08.11.12

Geschäftsmodell

Erneuerbare Energien bringen Siemens ins Schlingern

Milliardengewinn – und trotzdem hat sich Siemens einen harten Sparkurs verordnet. Der Erfolg der Energiewende lässt auf sich warten, jetzt wachsen die Zweifel an Konzernchef Löscher.

Von Jens Hartmann
Quelle: dapd
08.11.12 3:00 min.
Siemens wird in diesem Jahr zwar die gesteckten Gewinnziele erreichen, aber der Technologiekonzern will in Zukunft Kosten reduzieren. Bis 2014 sollen insgesamt sechs Milliarden Euro eingespart werden.

Wenn Peter Löscher seinen Tag beginnt, legt er sich gleich in die Riemen. Der 55 Jahre alte Österreicher setzt sich gerne in aller Herrgottsfrühe ans Rudergerät im Fitnessklub, um sich auszupowern. Er wisse genau, dass man auch körperlich fit für einen solchen Job sein müsse, begründete der sportliche Siemens-Chef einmal seine frühmorgendliche Trainingsstunde. Körperliche Kraft und Ausdauer sind für den schlaksigen, fast zwei Meter großen Topmanager gerade in Zeiten wie diesen eine Notwendigkeit. Denn der Stress ist zurück.

Löscher ist so umstritten wie nie, seit er nicht mehr Rekordergebnisse in Serie abliefert, Gewinnprognosen kassieren muss und öffentlich Fehler eingesteht, wenn seine Mannschaft wieder einmal irgendwo Hunderte Millionen Euro versenkt hat.

Ist er der Richtige an der Siemens-Spitze? Eine eigentlich absurde Frage angesichts eines Gewinns von 5,2 Milliarden Euro im abgelaufenen Geschäftsjahr, über das Löscher Rechenschaft ablegte, und eines Umsatzzuwachses von sieben Prozent auf 78 Milliarden Euro. Viele Unternehmenschefs würden frohlocken.

Selbst gestecktes Ziel verfehlt

Doch sein selbst gestecktes Gewinnziel von sechs Milliarden Euro hat der Spitzenmanager um Längen verfehlt. Es wird vermutlich Jahre dauern, bis Siemens wieder in Rekordhöhen vordringt, die Löscher einmal mit dem Satz beschrieb: "Wir sind auf Augenhöhe mit GE."

GE ist das Kürzel des amerikanischen Erzrivalen General Electric. GE war über Jahrzehnte das Maß aller Dinge in der Industrie. Und der US-Konzern will diesmal seinen Jahresgewinn um mehr als ein Zehntel steigern. Während der von Siemens um fast ein Drittel schrumpft.

Was läuft verkehrt für den Mann, der lange als unantastbar galt und nun angreifbar erscheint? Zwar ist der Gewinn noch beachtlich. Dennoch ist Siemens gerade dabei, die Konkurrenz davonziehen zu lassen. ABB oder GE sind derzeit deutlich stärker als die Münchner.

Probleme sind teils hausgemacht

Das gilt ganz besonders für zwei der vier Geschäftsbereiche: "Energy" und "Infrastructure & Cities". Dass andere in diesen harten Zeiten zulegen können, heißt vor allem eines: Die Probleme bei Siemens sind nicht nur der weltweiten konjunkturellen Schwäche und den Auswirkungen der Euro-Krise auf die Weltwirtschaft geschuldet, sondern auch hausgemacht.

Einer der Hauptfehler, der Löscher unterlaufen ist: Als schon erste Hinweise auf eine schwächer werdende Konjunktur unübersehbar waren, ließ er kräftig weiterinvestieren. Dadurch sind die Kosten aus dem Ruder gelaufen.

Diese fatale Fehleinschätzung wird Siemens auf Quartale hinaus belasten. Reparaturarbeiten sind vonnöten, vermutlich auch bald Kurzarbeit. "Siemens 2014" hat er ein Programm getauft, das binnen zwei Jahren sechs Milliarden Euro einsparen soll. Das ist ambitioniert, kostet aber auch erst einmal Geld: nämlich 2013 eine Milliarde Euro und vermutlich viele Jobs.

Atemberaubende Karriere

Peter Löscher, der Sohn eines Bauern und Skiliftbesitzers aus Villach in Kärnten, hat eine atemberaubende Karriere hingelegt. Als ihm die Bergregion zu eng wurde, zog er in die weite Welt: in die USA, nach Hongkong. Er machte bei Pharmakonzernen wie Hoechst, Aventis und Merck & Co Karriere. Auch bei General Electric war er einst, weiß also, wie der schärfste Wettbewerber tickt. Auch wenn er tolle Managerjobs hatte, schaffte er es nie bis ganz nach oben.

Bis ihn der Ruf ereilte, genauer: der Anruf von Gerhard Cromme. Cromme, Aufsichtsratschef von Siemens, suchte einen neuen Vorstandsvorsitzenden und war auf den Mann aus Kärnten gestoßen, der eine beachtliche internationale Laufbahn hingelegt hatte. Ein unverbrauchter, vor allem aber ein von der Korruptionsaffäre unbelasteter Endvierziger, vielleicht absoluten Fachleuten ein Begriff, für die deutsche Öffentlichkeit aber ein Nobody.

Löscher startete am 1. Juli 2007 furios: Er trieb die Aufklärung des Korruptionsskandals voran, schickte mit einer Gewinnwarnung die Aktie auf Talfahrt, brachte ein Programm mit auf den Weg, das zu Einsparungen in der Verwaltung und dem Vertrieb von jährlich 1,2 Milliarden Euro sorgte und 12.000 Stellen kostete.

Vom Glück verlassen?

Löscher baute Siemens nach seinen Vorstellungen um – zu einem Infrastrukturunternehmen, das Turbinen baut und Windräder, das aber kaum noch Kontakt zum Endverbraucher hat. Die Zeiten, da Siemens Telefone herstellte und Computer, sind unwiederbringlich vorbei.

Mit dieser Strategie war der Manager lange erfolgreich, was sich an den jeweiligen Rekordergebnissen ablesen ließ. Löscher schien gut für Siemens zu sein – und Siemens gut zu Löscher. So verdiente er von 2007 bis 2011 insgesamt fast 40 Millionen Euro.

Innerhalb kürzester Zeit scheint ihn jedoch das Glück verlassen zu haben. Tatsächlich beobachtet man im Aufsichtsrat sehr genau, wie sich Löscher derzeit schlägt. So kommt unter den Kontrolleuren nicht nur Begeisterung auf, wenn die Zukäufe analysiert werden.

Das Solargeschäft floppte

Das erst vor wenigen Jahren ins Haus geholte Solargeschäft etwa floppte. Das gescheiterte Solar-Experiment kostet vermutlich 800 Millionen Euro. Mit Murren wurde auch zur Kenntnis genommen, dass die Probleme mit den Netzanschlüssen für Windparks in der Nordsee vor der deutschen Küste bis dato 600 Millionen Euro gekostet haben. Schlechtes Projektmanagement und eine mangelhafte Ausgestaltung der Verträge sind hier die Ursache.

All diese Baustellen drücken aufs Ergebnis und konterkarieren die zum Teil exzellente Arbeit in anderen Geschäftsfeldern. Denn ein Unternehmen, das mehr als fünf Milliarden Euro verdient, verfügt über eine starke Substanz.

Löscher hat Siemens mit aller Macht zu einem "grünen Infrastruktur-Pionier" umgebaut. Er ist da Überzeugungstäter. Das Unternehmen, das Jahrzehnte lang im Atomgeschäft aktiv war, sollte auf einmal mit erneuerbaren Energien reich werden. Das war gut fürs Image, aber bislang nicht unbedingt gut fürs Geschäft.

Es könnte noch schlimmer kommen

So lässt die Energiewende auf dem Heimatmarkt Deutschland auf sich warten. Auf Siemens' größtem Markt USA ist, seit enorme Mengen an Schiefergas gefunden wurden, das Interesse an Sonne und Wind erlahmt.

Siemens musste daher gerade 600 Stellen in einem Windkraft-Werk abbauen – und es könnte noch schlimmer kommen. Länder wie Spanien kappen ihre Solar-Subventionen. Und China macht bei der Sonnen- und Windenergie mit aggressiven Preisen den Markt kaputt. Kurzum, die Geschäftsgrundlage bei Grün bröckelt.

Da es nicht rund läuft, treten Kritiker vermehrt auf den Plan. Die kommen auch aus dem eigenen Management und warnen davor, die neue Siemens allzu einseitig auf Grün auszurichten und dabei die alte, margenstarke Siemens zu vernachlässigen. Löscher hat nun mit der Trennung von Solar und einem Teil des Wasser-Geschäfts ein Stück weit gegengesteuert.

Keine ernsthafte Nachfolgedebatte

Der Vorwurf, aufs falsche Pferd gesetzt zu haben, wird gerne um einen zweiten erweitert: Löscher kümmere sich nicht ausreichend ums Tagesgeschäft, sondern nehme viel lieber Termine mit Politikern in aller Welt wahr. Dabei sollte man allerdings berücksichtigen, dass Kundenbesuche und Treffen mit Politikern wie US-Präsident Barack Obama oder dem russischen Präsidenten Wladimir Putin traditionell zu den Hauptaufgaben eines Siemens-Oberen gehören.

Eine Nachfolgedebatte wird bei Siemens nicht ernsthaft geführt. Aber auffällig oft ist – im Unternehmen und im Umfeld – zu hören, dass es da durchaus jemanden gäbe, der Siemens könnte: Joe Kaeser. Der Finanzchef ist seit nunmehr 32 Jahren bei Siemens und vernetzt wie kaum ein anderer im Konzern. Der Mann, der seine Wurzeln im Bayerischen Wald hat, saß wie jedes Jahr auch diesmal bei der Bilanz-Pressekonferenz neben Löscher - und beantwortete wie jedes Jahr auch diesmal Fragen, auf die man eigentlich eine Antwort des Vorstandsvorsitzenden erwartet hätte.

Kaeser ist zwar ein Zahlenmensch, aber weniger spröde als Löscher. Er kann sich lange über die Unterschiede bei Buchhaltungsstandards auslassen, aber auch darüber sinnieren, was wäre, wenn Siemens komplett in der Hand der Mitarbeiter wäre. Zur Bilanz-Pressekonferenz hatte Kaeser zu aller Überraschung sein Markenzeichen, den Schnauzbart, abrasiert. Die optische Veränderung dürfe man durchaus als Neuanfang bei Siemens deuten, sagte er. "Wenn der Bart aber wieder wachsen sollte, ist das jedoch keine verdeckte Gewinnwarnung."

Zwei wichtige Verbündete

Die Lacher hatte er auf seiner Seite. Dennoch hat man nicht den Eindruck, da würde jemand am Stuhl des anderen sägen. So betonte Kaeser bereitwillig, er stehe genauso hinter dem von Löscher herausgegebenen Umsatzziel von 100 Milliarden Euro und würde auch "Siemens 2014" voll mittragen.

Löscher hat bei Siemens zwei Verbündete, die nicht zu unterschätzen sind. Zum einen Gerhard Cromme: Der 69-jährige Aufsichtsratschef dürfte im Januar auf der Hauptversammlung erneut zum Chefkontrolleur gewählt werden.

Und die Arbeitnehmervertreter: Ihnen hatte Löscher bei seinem Amtsantritt vor fünf Jahren zugesichert, mit ihm werde es keinen "Kahlschlag" bei Arbeitsplätzen geben. Er hat bislang Wort gehalten.

Nun muss Versäumtes nachgeholt werden

Zwar ist die Zahl der Beschäftigten unter seiner Ägide von anfangs 475.000 Siemensianern auf nunmehr 370.000 zurückgegangen. Das hat aber vor allem mit dem Verkauf von Geschäftsaktivitäten zu tun. Jüngstes Beispiel ist die Lichttochter Osram, die 2013 an die Börse soll. Bei ihr arbeiten 40.000 Mitarbeiter weltweit.

Dass Löscher die großzügige Kurzarbeiterregelung mitten in der Finanzkrise mit IG Metall und DGB durchsetzen konnte, wird ihm in Gewerkschaftskreisen bis heute hoch angerechnet. Auch, dass er eine wegweisende Vereinbarung unterzeichnete, nach der Siemens unbefristet auf Entlassungen verzichtet. "Die Arbeitnehmervertreter stehen jedenfalls hinter Löscher", heißt es aus Kreisen des Betriebsrats. Eine neue Herausforderung für diesen Pakt wird das Sparprogramm "Siemens 2014".

Löscher muss, als wäre er ein gewählter Politiker, in seiner zweiten Amtsperiode - sein Vertrag läuft bis 2017 - nun in aller Eile Versäumtes nachholen. Nun wird er sich daran messen lassen müssen, ob Siemens wieder Anschluss an die Wettbewerber findet. "Mittelfeld ist für Siemens nicht gut genug", sagte er bei der Vorstellung der Zahlen. Und für Champions League reicht es zurzeit nicht. Dort will Peter Löscher, Fußballfan und Vereinsmitglied des FC Barcelona, wieder 2014 spielen.

Quelle: Reuters
01.09.12 2:46 min.
Das Pilot-Projekt von Siemens nennt sich "Young Europeans". Damit sollen Fachkräfte für die Auslandsstandorte des Dax-Konzerns ausgebildet werden. Ein Drittel der 3000 Bewerber kam aus Griechenland.
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  • Aufträge

    Siemens sitzt zwar noch auf einem prall gefüllten Auftragsbuch mit Bestellungen über rund 100 Milliarden Euro. Es hapert aber an Neuaufträgen – und damit am zukünftigen Geschäft. So sank im dritten Quartal (April bis Juni) der Auftragseingang gegenüber dem Vorjahreszeitraum um ein Viertel auf nur noch 17,8 Milliarden Euro. In den ersten neun Monaten konnte Siemens Neuaufträge über nur noch 55,46 Milliarden Euro verbuchen. Im Jahr davor waren es in den ersten neun Monaten noch 64,43 Milliarden Euro.

  • Jobs

    Siemens hat in den vergangenen eineinhalb Jahren netto rund 23.000 Stellen weltweit geschaffen. Zum 30. Juni waren im Unternehmen 370.000 Menschen beschäftigt, darunter 119.000 in Deutschland. Doch dem massiven Stellenaufbau, der in der Hoffnung auf stark wachsendes Geschäft erfolgte, steht bereits jetzt schon ein schleichender Jobabbau in vielen Bereichen gegenüber. So fallen bis 2016 insgesamt 500 Stellen beim Bau von Getrieben für Windräder weg, 490 Jobs bei den Transformatoren, 1500 Stellen in der Gesundheitssparte.

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