09.11.12

Martin Kannegiesser

"Der große weise Mann der deutschen Wirtschaft"

Die Metallarbeitgeber haben ihren Präsidenten Martin Kannegiesser verabschiedet, der sich nach zwölf Jahren an der Verbandsspitze zurückzieht. Sogar die Gewerkschafter loben den alten Kontrahenten.

Foto: Klar/Lengemann

Zum ersten Mal fand im Verlagshaus der Axel Springer AG in Berlin das „Tarifforum“ statt, das die „Welt“-Gruppe gemeinsam mit dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall veranstaltete. Die Moderation übernahm „Welt“-Wirtschaftsreporterin Inga Michler. Mit einem feierlichen Festakt wurde...

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"Lange Reden sind nicht meine Stärke, sie sind meine Schwäche", zitierte die Moderatorin ein Bonmot des scheidenden Gesamtmetallpräsidenten Martin Kannegiesser. Da lachten Arbeitgeber und Gewerkschafter, die am Donnerstagabend zur Verabschiedung Kannegiessers im Verlagshaus der Axel Springer AG zusammengekommen waren und etliche nickten auch.

So kennen sie den Gesamtmetallpräsidenten aus langen Verhandlungsnächten, in denen bis in die frühen Morgenstunden um Lohnerhöhungen und gemeinsame Lösungen für die Branche gestritten wurde. Kannegiesser ist berühmt für seine scheinbar endlosen Wortgirlanden.

Nachfolge im Familienbetrieb regeln

Nach vier Jahrzehnten Verbandsarbeit für die Metall- und Elektroindustrie, nach zwölf Jahren als Gesamtmetallpräsident zieht sich Martin Kannegiesser zurück. Der 71-jährige Firmenpatriarch will die Weichen für die Nachfolge in seinem Familienunternehmen regeln. Für den Verband bedeutet dies einen Generationenwechsel. An die Spitze tritt der 48-jährige Heidelberger Unternehmer Rainer Dulger.

Die Metallarbeitgeber waren zum Berliner Morgenpost-Tarifforum 2012 zusammengekommen um die Verabschiedung ihres alten Präsidenten zu feiern, sich selbst und die ganze Branche – das "Herz der Wirtschaft", wie Dulger sagte, gleich mit.

Ein Hauch von Rheinischem Kapitalismus

Gefeiert wurde auch die Sozialpartnerschaft. Die IG Metall war mit Vorständen und Bezirksfürsten angereist. "Das Herz der Wirtschaft braucht zwei Kammern,", sagte Dulger in seiner ersten öffentlichen Rede, "und es braucht beide, um zu schlagen." Auch wenn man sich manchmal gestritten habe, wie die Kesselflicker, "das gehört dazu".

Ein Hauch von Rheinischem Kapitalismus, vom alten deutschen Korporatismus, wehte durch den Saal, wie SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier in seiner Laudatio zufrieden feststellte. Er lobte Kannegiesser als "Symbolfigur" dieses Rheinischen Kapitalismus, ja, als "großen weisen Mann der deutschen Wirtschaft", der es verstanden habe, Brücken zwischen Arbeit und Kapital zu schlagen.

Meilensteine in der Ära Kannegiesser

Wenn der deutsche Industriestandort heute so gut dasteht, und das deutsche Sozialmodell heute weltweit beachtet wird, dann sei das auch ein Verdienst Kannegiessers. Steinmeier erinnerte noch einmal an die großen Meilensteine in Kannegiessers Ära: Der legendäre Abschluss von Pforzheim, der den Durchbruch zu mehr Flexibilität in der Tarifpolitik bedeutete, genauso wie der Schulterschluss in der großen Krise 2009/10, als mit der Kurzarbeit Hunderttausende von Arbeitsplätzen gesichert wurden.

Da blieb für Kannegiessers langjährigen Gegenspieler an der IG Metall-Spitze, Berthold Huber, nicht mehr viel übrig. "Im Wesentlichen ist alles gesagt", begann Huber. Es sei mit Kannegiesser nicht immer "gemütlich gewesen", sagte Huber, aber er habe den Gesamtmetallpräsidenten "sehr schätzen gelernt, auch persönlich".

Partner bleiben, nicht Gegner werden

Die beiden verbindet mehr als gegenseitiger Respekt. Bei ihren regelmäßigen Treffen wurde nicht nur über die Tarifpolitik gesprochen. "Martin Kannegiesser erzählte mir von seinen Sorgen als Unternehmer und ich von meinen Sorgen als IG-Metall-Vorstand", sagte Huber.

Nun muss der Gewerkschaftschef sich auf einen neuen Gesamtmetallpräsidenten einstellen. "Ich brauche Sie und Sie brauchen mich", sagte er dem Neuen. Dulger versprach, so weiterzumachen wie sein hochgelobter Vorgänger. Strittige Fragen sollen konstruktiv gelöst werden, zum Wohle der Betriebe und ihrer Beschäftigten: "Wir müssen Partner bleiben, nicht Gegner werden."

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Zur Person
  • Martin Kannegiesser

    Er übernahm im Alter von 27 Jahren die Maschinenfabrik seines Vaters. Im Jahr 2000 rückte er an die Spitze des Verbands Gesamtmetall. Jetzt zieht sich der 70-Jährige zurück, um die Nachfolge in seiner Firma zu regeln.

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