07.11.12

Heraeus-Chef

"Wir setzen bewusst auf Nischenprodukte"

Das Technologie- und Familienunternehmen Heraeus hat den Top 500 Award der "Welt-Gruppe" bekommen. Konzernchef Frank Heinricht erklärt, wie die Holding erfolgreiche Neuentwicklungen hervorbringt.

Von Ileana Grabitz
Foto: Reto Klar
ja
Heraeus-Chef Frank Heinricht mit dem Top 500 Award der "Welt"

Die Welt: Herr Heinricht, Ihr Unternehmen ist mit 5700 Patenten Meister in puncto Innovation – und das bei knapp zwei Prozent des Umsatzes, die in Forschung & Entwicklung fließen. Auto- oder Pharmakonzerne dagegen wenden bis zu einem Viertel ihrer Einnahmen für Innovation auf. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Frank Heinricht: Der Aufwand, den man in dieser Hinsicht betreiben muss, ist von Branche zu Branche sehr unterschiedlich. Deshalb kann man unsere F&E-Aufwendungen kaum mit denen der Pharma- oder der Automobilindustrie vergleichen. In unserem Branchenumfeld liegen wir mit unseren Forschungsinvestitionen im Mittelfeld. Viel entscheidender als die absolute Summe, die man für Innovationen ausgibt, ist aber in meinen Augen ohnehin die Frage, wie man die Mittel einsetzt. Und das machen wir sehr effizient.

Die Welt: Wie sieht das in der Praxis aus?

Heinricht: Einerseits haben wir das Ohr nah am Kunden. Das ergibt sich oft schon aus unserer Marktposition. Andererseits untersuchen wir regelmäßig unser Technologieportfolio auf Innovationslücken, um diese dann gegebenenfalls mit Akquisitionen zu schließen.

Die Welt: Alle behaupten, Sie hätten Ihr Ohr bei den Kunden. Aber wie macht man das, und kann man das als Chef von mehr als 13.000 Mitarbeitern leisten?

Heinricht: Aufgrund der Breite und Vielfalt unseres Unternehmens kann die Geschäftsführung nicht in allen Bereichen fachlich drinstecken. Was man als Chef aber sehr wohl leisten kann, ist, eine Innovationskultur in der Belegschaft zu verankern und diese auch wirklich zu leben. Wo ich kann, betone ich die Bedeutung von Innovation und sporne Mitarbeiter an, in dieser Hinsicht ihr Bestes zu geben.

Die Welt: Heraeus erwirtschaftet mehr als die Hälfte seines Umsatzes in Asien. Bedeutet Nähe zum Kunden auch, dass Sie Forschung & Entwicklung auslagern?

Heinricht:Wir sind da, wo unsere Kunden sind, auch mit unserer Forschung & Entwicklung. Dies gilt insbesondere auch für unsere asiatischen Märkte. Denn nur so kann es gelingen, die Bedürfnisse des lokalen Marktes aufzuspüren und dazu passende Produkte zu entwickeln.

Die Welt: Haben Sie keine Angst vor Plagiaten und teurem Know-how-Verlust?

Heinricht: Wir haben bislang noch wenig negative Erfahrungen gemacht. Dies liegt auch daran, dass unsere Produkte zum Beispiel in den Bereichen Sensoren oder Halbleiter sehr eng mit dem Rohstoff verknüpft sind und so viel Know-how voraussetzen, dass man sie nur sehr schwer kopieren kann. Außerdem stellen wir fest, dass sich die Situation in China ändert. Auch die Chinesen sehen heute die Notwendigkeit, dass geistiges Eigentum geschützt werden muss. Nicht umsonst gibt es dort heute schon eine Flut von Patentanmeldungen. Für uns ist es ein ganz normaler Prozess, dass wir heute all unsere Patente in Europa, USA und China anmelden.

Die Welt: In die Stadt Hanau, wo Sie Ihren Stammsitz haben, zieht es vermutlich nicht so viele der demografisch bedingt weniger werdenden Fachkräfte. Wie schaffen Sie es, dennoch die benötigten Topkräfte an Bord zu holen?

Heinricht: Auf dieses Thema bereiten wir uns derzeit intensiv vor und Hanau hat, das muss ich hier einmal betonen, durchaus seine schönen Seiten. Womit wir Bewerber aber meist ohnehin besser überzeugen als mit dem Umfeld, ist die Aussicht, an der Entwicklung von Zukunftstechnologien mitarbeiten zu können – und noch dazu bei einem Unternehmen, das in vielen Nischen Marktführer ist. Als attraktiv erweist sich zudem, dass wir aufgrund unserer sehr dezentralen Organisation schon jungen Kollegen die Perspektive eröffnen, frühzeitig Verantwortung zu übernehmen.

Die Welt: Wie leicht war es für Sie selbst, in die Führung hineinzuwachsen? Heraeus ist ein Familienunternehmen und Ex-Vorstandschef Jürgen Heraeus Aufsichtsratschef. In so einer Konstellation den Mittelweg zwischen Emanzipation und Traditionsverbundenheit zu finden, ist nicht ganz einfach.

Heinricht: Das mag für andere Familienunternehmen zutreffen, bei uns war das gar kein Problem. De facto wurden bei Heraeus bereits vor zehn Jahren die Weichen für eine geordnete Nachfolge gestellt, indem eine externe Managementstruktur aufgebaut und verlässliche Governance-Regeln eingeführt wurden. Zudem ist mit meinem Kollegen Jan Rinnert ein Familienmitglied in der Holding-Geschäftsführung vertreten. Wir achten bei uns auf die Trennung zwischen dem Management einerseits und dem Aufsichtsrat sowie den Gesellschaftern andererseits.

Die Welt: Ihr Aufsichtsratschef sagte neulich in einem Interview, die Chinesen gäben das Tempo vor, wir in Deutschland hingegen diskutierten lieber über Work-Life-Balance. Ist dieser Gegensatz problematisch?

Heinricht: Die Ökonomien befinden sich einfach in sehr unterschiedlichen Reifestadien. Während es bei uns eher darum geht, den erreichten Wohlstand zu verteidigen, ist die relativ junge Volkswirtschaft China eben noch auf dem Wachstumspfad. Auch wenn wir derzeit von einem Erkalten der Konjunktur in Fernost sprechen, weist China immer noch ein Wachstum von über sieben Prozent auf. Wir müssen einerseits natürlich aufpassen, dass wir wettbewerbsfähig bleiben. Andererseits ist auch das Thema Work-Life-Balance wichtig. Unsere Mitarbeiter in Deutschland wollen zum Beispiel Beruf und Familie miteinander vereinbaren. Schon allein um für die Besten attraktiv zu bleiben, reagieren wir darauf mit entsprechenden Programmen, zum Beispiel individuellen Arbeitszeitregelungen.

Die Welt: Über fünf Jahre war Heraeus extrem profitabel und hat ein gutes Wachstum erzielt. Im Krisenjahr 2009 brach das Ergebnis aber ein. War es für Sie als damals frisch gebackener Chef schwierig, gleich zu Amtsbeginn diesem Druck standzuhalten?

Heinricht: Es war natürlich eine Herausforderung. Aber ich komme ursprünglich aus der Halbleiterindustrie. In dieser Branche lernt man schnell, mit Tiefschlägen und einer hohen Volatilität umzugehen. Bei Heraeus hatten wir schon vorher über Jahre hinweg diverse Instrumente aufgebaut, um in einer Krise gegenzusteuern – zum Beispiel mit Arbeitszeitkonten oder Kurzarbeit. Diese Instrumente haben wir dann aktiv eingesetzt. Außerdem war natürlich positiv, dass es dann gesamtwirtschaftlich schon relativ schnell wieder aufwärts ging – allen Warnungen vor einem "Double Dip" zum Trotz.

Die Welt: Sie haben damals Kosten gesenkt und Personal abgebaut. Wie weit kann ein Unternehmen schrumpfen, ohne dass es gefährlich wird?

Heinricht: Das kann man pauschal schlecht sagen. Meines Erachtens kann ein gesundes Unternehmen einen Umsatzrückgang bis zu 30 Prozent noch stemmen. Alles darüber hinaus geht an die Substanz. Die wichtigste Einsicht, die ich in all den Krisen, die ich miterlebt habe, gewonnen habe, ist wohl: Man muss vorbereitet sein und darf sich nicht für unverwundbar halten. Außerdem sollte man auch in guten Zeiten beherzt die Dinge angehen, die nicht gut laufen.

Die Welt: Die Volatilität wird künftig nicht abnehmen. Wie bereiten Sie sich vor?

Heinricht: Entscheidend für uns ist allem voran unsere Nischenstrategie. Wir setzen bewusst auf Nischenprodukte, die für Wettbewerber schwer nachzumachen sind und bei denen wir jeweils zu den drei Marktführern gehören. Insgesamt sind wir in rund 40 Nischen unterwegs. Dank dieser Vielfalt können wir es in der Regel gut abfedern, wenn es an einer oder mehreren Stellen mal nicht so gut läuft. Und vor allen Dingen gilt es, flexibel zu bleiben.

Die Welt: Was sind die Wachstumsbringer, auf die Sie künftig setzen wollen?

Heinricht: Generell sieht es ja ganz danach aus, dass sich die Konjunktur eintrübt. Wenn es so kommt, wird das auch an uns sicher nicht spurlos vorbeigehen. Die Breite unseres Portfolios wird uns aber helfen, die Rückgänge in konjunkturabhängigen Geschäftsfeldern auszugleichen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Medizintechnik mit unseren Produkten im Bereich Knochenzement. Da haben wir es allein demografisch bedingt mit einem Markt zu tun, der von der Weltwirtschaft abgekoppelt wachsen wird.

Die Welt: Wie stark hat Sie die Euro-Krise getroffen? Gold steht ja derzeit als Anlageform hoch im Kurs.

Heinricht: Sicher, aber im Edelmetallhandel spekulieren wir weder mit Gold noch mit den anderen Edelmetallen, sondern beschaffen diese zur weiteren Verarbeitung in unseren Produkten. Die Eurokrise hat uns dort getroffen, wo wir konjunkturabhängig sind - wie etwa bei den Halbleitern oder Sensoren. Ich bin auch davon überzeugt, dass wir die Eurokrise noch nicht überstanden haben. Dies ist auch eine Ursache dafür, dass wir zurzeit weltweit eine Phase großer Unsicherheit und gesamtwirtschaftlicher Abkühlung erleben. Das hat auch Auswirkungen auf die Geschäftsentwicklung von Heraeus im laufenden Geschäftsjahr.

Die Welt: Wie glücklich sind Sie mit dem Krisenmanagement der Politik?

Heinricht: Die Komplexität der Weltwirtschaft ist inzwischen so groß geworden, dass selbst die Experten viele Dinge gar nicht mehr durchschauen. Deswegen ist es meiner Ansicht nach sehr hilfreich, Entscheidungen zeitlich zu strecken. Alle überhasteten Reaktionen erzeugen in diesem sensiblen System zu schnelle Gegenreaktionen und Volatilität.

Foto: Infografik Die Welt

Die Mobotix AG ist wie schon im Vorjahr auf Platz 1. Sie gilt als Weltmarktführer für hochauflösende Videosysteme.

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Die Preisträger
  • Fraunhofer

    Die Fraunhofer Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e.V liegt im Top500-Ranking der „Welt“ mit 1,85 Milliarden Euro Umsatz auf Rang 337. Fraunhofer ist in den vergangenen fünf Jahren um 55,8 Prozent gewachsen. Im vergangenen Jahr legte der Umsatz um 11,6 Prozent zu. Für das Unternehmen nahm Vorstand Alexander Kurz den Preis entgegen. „Es ist für uns eine Ehre, diesen Preis zu erhalten. Auch wenn Wachstum nicht das Ziel an sich von Fraunhofer ist. Es geht uns darum, mit gut abgebildeten Strategieprozessen Innovationen voranzutreiben“, sagte Kurz, der zwei Erfolgsfaktoren für die Fraunhofer nannte: Strategie und Personal. In den vergangenen Jahren sind aus der Fraunhofer-Gesellschaft 300 Ausgründungen entstanden.

  • Rossmann

    Die Dirk Rossmann GmbH liegt im Top<TH>500-Ranking der „Welt“ mit 5,12 Mrd. Euro Umsatz auf Rang 131. Rossmann ist in den vergangenen fünf Jahren um 165 Prozent gewachsen. Im vergangenen Jahr legte der Umsatz um 27,6 Prozent zu. Für das Unternehmen nahm der Gründer und Geschäftsführer Dirk Roßmann den Preis entgegen. „Ich freue mich sehr über diesen Preis. Ich sehe ihn auch als Bestätigung für die herausragenden Leistungen des deutschen Einzelhandels. Wir haben bei Lebensmittel- und Drogeriewaren-Markenartikeln die niedrigsten Preise weltweit“, sagte Roßmann. Auf dem Weg der Konsolidierung in seiner Branche sieht er mit dm nur noch einen direkten bundesweiten Wettbewerber mit vergleichbarem Konzept.

  • Heraeus

    Die Heraeus Holding GmbH liegt im Top<TH>500-Ranking der „Welt“ mit 26,18 Milliarden Euro Umsatz auf Rang 28. Davon entfallen etwa 4,8 Milliarden Euro auf das Industriegeschäft. Heraeus ist in den vergangenen fünf Jahren um 116,7 Prozent gewachsen. Im vergangenen Jahr legte der Umsatz um 18,9 Prozent zu. Für Heraeus nahm der Vorsitzende der Geschäftsführung, Frank Heinricht, den Top 500 Award entgegen. „Wir stehen mit unserer mittlerweile 160-jährigen Geschichte für nachhaltiges Wachstum und beständige Innovationskraft“, so Heinricht. Risikobereitschaft und der Blick für das Machbare zeichneten das Familienunternehmen aus, seit Wilhelm Carl Heraeus 1851 die erste Platinschmelze gelungen war. „Innovation ist ganz fest in der Heraeus-Tradition verankert“, so Heinricht. Wachstum sucht die Holding sowohl organisch als auch durch Zukäufe. „In den vergangenen Jahren haben wir rund 40 kleine und mittelgroße Unternehmen übernommen.“ Um die finanzielle Kraft für Zukäufe und Innovationen zu erhalten, verbleibt ein Großteil der Gewinne im Unternehmen. Strategisches Ziel ist es, Nischen zu besetzen, in denen Heraeus zu den Top-3-Anbietern gehört. „Oft werden wir in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen, weil wir in diesen Nischen der Zulieferer der Zulieferer sind.“ Zum größten Markt ist mittlerweile China geworden

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