08.11.12

EADS-Finanzchef

"Wir müssen schauen, was realistisch ist"

Harald Wilhelms Start als Finanzchef des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns EADS war turbulent. Er plante die Mega-Fusion mit der britischen BAE Systems mit. Der Deal scheiterte am Ende. Was nun?

Foto: REUTERS

Airbus A380 in einem Hangar in Hamburg-Finkenwerder. EADS hat bisher weniger der Riesen-Maschinen ausgeliefert als geplant
Airbus A380 in einem Hangar in Hamburg-Finkenwerder. EADS hat bisher weniger der Riesen-Maschinen ausgeliefert als geplant

Berliner Morgenpost: Nach dem Scheitern der Fusion mit BAE Systems hat EADS angekündigt, die Firmenstrategie "Vision 2020" auf den Prüfstand zu stellen. Wie weit sind Sie damit?

Harald Wilhelm: Mit der Fusion mit BAE Systems hätten wir die Strategie, die noch unter dem früheren Konzernchef Louis Gallois beschlossen wurde, auf einen Schlag umgesetzt. Wir hätten das Verteidigungsgeschäft ausgebaut, uns internationaler aufgestellt und Zugang zum US-Markt bekommen. Nun müssen wir uns die Frage stellen, ob und wie wir die Ziele auf anderen Wegen erreichen können. Wir schauen uns das mit aller Sorgfalt und Ruhe an.

Berliner Morgenpost: Sie wollten laut der bisherigen Strategie das Verteidigungsgeschäft zur gleichen Stärke wie das kommerzielle Geschäft ausbauen. Bleibt es dabei?

Wilhelm: Das Verhältnis zwischen 50 Prozent kommerziellem Geschäft und 50 Prozent Verteidigungsgeschäft ist kein Dogma. Sicher wollen wir nicht nur im kommerziellen, sondern auch im Verteidigungsbereich wachsen. Rein organisch ist das aber kaum umzusetzen.

Berliner Morgenpost: Prüfen Sie also Zusammenschlüsse?

Wilhelm: Wir werden sicher darüber sprechen, ob Zukäufe und Fusionen in einzelnen Märkten möglich sind. Die USA stehen als größter Markt dabei nach wie vor in unserem Fokus. Doch angesichts der Hürden, denen wir in den Fusionsgesprächen mit BAE Systems begegnet sind, müssen wir schauen, was realistisch ist.

Berliner Morgenpost: Der operative Gewinn von Cassidian sank zuletzt. Wie hoch ist der Handlungsdruck?

Wilhelm: Wir stehen nicht unter Druck, denn es geht ja um die EADS im Jahr 2020. Der Konzern ist gut aufgestellt, das gilt für das kommerzielle sowie militärische Geschäft. Auch bei Cassidian besteht kein kurzfristiger Handlungsbedarf. Wir haben dort einen Auftragsbestand von 16 Milliarden Euro und laufende Programme stehen nicht unmittelbar auf dem Prüfstand. Unser Hauptfokus ist es derzeit, Wettbewerbs- und Ertragsfähigkeit von Cassidian zu steigern und die Internationalisierung in neuen Geschäftsfeldern wie Grenzkontrolle und ziviler Sicherheit mit Augenmaß voranzutreiben.

Berliner Morgenpost: Sie haben solide Zahlen vorgelegt. Allerdings hat sich Ihr Bargeldbestand deutlich reduziert. Warum verbrennen Sie so viel Geld?

Wilhelm: In den nächsten Wochen werden überproportional viele Flieger ausgeliefert, für die wir in den ersten neun Monaten bereits Vorräte aufgebaut hatten. Insbesondere bei der A380 haben wir bis dato weniger Maschinen ausgeliefert als geplant. Das Ziel für 2012 bleibt jedoch nach wie vor, 30 Maschinen auszuliefern. Darüber hinaus investieren wir in die Steigerung der Produktionsraten von A320 und unserer Langstreckenflugzeuge. Darüber hinaus müssen wir derzeit in Vorräte investieren, um Engpässen in unserer Zulieferkette vorzubeugen.

Berliner Morgenpost: In Ihrem Finanzbericht deuten sie an, dass auch Geld von Regierungen aussteht.

Wilhelm: Das stimmt leider. Bei Programmen wie der A400M sind wir im Produktionshochlauf und viele Rechnungen werden planmäßig erst 2013 bei der Auslieferung der ersten Maschinen beglichen. In anderen Fällen sind Rechnungen offen, obwohl wir ausgeliefert haben. Da geht es etwa um den Eurofighter sowie die Hubschrauberprogramme Tiger und NH90. Wir gehen davon aus, dass diese Zahlungen bis Jahresende eingehen. Spanien etwa hat erst kürzlich die Mittel bewilligt, so dass ich optimistisch bin, dass diese ausstehenden Zahlungen bald erfolgen.

Berliner Morgenpost: Können Zulieferer mit Ihrem Produktionstempo noch mithalten?

Wilhelm: Die meisten ja. Doch von Fall zu Fall müssen wir Unternehmen mit personellen oder finanziellen Mitteln helfen, um Engpässe zu verhindern. Im vergangenen Jahr kauften wir den deutschen Zulieferbetrieb PFW Aerospace – der Betrieb ist übrigens mittlerweile wieder leistungsfähig. Ich schließe nicht aus, dass wir einen solchen Schritt im einen oder anderen Notfall wieder machen müssen.

Berliner Morgenpost: Wie sehr belastet es EADS, dass die Bundesregierung Anschubhilfen für den A350 zurückhält?

Wilhelm: Hätten wir das Geld bekommen, wäre unsere Bargeldsituation besser. Aber: Wir haben den Vertrag mit der Bundesregierung im Jahr 2010 unterschrieben und die Zahlung steht noch aus. Wir sind hier schon länger mit der Regierung im Gespräch. Insofern war es für mich nicht unbedingt eine Überraschung, dass das Geld im September noch nicht eingegangen ist.

Berliner Morgenpost: Wann erwarten Sie eine Lösung in der Frage?

Wilhelm: Die Gespräche haben wieder begonnen und verlaufen konstruktiv. Das hat man sich gegenseitig zugesichert. Ich möchte jetzt nicht darüber spekulieren, wann und wie sie zu einem positiven Ergebnis führen.

Berliner Morgenpost: Ihr Verkaufschef John Leahy wollte bis Jahresende 30 Neuaufträge für den A380 bekommen. Davon sind Sie aber mit neun Bestellungen noch weit entfernt.

Harald Wilhelm: Das Ziel haben wir uns zu Jahresbeginn gesetzt und ja, es ist ambitioniert. Das Thema Haarrisse hat uns sicher nicht geholfen. Jetzt wieder in Schwung zu kommen, ist nicht ganz einfach – nicht zuletzt wegen des herausfordernden makroökonomischen Umfelds. Die Entscheidungen von Fluglinien für die A380 reifen oft langsam. Sie müssen nicht nur das Geld für den Kauf aufwenden, sondern auch in ihre Infrastruktur investieren. Dass sich Singapur Airlines Ende Oktober für fünf weitere A380 entschieden hat, ist aber ein sehr positives Zeichen.

Berliner Morgenpost: Wie sehr spüren Sie die allgemeine Wirtschaftsschwäche?

Harald Wilhelm: Wir spüren in der zivilen Luftfahrt bislang keine negativen Effekte. Der Auftragseingang liegt Ende September bei Airbus und Eurocopter voll im Plan. Zudem sind wir weltweit aufgestellt und sind deswegen recht immun gegen regionale Schwankungen. Mittel- bis langfristig ändert sich an unseren Wachstumsplänen im zivilen Bereich von rund fünf Prozent nichts.

Berliner Morgenpost: Wann wird das A380-Programm Gewinn abwerfen?

Wilhelm: Unser Ziel bleibt es, im Jahr 2015 in die schwarzen Zahlen zu kommen. Das Ziel haben wir immer an zwei Rahmenbedingungen geknüpft: Einen Dollarkurs von 1,35 Euro und Auslieferungen von mehr als 35 Fliegern im Jahr 2015. Beim Dollar bewegen wir uns in die richtige Richtung. An den Auslieferungen arbeiten wir noch. Hier haben wir 2015 noch Produktionskapazitäten frei. Wir setzen jedenfalls alles daran, um beim A380 im Jahr 2015 beim Gewinn vor Zinsen und Steuern die Gewinnzone zu erreichen.

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    (Quelle: Friedensforschungsinstitut Sipri, Stockholm; Stand: 2010, dpa)

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