08.11.12

Martin Kannegiesser

"Der Stil hat sich verändert, auf beiden Seiten"

Zwölf Jahre war Martin Kannegiesser Chef von Gesamtmetall. Eine Zeit, in die Hartz-Reformen und Finanzkrise fiel – und ein erstaunlicher Wandel im Umgang von Arbeitgebern und Gewerkschaften.

Von S.v. Borstel und F. Wisdorff
Foto: Bertold Fabricius
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Der scheidende Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser. Sein Nachfolger wird Rainer Dulger

Die Welt: Herr Kannegiesser, nach zwölf Jahren an der Spitze von Gesamtmetall ziehen Sie sich zurück. Was war für Sie die spannendste Zeit als Gesamtmetall-Präsident?

Martin Kannegiesser: Als ich die Führung von Gesamtmetall übernahm, hatte sich in Deutschland ein enormer Reformbedarf aufgestaut. Wir hatten nur noch minimales Wachstum und die Arbeitslosigkeit stieg ständig an. Viele Unternehmen haben sich damals gefragt, ob der Standort Deutschland noch eine Zukunft hat. Jeder wusste, es muss etwas passieren. Unser Vorbild war damals das Poldermodell in den Niederlanden, wo Gewerkschaften, Arbeitgeber und Regierung das Land gemeinsam aus der Krise geführt haben. Das haben wir damals sorgfältig beobachtet. In Deutschland entstand dann daraus das Bündnis für Arbeit und dann die Agenda 2010 unter der Überschrift "Fördern und Fordern." Das war eine spannende Zeit.

Die Welt: Wie hat sich das Verhältnis zwischen den Sozialpartnern verändert?

Martin Kannegiesser: Der Stil hat sich verändert, auf beiden Seiten. Das ist nicht mehr das starre Forderungen stellen und Forderungen ablehnen. Heute analysieren wir die Situation gemeinsam und stecken den Verteilungsspielraum ab. Wir haben auch Sachfragen gemeinsam gelöst, denken Sie an die Regelungen zur Altersteilzeit oder die Einführung der Metallrente, heute das größte betriebliche Versorgungswerk in Europa. Und in der Finanzkrise haben wir gemeinsam alles auf die Beschäftigungssicherung gesetzt. So konnten 800.000 Arbeitsplätze durch die verschiedenen Modelle von Kurzarbeit erhalten werden.

Die Welt: Also Kooperation statt Konfrontation?

Martin Kannegiesser: Wir befinden uns heute mit der IG Metall völlig auf Augenhöhe. Natürlich vertritt jede Seite ihre besonderen Interessen, doch es gibt eine gemeinsame Basis, und das ist der Gesundheitszustand unserer Betriebe. Wenn wir den aus den Augen verlieren, bricht unser gemeinsames Fundament ein. Unsere Branche ist in großen Teilen vom Mittelstand geprägt, das gilt für den Maschinenbau, die Automobilzulieferer und den größten Teil der Elektroindustrie. Diese Unternehmer denken an den langfristigen Erhalt des Unternehmens, und nicht an den "Shareholder Value". Das Unternehmen ist wichtig, das ist eine Mentalität, die auch moderne Arbeitnehmervertreter haben. Das verbindet.

Die Welt:Sie haben die Finanz-und Wirtschaftskrise gut überstanden, jetzt haben wir die Euro-Krise. Wie gefährlich ist sie für die Industrie?

Martin Kannegiesser: Die Euro-Krise hängt wie ein Damoklesschwert über unseren Unternehmen. Investitionen in weiten Teilen Europas sind so gut wie tot. Wie es mit der europäischen Integration und mit der gemeinsamen Währung weiter geht, ist für uns lebenswichtig. Für die deutschen Unternehmen ist Europa kein Exportmarkt, sondern der Binnenmarkt. Export ist für uns Asien und Amerika. Doch ob ein Kunde in Frankreich oder Bayern, in England oder Baden-Württemberg sitzt, das ist für uns dasselbe. Wenn es in diesem gemeinsamen Markt erhebliche Probleme gibt, wie im Augenblick, dann ist das für uns eine große Herausforderung.

Die Welt: Was wäre die beste Lösung für die Wirtschaft in der Europa-Frage?

Martin Kannegiesser: Der europäische Integrationsprozess muss weitergehen. Durch die Eurokrise hat die Euroskepsis zugenommen, nicht nur in Großbritannien. Dabei geht es um die gefühlte Überforderung einzelner Regionen, für andere einzutreten. Der Euro hat die Solidarität sehr auf die Probe gestellt. Wenn dies nämlich überzogen wird, dann bricht das Ganze auch zusammen. Das Gleichgewicht muss gehalten werden, auch Deutschland kann nicht unbegrenzt für andere einstehen. Wir hatten und haben ja auch noch die Wiedervereinigung zu bewältigen.

Die Welt: Muss der Euro fortbestehen?

Martin Kannegiesser: Wir sollten den Euro unbedingt zu halten versuchen. Dafür müssen Regeln neu überdacht werden. Wir bräuchten ein Kerneuropa, das stärker integriert ist. Es kann aber nicht irgendein Europa sein. Wir wollen ein Europa haben, was nach den Ordnungsgrundsätzen der sozialen Marktwirtschaft funktioniert. Das ist keine Selbstverständlichkeit, manche Technokraten in Brüssel scheinen gar nicht zu wissen, was das ist. Zudem sehen wir die Rolle der EZB inzwischen kritisch –Geldwertstabilität steht nicht mehr an erster Stelle, auch nicht die politische Unabhängigkeit. Das scheint schleichend aufgeweicht zu werden. Mit dem sympathischen Herrn Draghi haben wir womöglich den Bock zum Gärtner gemacht.

Die Welt: Europa ist aber doch der Schlüssel für den Erfolg der deutschen Wirtschaft?

Martin Kannegiesser: Ja, aber es kann nicht ein Europa um jeden Preis sein. Wir können kein Europa brauchen, das protektionistisch denkt. Die Kommission will sich etwa die Lohnfindung auf europäischer Ebene ansehen. Man will auch Richtlinien machen für die Umstrukturierung von Unternehmen. Das hat alles mit Marktwirtschaft und sozialer Marktwirtschaft wenig zu tun.

Die Welt: Welche großen Herausforderungen gibt es neben Europa?

Martin Kannegiesser: Der Aufstieg der Chinesen, die mit ganz anderen Bandagen kämpfen können als wir. China ist marktwirtschaftlich aufgestellt, doch sobald die Politik ein strategisches Ziel verfolgt und sich einschaltet, werden alle Marktmechanismen aufgehoben, dann sind alle Mittel recht. Das macht China ein Stück weit unkalkulierbar. China ist aber nicht nur ein großer Wettbewerber. Das Land ist dabei, unser zweitgrößter Markt zu werden. Volkswagen hat inzwischen 14 Werke in China. Der Prozess der Internationalisierung wird sich fortsetzen.

Die Welt: Müssen wir die Abwanderung von Unternehmen und Arbeitsplätzen fürchten?

Martin Kannegiesser: Eine Fabrik lässt sich nicht wie eine Würstchenbude abbauen und woanders wieder aufbauen. So schlicht ist das nicht. Die Metall- und Elektroindustrie hat 3,7 Millionen Beschäftigte in Deutschland und außerhalb von Deutschland 1,5 Millionen. Für unsere hochspezialisierten Produkte brauchen wir große Märkte, um das notwendige Volumen zu erreichen und bestehen zu können. Dafür müssen wir weltweit operieren und ganz dicht an unsere Kunden heran, das umfasst Beratung, Projektierung, Planung, Service.

Die Welt: Aber es gibt auch Verlagerungen aus Kostengründen?

Martin Kannegiesser: Sicher, auch die kostengetriebenen Verlagerungsentscheidungen finden nach wie vor statt, aber nicht in der breiten Front wie vor zehn Jahren. Jedes Unternehmen muss das für sich beantworten. Wir müssen ständig unsere Wertschöpfungsketten überprüfen. Die reinen Fertigungskosten, bzw. Lohnkosten sind dabei ein wichtiger Aspekt, aber nicht der einzige. Heute kommen andere Dinge dazu, wie Innovations- oder Kommunikationsfähigkeit beispielsweise. Sie sehen, das Bild ist bunt und vielschichtig, weltweites Denken und Handeln sind tägliches Geschäft Das ist aber kaum noch mit spektakulären Schritten verbunden.

Die Welt: Auch in Deutschland gibt es wichtige Veränderungen, wie die demografische Entwicklung. Sind die Unternehmen in Ihrer Branche gut gerüstet?

Martin Kannegiesser: Die Demografie wird uns in den nächsten Jahren mit voller Wucht treffen. Wir können heute schon nicht mehr alle Ausbildungsplätze besetzen, und unsere Belegschaften werden älter. Die Bereitschaft, länger zu arbeiten ist da- wenn man die richtigen Voraussetzungen schafft, wie gleitende Übergänge in den Ruhestand. Das andere große Thema ist die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Wenn es uns damit gelingt, auch weibliche Talente für unsere Industrie heranzuziehen, dann ist das ein Riesenvorteil im Kampf um die immer knapper werdenden Fachkräfte. Das setzt flexible Arbeitszeitmodelle voraus.

Die Welt: Was halten Sie denn vom Betreuungsgeld, das die Koalition in dieser Woche beschlossen hat?

Martin Kannegiesser: Wenig. Das ist Populismus. Frauen und Männer, die berufstätig sind, möchten eine vernünftige Betreuung und Versorgung ihrer Kinder haben. Unser Problem liegt doch in erster Linie darin, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie herzustellen. Ob ich das durch das Betreuungsgeld erreiche, möchte ich bezweifeln. Das sind doch veraltete Ideologien. Den Anforderungen von heute wird eine Konzentration auf vernünftige Betreuungssysteme gerechter.

Die Welt: Welche Rolle spielt die Zuwanderung bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels?

Martin Kannegiesser: Wir werden Zuwanderer brauchen, die hier arbeiten. Wir werden aber auch deutsche Mitarbeiter für mehrere Jahre in Tochterfirmen im Ausland schicken, damit sie dort Fachwissen vermitteln und Erfahrungen sammeln. Es wird eine stärkere Vermischung stattfinden.

Die Welt: Das von Ihnen kritisierte Betreuungsgeld wird von Schwarz-Gelb eingeführt. Das sind eigentlich zwei Parteien, die als wirtschaftsfreundlich gelten. Haben sich die politischen Paradigmen verschoben in den vergangenen zehn Jahren?

Martin Kannegiesser: Wir – die Arbeitgeber und die Gewerkschaften – sollten aus der historisch gewachsenen Zuordnung zu bestimmten Parteien ausbrechen. Wir müssen unsere eigenen Positionen erarbeiten und begründen und wenn sie fundiert sind auch dafür werben. Den politischen Partner, der das vertritt, muss man sich dann je nachdem suchen. Der starre Zuschnitt "Als Gewerkschafter musst du SPD und als Unternehmer CDU oder FDP sein" ist doch überholt. Und das sagt Ihnen jemand, der seit 40 Jahren CDU-Mitglied ist und auch vorhat, dies bis an sein Lebensende zu bleiben.

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Zur Person
  • Martin Kannegiesser

    Er übernahm im Alter von 27 Jahren die Maschinenfabrik seines Vaters. Im Jahr 2000 rückte er an die Spitze des Verbands Gesamtmetall. Jetzt zieht sich der 70-Jährige zurück, um die Nachfolge in seiner Firma zu regeln.

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