08.11.12

Geldinstitut

Commerzbank will mit hartem Sparkurs aus der Krise

Mit aller Macht will die Commerzbank das Ruder herumreißen: Das Privatkundengeschäft wird umgekrempelt, ein Stellenabbau steht an. Der deutschen Nummer zwei bleibt keine andere Wahl.

Die Commerzbank stemmt sich mit einem Mix aus Investitionen und Sparmaßnahmen gegen den anhaltenden Abwärtstrend. Nach zuletzt dürftigen Ergebnissen krempelt das teilverstaatlichte Institut sein Privatkundengeschäft um.

Wie viele Mitarbeiter wegen des Konzernumbaus ihren Job verlieren werden, ließ das zweitgrößte deutsche Geldhaus zunächst weiterhin offen. Die Bank kündigte lediglich eine " Anpassung der Personalkapazitäten" an. Spekuliert wurde zuletzt über den Abbau von bis zu 6000 Stellen.

Im dritten Quartal konnte die Commerzbank ihren Abwärtstrend nicht stoppen. Unter dem Strich verdiente die Bank 78 Millionen Euro und damit noch weniger als in den beiden ebenfalls schwachen Vorquartalen.

Keine Dividende für 2012 oder 2013

Vor allem das niedrige Zinsniveau und Belastungen bei abzuwickelnden Geschäften drückten auf den Gewinn. Operativ verdiente die Bank im dritten Quartal 216 Millionen Euro, nach 451 Millionen drei Monate zuvor und einem Verlust von 855 Millionen vor einem Jahr.

Für das vierte Quartal stimmte das Management auf einen weiteren Rückgang des operativen Gewinns ein. "Mit Blick auf die steigenden Anforderungen an die Kapitalausstattung von Banken, das anhaltend niedrige Zinsniveau und Vertrauensverluste bei den Kunden erwarten wir weiterhin Belastungen auf der Ertragsseite", erklärte Finanzvorstand Stephan Engels.

Die Aktionäre stimmte der Konzern bereits zuvor darauf ein, dass sie auch für dieses und nächstes Jahr voraussichtlich keine Dividende bekommen werden.

EZB-Milliarden zwei Jahre früher zurückzahlen

Zumindest fielen im dritten Quartal 2012 angesichts der Beruhigung der Märkte keine größeren Sonderbelastungen an. Vor einem Jahr stand für den Zeitraum Juli bis Ende September unter dem Strich ein Verlust von 687 Millionen Euro – vor allem aufgrund von Abschreibungen von rund 800 Millionen Euro auf griechische Staatsanleihen.

Aufgrund dieser Entwicklung will die Commerzbank die Milliardenspritzen der Europäischen Zentralbank (EZB) zwei Jahre früher als eigentlich nötig zurückgeben.

Die Mittel sollten bereits im ersten Quartal 2013 zurückgezahlt werden, erklärte Finanzvorstand Stephan Engels bei Vorlage der Quartalszahlen am Donnerstag. Das Institut bezifferte seine Liquiditätsreserve auf knapp 90 Milliarden Euro.

Privatkundengeschäft verharrt auf niedrigem Niveau

Die zweitgrößte deutsche Bank hatte sich Anfang des Jahres rund 16 Milliarden Euro bei den Drei-Jahres-Refinanzierungsgeschäften (LTRO) der EZB besorgt. Insgesamt pumpte die Notenbank dabei eine Billion Euro in das Finanzsystem, um die Liquidität der Banken in der Euro-Schuldenkrise sicherzustellen.

Im Privatkundengeschäft lief es wegen einer leichten Belebung im Wertpapiergeschäft etwas besser als vor einigen Monaten, die Erträge in der wichtigen Sparte verharrten jedoch auf niedrigem Niveau – vier Jahre nach Übernahme der Dresdner Bank.

Bis 2016 will die Commerzbank nun etwa eine Milliarde Euro in die Neuausrichtung ihres Privatkundengeschäfts stecken: in Produkt- und Serviceangebot, Beratung und Qualifizierung der Mitarbeiter.

Zahl der Kunden auf zwölf Millionen steigern

Ziel sei der "Aufbau einer modernen Multikanalbank" und ein flexibleres Filialnetz, erklärte Konzernchef Martin Blessing in einer Mitteilung. "In Zukunft werden unsere Kunden die Produkte und Dienstleistungen der Commerzbank zu jeder Zeit und an jedem Ort erhalten."

Die Kundenzahl soll von elf Millionen auf zwölf Millionen gesteigert werden, operativ will die Bank im Jahr 2016 rund 500 Millionen Euro im Privatkundengeschäft verdienen.

Insgesamt will die Commerzbank bis 2016 mehr als zwei Milliarden Euro ausgeben, "um ihr Geschäftsmodell in den kommenden Jahren an die veränderten Rahmenbedingungen in der Finanzbranche" anzupassen.

Mittelstandsgeschäft bleibt stabil

Das Neugeschäft mit Staats-, Schiffs- und gewerblichen Immobilienfinanzierungen hatte die Commerzbank im Sommer gestoppt. Die vorhandenen Kredite – derzeit summieren sie sich auf 160 Milliarden Euro – sollen "wertschonend" abgebaut werden.

Bis 2016 soll das Portfolio um mehr als 40 Prozent schrumpfen, ohne dass die Bank Kreditpakete an andere verkaufen will. Die Personaldecke der ehemaligen Tochter Eurohypo, die noch 1000 Menschen beschäftigt, soll entsprechend schrumpfen.

Stabil blieb im dritten Quartal im Vergleich zum Vorquartal das Mittelstandsgeschäft. In Osteuropa gab es leichte Rückgänge, im Investmentbanking ging es dank der Beruhigung an den Finanzmärkten etwas aufwärts. Probleme machte die konzerneigene "Bad Bank", in der abzuwickelnden Geschäfte wie Schiffskredite und die gewerbliche Immobilienfinanzierung gebündelt sind: Dort fielen 476 Millionen Euro Verlust an.

Quelle: dpa/Reuters/me
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Systemrelevante Banken
  • Definition

    Systemrelevante Banken, deren Pleite das gesamte Finanzsystem erschüttern kann („too big to fail“), sollen nach dem Willen der Regulierer an eine besonders kurze Leine kommen. Die größten und wichtigsten Banken – im Fachjargon G-SIBs (global systemically important banks) genannt – müssen von 2016 an noch schärfere Kapitalanforderungen erfüllen als alle anderen Banken. Außerdem müssen sie schon in den nächsten Monaten einen Plan aufstellen, wie sie in einer existenzbedrohenden Krise ohne Schaden für das Finanzsystem wieder auf die Beine kommen oder abgewickelt werden können – also quasi ein „Testament“ machen.

  • G-SIBS

    Aus Deutschland steht nur noch die Deutsche Bank auf der vorläufigen Liste von 28 Banken, aus der Schweiz die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse. Die Commerzbank ist nach ihrem Schrumpfkurs aus der Liste der global systemrelevanten Banken herausgefallen.

    Die 28 Banken sind je nach ihrer Bedeutung für das globale Finanzsystem in vier „Körbe“ eingeteilt, in denen sie Kapitalaufschläge von 2,5, 2,0, 1,5 und 1,0 Prozent erhalten sollen – zusätzlich zu den sieben Prozent Grundkapital und Gewinnrücklagen, die alle Institute aufbauen müssen.

  • Körbe

    Korb 4 (2,5 Prozent): Citigroup (USA), Deutsche Bank, HSBC (Großbritannien) und JP Morgan Chase (USA).

    Korb 3 (2,0 Prozent): Barclays (Großbritannien), BNP Paribas (Frankreich).

    Korb 2 (1,5 Prozent): Bank of America, Bank of New York Mellon, Goldman Sachs, Morgan Stanley (beide USA), UBS, Credit Suisse (beide Schweiz), Royal Bank of Scotland (Großbritannien), Mitsubishi UFJ (Japan).

    Korb 1 (1,0 Prozent): Bank of China (China), BBVA (Spanien, neu), Banque Populaire CdE, Credit Agricole, Societe Generale (alle Frankreich), ING Bank (Niederlande), Mizuho, Sumitomo Mitsui (alle Japan), Nordea (Schweden), Santander (Spanien), Standard Chartered (Großbritannien, neu), State Street, Wells Fargo (beide USA), Unicredit (Italien).

    Nicht mehr auf der Liste: Lloyds (Großbritannien), Dexia (Belgien) und Commerzbank.

  • Sonderregeln

    Nach Basel III müssen alle Banken künftig mehr als dreimal so viel hartes Eigenkapital vorhalten wie bisher. Das ist den Aufsehern aber noch nicht genug. Sie sehen in sehr großen und weltweit vernetzten Geldhäusern ein besonderes Risiko, das unter Kontrolle gehalten werden soll. Paradebeispiel ist die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor drei Jahren – damals erreichte nicht nur die Finanzkrise ihren Höhepunkt, weil quasi als Dominoeffekt immer mehr Banken in Schieflage gerieten. Auch die Weltwirtschaft glitt in die Rezession ab.

  • Kriterien

    Banken sollen nie mehr „too big to fail“ sein – so groß, dass sie sich darauf verlassen können, in einer Existenzkrise vom Staat gerettet zu werden, weil sonst das Finanzsystem ins Wanken geraten würde. Denn in diesem Bewusstsein könnten sie bedenkenlos Risiken aufnehmen. Als Kriterien für „G-SIBs“ haben die Aufseher Größe, Vernetzung, Mangel an Ersetzbarkeit, Internationalität und Komplexität festgelegt und diese nach einem Punktesystem bewertet. Doch in der Realität ist das schwer fassbar. Andererseits: Regulierer sind sich auch ohne Rangliste sicher, wer dazu gehört.

  • Überprüfung

    Bis die Kapitalregeln in Kraft treten, kann sich daran noch einiges ändern. Banken können schrumpfen oder wachsen. Erst Ende 2014 wird die endgültige Liste der G-SIBs festgelegt. Doch auch danach ist sie nicht in Stein gemeißelt. Die Aufseher wollen sie einmal im Jahr überprüfen und veröffentlichen und damit Anreize schaffen, dass Banken weniger riskant werden. Übrigens: Hätte es die Regeln schon 2008 gegeben, Lehman hätte nicht auf der Liste gestanden.

  • Testamente

    Zunächst müssen sie nur ihr „Testament“ aufsetzen. Ab 2016 wird zudem der SIB-Zuschlag auf das Eigenkapital verlangt – in verschiedenen Abstufungen. Um das Polster aufzubauen, haben sie bis Anfang 2019 Zeit. Bläht sich eine Bank noch stärker auf, drohen die Regulierer sogar mit einem Aufschlag von 3,5 Prozent.

  • Unterschiede

    Am stärksten werden nach der bisherigen Rangliste Universalbanken belastet, die ein großes Einlagengeschäft haben und zugleich Investmentbanking betreiben. Reine Investmentbanken wie Goldman Sachs und Morgan Stanley kommen mit einem kleineren Aufschlag davon. Von ihrer Pleite wären – wenigstens direkt – keine Kleinsparer betroffen.

  • Vor- und Nachteile

    Höhere Eigenkapitalquoten verteuern das Geschäft für Banken – ein klarer Nachteil. Andererseits dürften SIBs wegen ihrer Kapitalkraft das größte Vertrauen der Investoren genießen. Das macht die Refinanzierung für sie billiger und treibt ihnen im Einlagengeschäft Kunden zu, weil sie nicht um die Existenz der Bank bangen müssen. Doch geschützt werden sollen nur die Sparer – für die Banken selbst soll ein Mechanismus geschaffen werden, wie sie schadlos abgewickelt werden können. Daran arbeiten Regulierer und Politiker fieberhaft.

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