08.11.12

Reformdruck

Volksrepublik China steht kurz vor dem "Big Bang"

Die neue KP-Führung in Peking muss gigantische Reformen durchführen, um den weiteren Aufstieg des Landes zu ermöglichen. China dürfte sich auf den größten Umbruch seit 30 Jahren vorbereiten.

Von Frank Stocker
Foto: Infografik Die Welt

Die Kernzahlen der chinesischen Wirtschaft
Die Kernzahlen der chinesischen Wirtschaft

In den USA feierten die Menschen am New Yorker Times Square, nachdem Barack Obamas Wahlsieg bekannt geworden war. Ganz anders wird es in Peking sein, wenn der Parteitag der Kommunistischen Partei seinen Höhepunkt erreicht, auf dem eine neue Führung bestimmt wird. Schon vorher steht so gut wie fest, wer die Posten des Generalsekretärs und des Premierminister übernimmt.

Und hier müssen Taxifahrer die Türen verschließen, wenn sie durchs Stadtzentrum fahren, damit Fahrgäste nicht spontan irgendwelche Sympathien oder Antipathien öffentlich bekunden können. Hier Jubel, nach einem harten und oft schmutzigen Wahlkampf. Dort die pure Angst einer Machtkaste, die sich selbst für auserwählt hält, ein 1,3-Milliarden-Volk zu führen.

Das Reich der Mitte steht am Scheideweg

Doch so unterschiedlich die Ereignisse auch sind: Die Aufgaben vor denen die Regierenden in der neuen Amtsperiode stehen, sind in den USA und in China ähnlich gigantisch. Das erstaunt auf den ersten Blick, denn China scheint vielen immer noch die Erfolgsgeschichte per se, gesegnet durch zwei Jahrzehnte exorbitanten Wachstums.

Doch auch das Reich der Mitte steht jetzt am Scheideweg. Denn das bisherige Wachstumsmodell kommt an seine Grenzen und es droht das Steckenbleiben auf halbem Weg, wenn nun nicht mit neuem Schwung wichtige Reformen angeschoben werden. Und zentral dabei ist der Finanzmarkt.

Nur noch sechs Prozent Wachstum

"Die neuen Führer werden wenig Zeit zum Feiern haben, wenn man die entmutigenden und drückenden Herausforderungen sieht, vor denen sie stehen", sagt Wei Yao, Ökonomin für China bei der Société Générale. So werde die Wirtschaft in den kommenden Jahren ganz sicher deutlich langsamer wachsen als in der Vergangenheit.

Das ist völlig normal, wenn ein Land ein gewisses Niveau erreicht hat. Hinzu kommt im Falle Chinas aber, dass auch dort die Bevölkerung bereits zunehmend älter wird. So schätzt Yao, dass die Wirtschaft in den kommenden zehn Jahren nur noch um etwa sechs Prozent pro Jahr wachsen werde, nach rund zehn Prozent in der vergangenen Dekade.

China droht die Falle des mittleren Einkommens

Verschärfend kommt aber noch hinzu, dass das bisherige Wachstumsmodell keine Zukunft mehr hat. Es sah bisher so aus, dass China billige Produkte herstellte und exportierte, damit große Überschüsse erzielte und das gesammelte Kapital dann in die Infrastruktur investierte. Doch der Westen steckt in der Krise, so dass der Export lahmt. Und Investitionen stehen heute für fast 50 Prozent des Wachstums, was über kurz oder lang zu gigantischen Fehlinvestitionen führen wird, wenn dies länger anhält.

Dies könne dazu führen, dass sich China recht bald schon in die "Falle des mittleren Einkommens" gehe, warnt George Magnus, Ökonom bei der UBS. Das bedeutet, dass das Land nicht den Sprung von der mittleren in die obere Liga der Industrienationen schafft - was allzu oft geschieht. So zeigt eine Studie der Weltbank, dass von 101 Ländern, die 1960 ein mittleres Einkommen aufwiesen, bis 2011 nur 13 in die Gruppe der Staaten mit hohen Einkommen aufgestiegen waren.

Ausgleich der extremen sozialen Ungleichheit

"Nach zwei Dekaden unvergleichlichen ökonomischen Erfolgs braucht China daher nun Reformen von einem ähnlichen Ausmaß wie vor 30 Jahren", sagt Magnus. Damals hatte Deng Xiaoping die Hinwendung zu marktwirtschaftlichen Prinzipien eingeleitet. Diese sind aber bislang unvollendet. Und genau da muss die neue Führung ansetzen. "Eine weitere Liberalisierung und Privatisierung könnte die Produktivität steigern und die Wirtschaft effizienter machen", sagt Wei Yao.

Denn auch wenn uns China heute oft sehr kapitalistisch vorkommt, so wird die Wirtschaft nach wie vor von riesigen Staatsbetrieben dominiert. "Mehr privat getriebenes Wachstum würde den Dienstleistungssektor stärken und den Anteil der privaten Einkommen am gesamten Volkseinkommen erhöhen." Dies wiederum könnte dazu beitragen, die extreme soziale Ungleichheit, die in den vergangenen drei Jahrzehnten entstanden ist, etwas auszugleichen.

Zeit ist reif für eine Freigabe der Zinsen

Mindestens ebenso wichtig ist jedoch die Deregulierung des Finanzmarktes. Denn nach wie vor können Banken beispielsweise Zinsen nicht selbst festlegen. Dieses zentrale Regelungsinstrument für eine Volkswirtschaft fehlt daher in Chinas weitgehend. Das führt dazu, dass Menschen ihr Geld in Immobilien anlegen und eine Blase am Wohnungsmarkt entsteht, weil der Zins auf Sparkonten niedriger ist als die Inflation. Und das führt dazu, dass vor allem Staatsfirmen günstig an Geld kommen, obwohl sie völlig ineffizient wirtschaften. "Die Zeit ist reif für eine Freigabe der Zinsen", sagt Qu Hongbin, Ökonom bei der HSBC.

Ebenso wichtig ist für ihn aber auch der Ausbau des Anleihenmarktes. Denn bisher sind die meisten Firmen bei ihrer Finanzierung weitgehend von Banken abhängig. Eine Alternative dazu wäre vor allem für mittelständische Firmen wichtig, die bei den Kreditinstituten nur schwer an Geld kommen. "Ein breiterer Anleihenmarkt dürfte den Banken Anreize geben, sich stärker um kleine und mittlere Firmen zu kümmern", glaubt Qu. Zudem wäre dieser Markt auch für ausländische Investoren attraktiv, was zu einer Professionalisierung führen dürfte.

Währung müsste voll konvertierbar werden

Der dritte wichtige Punkt auf einer notwendigen Reformagenda betrifft die Währung. Sie müsste voll konvertierbar werden, damit China umfassend in den internationalen Finanzmarkt integriert werden kann. Dies hätte große Vorteile für das Land und seine Unternehmen, die dann vermehrt internationale Investoren anziehen könnten und auch leichter ins Ausland expandieren könnten.

Es hätte aber auch Vorteile für hiesige Anleger, denen sich dann ein zusätzlicher, riesiger Markt für ihre Investitionen eröffnen würde. Zudem würde der Yuan zu einer echten Konkurrenz zu Dollar, Euro und Yen. Auch der Devisenmarkt würde dann gründlich durcheinander gewirbelt.

Es bahnt sich ein "Big Bang" an

Qu ist zuversichtlich, dass die neue Regierung diese notwendigen Maßnahmen mit Schwung in Angriff nehmen wird. "Es gibt klare Anzeichen, dass bei Chinas neuer Führung die Beschleunigung der Reformen ganz oben auf der Agenda der kommenden Jahren stehen wird", sagt er. Er erwartet sogar "eine Welle koordinierter Reformen, die das Finanzsystem des Landes revolutionieren wird", und er spricht bewusst von einem "Big Bang", einem großen Knall.

"Die Menschen, die in der Finanzindustrie arbeiten, wissen sehr gut, dass mit 'Big Bang' einst jene grundlegenden Reformen bezeichnet wurden, mit denen Großbritannien Anfang der 80er Jahre seine Finanzindustrie von einer abgeschotteten Nischenwelt in ein globales Kraftwerk verwandelte", sagt er. Das veränderte damals die britische Wirtschaft grundlegend. "Jetzt ist China an der Reihe."

Verbinden Sie sich mit dem "Welt-Online"-Autor auf Twitter: Frank Stocker schreibt schwerpunktmäßig zu den Themen: Geldanlage, China und Schwellenländer

Foto: AFP

Der Wahlparteitag der Kommunistischen Partei Chinas findet in der Großen Halle des Volkes in Peking statt.

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