09.11.2012, 17:13

Job-Kahlschlag Der harte Überlebenskampf der spanischen Iberia

Foto: Rafael Díaz / dpa

Von Ute Müller

Die Fluggesellschaft Iberia fliegt täglich einen Verlust von 1,7 Millionen Euro ein. Der Vorstandschef kündigt harte Entscheidungen an, doch die Gewerkschaften wollen das nicht mit sich machen lassen.

Viel dramatischer kann man die Situation bei Iberia nicht beschreiben. "Wir kämpfen ums Überleben, unsere Fluglinie verliert Geld auf allen Märkten, wir müssen jetzt harte Entscheidungen treffen", sagte Vorstandschef Rafael Sánchez-Lozano bei der Präsentation der Quartalszahlen.

In den ersten neun Monaten hat die spanische Airline tagtäglich einen Verlust von 1,7 Millionen Euro eingeflogen, der Fehlbetrag beläuft sich in den ersten neun Monaten auf 262 Millionen. Das ist fast so viel, wie der Partner British Airways (BA) im gleichen Zeitraum an Gewinn erzielt hat, nämlich 286 Millionen Euro.

Die Briten, die seit dem vergangenen Jahr mit Iberia zusammen unter der Holding IAG (International Airlines Group) mit Sitz in London firmieren, haben dem Juniorpartner jetzt einen radikalen Sparkurs verordnet. Fast schon drohend klangen die Worte von IAG-Chef Willie Walsh: "Zu lange haben die Interessen einiger weniger der Zukunft vieler geschadet. Wir werden nicht zögern, die notwendigen Maßnahmen zum Schutz unserer Aktionäre, Kunden und Angestellten zu ergreifen."

Dem will der Spanier Sánchez-Lozano lieber zuvorkommen, die entsprechenden Rezepte hat der gelernte Banker bereits parat. Jeder vierte Iberia-Mitarbeiter soll entlassen werden, das entspricht 4500 der 20.000 Stellen beim einstigen Staatskonzern. Die Löhne der verbleibenden Angestellten sollen um 25 bis 35 Prozent gekürzt werden.

Alle Routen kommen auf den Prüfstand, nicht rentable Strecken werden eingestellt. Sogar beim Direktflug Madrid-Berlin wird gespart: Ab Januar wird Iberia die deutsche Hauptstadt nicht mehr direkt anfliegen. "Die Flugzeuge waren zwar voll, aber an der Touristenklasse allein verdienten wir einfach viel zu wenig", heißt es bei Iberia.

Doch damit nicht genug. 25 Flugzeuge, darunter auch fünf Jumbos werden stillgelegt, das entspricht einem Viertel der Flotte. "Das ist der traurigste Tag in der 85-jährigen Geschichte der Airline", bilanzierte das spanische Nachrichtenportal Preferente.com.

Börse reagiert positiv

Insgesamt will Sánchez-Lozano das Betriebsergebnis in den kommenden drei Jahren durch Einsparungen und Zusatzeinnahmen aus Serviceleistungen um 600 Millionen Euro erhöhen und so in die Gewinnzone zurückfliegen. "Dies ist die letzte Gelegenheit, Iberia wieder auf die Beine zu bringen", sagte er. "Wir brauchen eine kleine, aber effizientere Fluglinie."

An der Börse wurde die Nachricht von der bevorstehenden Sanierung gut aufgenommen. Die IAG-Aktien, die in London und Madrid gehandelt werden, konnten in einem schwachen Marktumfeld um 2,3 Prozent zulegen.

Für die Gewerkschaften haben sich dagegen die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet. Schon seit Wochen warnten sie vor einem riesigen Stellenabbau bei Iberia. Die Fluglinie leidet nicht nur unter der schweren Rezession auf dem Heimatmarkt und den hohen Treibstoffkosten, sondern auch unter vielen hausgemachten Problemen.

So kommen die für das Ergebnis so wichtigen Langstreckenflüge aus Lateinamerika viel zu spät auf dem Madrider Flughafen Barajas an, so dass es an Anschlussflügen zu anderen europäischen Zielen fehlt. Der Flugverbund Air France-KLM hat sich flexibler gezeigt und den Iberern inzwischen die Marktführerschaft bei Flügen nach Lateinamerika abgejagt.

Kunden sind unzufrieden

Gleichzeitig hat das Iberia-Management es verpasst, die Kunden mit neueren Flugzeugen und vernünftigem Service bei der Stange zu halten. Auf der Internetseite Airline-Bewertungen kommt Iberia von allen großen Airlines in Europa am schlechtesten weg. Unfreundliches Personal, wenig Sitzkomfort und nicht einmal ein Gratisgetränk auf Europaflügen verärgern die Kunden.

Die Unzufriedenheit spiegelt sich auch in den Passagierzahlen wieder. War Iberia vor der Fusion mit BA im Jahr 2010 mit fast 29 Millionen Gästen noch Marktführer in Spanien, wurden die Iberer inzwischen längst von den Billigfliegern überholt. 2011 beförderte Iberia nur noch 24 Millionen Passagiere, der Erzfeind Ryan Air brachte 34 Millionen nach Spanien. In den ersten neun Monaten dieses Jahres hat sich der Abstand weiter vergrößert.

Kein Wunder, dass die gesamte Belegschaft gefrustet ist. Beim Bodenpersonal sollen jetzt 3030 Stellen abgebaut werden, 932 Stewardessen und 537 Piloten müssen gehen. "Während unser Seniorpartner BA fünf Milliarden Euro für ein Flottenerneuerungsprogramm ausgeben durfte, spart man sich bei Iberia zu Tode", schimpft ein Mitarbeiter.

Mitarbeiter sehen sich als Verlierer

Die Iberia-Angestellten sehen sich immer deutlicher als Verlierer der Fusion mit BA. Zwar war die Allianz seinerzeit als "Zusammenschluss unter Gleichen" präsentiert worden, doch jetzt sind die Briten klar tonangebend. "So haben wir uns das nicht vorgestellt", sagt Justo Peral, Sprecher der Pilotengewerkschaft Sepla. "Die Briten haben uns einfach geschluckt. Wenn das so weiter geht, ist British Airways im Jahr 2016 dreimal so groß wie Iberia."

In der Chefetage von Iberia ignoriert man vorerst die ungleiche Entwicklung und dreht lieber an der Kostenschraube. "Da gibt es viel zu tun, vor allem im Personalbereich", heißt es bei Iberia. "Unsere Piloten bekommen bis zu 200.000 Euro im Jahr, bei den Billig-Airlines liegt das Einstiegsgehalt bei nur 40.000 Euro."

Aus diesem Grund hat Sánchez-Lozano im April einen eigenen Billigflieger namens Iberia Express an den Start gebracht. Der befördert mittlerweile fast 600.000 Passagiere pro Monat und hat es geschafft, mit günstigeren Personalkosten, noch weniger Service und hohen Tarifen für alle Zusatzleistungen auf einigen der bislang unrentablen Kurz- und Mittelstrecken Gewinn einzufliegen.

Wochenlanger Pilotenstreik

Doch dann musste Iberia Express einen Rückschlag hinnehmen. Mit einem wochenlangen Streik erzwangen die Piloten ein Schiedsverfahren, das die Expansionspläne des Newcomers deutlich verlangsamte. Die Piloten fürchten um Jobs und Privilegien, wenn immer mehr Flüge ausgelagert werden.

Angesichts des Widerstands bei der Stammbelegschaft hat Sánchez-Lozano nun schnell einen Plan B auf den Tisch gelegt, zumal Iberia noch ein anderes Standbein im Billigfluggeschäft hat. So halten die Spanier derzeit 45 Prozent am katalanischen Low-Cost-Carrier Vueling und wollen ihren Anteil auf 100 Prozent aufstocken.

Wenn das gelingt, so hofft Sánchez-Lozano, ist der Weg frei, um die Expansion im Billigfluggeschäft zu forcieren. "Immer mehr Geschäftsbereiche gehen verloren und wir Angestellten müssen den Kopf hinhalten für die Fehlentscheidungen im Management", hieß es am Freitag in einer gemeinsamen Erklärung der drei wichtigsten bei Iberia vertretenen Gewerkschaften. "Wir sind bereit, alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um unsere Interessen zu verteidigen."

Schlechte Nachrichten für Kunden

Für die Iberia-Kunden sind das schlechte Nachrichten. "Wer in nächster Zeit mit Iberia fliegt, ist selber schuld", sagt die Chefin eines großen PR-Unternehmens aus Madrid. Der Showdown könnte bereits an Weihnachten erfolgen.

Vor einem Jahr hatten die Iberia-Piloten mit einer beispiellosen Streikwelle den Flugbetrieb in Madrid weitgehend lahmgelegt. Ihr schlechter Ruf eilt ihnen inzwischen voraus. Als die arabische Fluglinie Emirates dieses Jahr 450 neue Piloten einstellte, bewarben sich auch viele Iberia-Flugführer. Doch keine ihrer Bewerbungen hatte Erfolg.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter