein Minus von 58 Prozent.

Indonesien, Mexiko, Russland und selbst Großbritannien werden bis 2060 an Deutschland vorbeigezogen sein. Der Grund: Die Forscher prognostizieren der hiesigen Wirtschaft aufgrund der alternden Bevölkerung ein jährliches Wachstum von nur 1,1 Prozent. Andere Industrienationen wie die USA, Frankreich oder eben auch Großbritannien wachsen dank höherer Geburtenraten deutlich kräftiger.

Schwellenländer holen kräftig auf

Aber auch sie müssen gegenüber jungen, stark wachsenden Schwellenländern Federn lassen. "Die Welt, in der unsere Kinder und Enkel leben werden, wird sich von unserer heutigen Welt fundamental unterscheiden", sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría.

So wird der Anteil der Schwellenländer an der globalen Wirtschaftskraft in den kommenden 50 Jahren geradezu explodieren: Der größte Gewinner wird laut OECD-Berechnungen Indien sein. Das Land wird seinen Anteil an der Weltwirtschaft bis 2060 um 176 Prozent steigern können, gefolgt von Indonesien mit 79 und China mit 63 Prozent. Die größten Verlierer neben Deutschland sind Luxemburg mit minus 57 und Japan mit minus 52 Prozent. Die USA büßen 28 Prozent ein.

Dies führt zu einer dramatischen Verschiebung der globalen Kräfteverhältnisse: China und Indien werden der OECD zufolge bis 2060 ihren gemeinsamen Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung von 24 auf 46 Prozent fast verdoppeln. Die beiden Schwellenländer werden damit mehr erwirtschaften als alle 34 OECD-Staaten zusammen.

2025 schlagen Indien und China die G-7-Staaten

Bereits 2025 werden China und Indien mehr Wirtschaftskraft auf die Waage bringen als die sieben stärksten Industriestaaten (G 7). Und schon 2016 wird China die USA als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen, schneller als von vielen Experten bisher erwartet. Im Jahr 2060 wird neben China auch Indien die heutige Wirtschafts-Supermacht USA hinter sich gelassen haben. Diese neue Weltordnung könnte zu neuen globalen Allianzen führen, an die heute noch niemand auch nur denkt.

Der Bedeutungsverlust der bisherigen Top-Ökonomien trifft vor allem auch die Euro-Länder. Ihr Anteil an der Wirtschaftskraft wird nach der Prognose von aktuell 17 Prozent auf gerade noch neun Prozent in 2060 fallen.

Die europäischen Krisenstaaten Portugal, Griechenland, Italien und Spanien werden allesamt mehr als 40 Prozent ihrer Marktanteile verlieren. Die OECD-Studie dürfte daher Wasser auf die Mühlen der Euro-Retter sein. Sie glauben, angesichts dieser schwindenden Wirtschaftsbedeutung könne nur ein geeintes Europa im Wettkampf mit den aufstrebenden Schwellenländern bestehen, und eben dafür brauche es den Euro.

Wachstumstempo wird sich abkühlen

Für ihren Report sind die OECD-Forscher von einer globalen Wachstumsrate von jährlich 2,9 Prozent ausgegangen. Auch hier liegen Indien (plus 5,1) und China (4,0) deutlich vor Industriestaaten wie den USA (2,1), Frankreich (1,6) oder Deutschland (1,1). Die Studienautoren passten Unterschiede beim Wechselkurs an, sodass die Länder auf dieselbe Kaufkraft kommen.

Das Tempo der Weltwirtschaft wird sich damit trotz des rasanten Wachstums der Schwellenländer im Vergleich zu den vergangenen 16 Jahren abkühlen. Zwischen 1995 und 2011 war die Weltwirtschaft jährlich um 3,5 Prozent gewachsen.

Zu ernst sollte man die Prognosen allerdings nicht nehmen. Konjunkturforscher versagen schon regelmäßig dabei, das Wirtschaftswachstum auch nur für das kommende Quartal vorherzusagen. Annähernd genaue Prognosen über einen Zeitraum von 50 Jahren sind unmöglich, zumal auch niemand die politischen Umwälzungen der kommenden Jahre kennt.

Bildungslücke wird sich schließen

Die OECD-Forscher argumentieren, mit ihrem Report langfristige Verschiebungen aufzeigen zu wollen, die sich anhand des Bevölkerungswachstums oder struktureller Schwächen von Ländern schon jetzt absehen lassen.

So erkennen die Wissenschaftler etwa einen deutlichen Aufholbedarf in den Bildungssystemen der Schwellenländer. "Die Bildungslücke zwischen Industrie- und Schwellenländern wird sich deutlich weniger stark schließen als die Produktivitätslücke", schreibt die OECD.

Brasilien, China und Indien müssten mehr in Bildung investieren, um breite Bevölkerungsschichten an guter Bildung teilhaben zu lassen. Darüber hinaus mahnt die OECD Reformen im Finanzsektor an. Außerdem müssten die Länder den Ausbau ihrer Sozialsysteme vorantreiben und das Rentenalter erhöhen. Letzteres empfiehlt die OECD auch den Industrieländern.

Die größten Volkswirtschaften der Welt

Ranking:

 

Das sind laut OECD

die größten Volkswirtschaften

der Welt, gemessen am

 Bruttoinlandsprodukt

nach Kaufkraftparität

Im Jahr 2011:

1. USA (Anteil am weltweiten BIP: 22,7 Prozent)

2. China (Anteil am weltweiten BIP: 17 Prozent)

3. Japan (Anteil am weltweiten BIP: 6,7 Prozent)

4. Indien (Anteil am weltweiten BIP: 6,6 Prozent)

5. Deutschland (Anteil am weltweiten BIP: 4,8 Prozent)

6. Russland (Anteil am weltweiten BIP: 3,6 Prozent)

7. Großbritannien (Anteil am weltweiten BIP: 3,5 Prozent)

8. Brasilien (Anteil am weltweiten BIP: 3,5 Prozent)

9. Frankreich (Anteil am weltweiten BIP: 3,3 Prozent)

10. Italien (Anteil am weltweiten BIP: 2,8 Prozent)

Im Jahr 2060:

1. China (Anteil am weltweiten BIP: 27,8 Prozent)

2. Indien (Anteil am weltweiten BIP: 18,2 Prozent)

3. USA (Anteil am weltweiten BIP: 16,3 Prozent)

4. Brasilien (Anteil am weltweiten BIP: 3,3 Prozent)

5. Japan (Anteil am weltweiten BIP: 3,2 Prozent)

6. Indonesien (Anteil am weltweiten BIP: 3,0 Prozent)

7. Mexiko (Anteil am weltweiten BIP: 2,7 Prozent)

8. Großbritannien (Anteil am weltweiten BIP: 2,4 Prozent)

9. Russland (Anteil am weltweiten BIP: 2,3 Prozent)

10. Deutschland (Anteil am weltweiten BIP: 2,0 Prozent)

Veränderungen des Anteils am weltweiten BIP zwischen 2011 und 2060:

China: 63 Prozent

Indien: 176 Prozent

USA: -28 Prozent

Brasilien: -4 Prozent

Japan: -52 Prozent

Indonesien: 79 Prozent

Mexiko: 7 Prozent

Großbritannien: -31 Prozent

Russland: -35 Prozent

Deutschland: -58 Prozent

Quelle: dapd
09.10.12 1:20 min.
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