05.11.12

Ausbildung

Ein Praktikum lohnt, aber nicht um jeden Preis

Firmen wetteifern mehr denn je um die besten Praktikanten. Die Umworbenen haben nicht selten die Qual der Wahl. Beim Blick auf die Bedingungen allerdings trennt sich schnell die Spreu vom Weizen.

Foto: Sandra Hofmann/ Absolventa
Sprungbrett: Annabelle Anderhofstadt, Mario Dümmler und Denise Tippkötter (v.l.) mussten im Praktikum keinen Kaffee kochen
Sprungbrett: Annabelle Anderhofstadt, Mario Dümmler und Denise Tippkötter (v.l.) mussten im Praktikum keinen Kaffee kochen

Als Annabelle Anderhofstadt auf der Bühne gefragt wird, was der schönste Moment in ihrem Praktikum war, zögert sie nicht lange: "Der Moment, als mir eine Festanstellung angeboten wurde." Es sind Geschichten aus einer schönen neuen Arbeitswelt, die am "Tag der Praktikanten" im 19. Stock des Axel-Springer-Hochhauses erzählt werden – mit Panoramablick auf eine Stadt, die von oben gar nicht prekär wirkt. Nein, Ausbeutung habe sie nie erlebt, antwortet die 25-Jährige artig.

Die "Generation Praktikum", die sich nach dem Hochschulabschluss von einem schlecht bezahlten Praktikum zum nächsten hangelt, sucht man hier vergebens. Personalerinnen im Business-Kostüm nehmen Urkunden und Applaus entgegen für die besten Praktikumsunternehmen: meist Pharma-, Lebensmittel- und IT-Konzerne aus dem Südwesten der Republik. Der Auszeichnung liegt der Praktikantenspiegel des Münchner Beratungsunternehmens Clevis zugrunde, für den 30.000 Praktikanten anonym ihre Praktikumsunternehmen bewertet haben. Alle Betriebe mit mindestens 25 Bewertungen gehen in das Ranking ein.

Zum "Tag der Praktikanten" stehen die Gewinner auf der Gästeliste – Unternehmen, denen eine hohe Arbeitgeberqualität und ein gutes Markenimage bescheinigt werden. Eine Goldene Himbeere für Praktikumsunternehmen gibt es aber nicht. "Wir wollen ermutigen und nicht strafen", erklärt Ralf Junge, Leiter Unternehmenskommunikation bei Absolventa, auf dessen Initiative der Tag zurückgeht. "Challenger" (Herausforderer) nennt er die Unternehmen mit miesem Image und niedriger Qualität als Arbeitgeber.

Auch Soft Skills sind gefragt

Anderhofstadt hat Kulturwirtschaft in Passau studiert. Sie ahnte, dass sie nicht auf die Fachbereiche Sprache oder Kultur würde bauen können, wohl aber auf Betriebswirtschaftslehre. Für ihr zweites Praktikum hat sie sich bewusst eine kleine Firma ausgesucht, nachdem sie zuvor bei BMW "ein kleines Rad in einem großen Konzern" war: den Münchner Sitz der schwedischen Zeitarbeitsfirma Academic Work, mit 50 Mitarbeitern und drei Praktikanten in Deutschland. "Wir arbeiten sehr eng zusammen, zumal wir in einem Großraumbüro sitzen." Begeistert ist sie auch von den flachen Hierarchien: "Ich durfte schon als Praktikantin den Chef duzen, bekam wöchentlich Feedback von meiner Teammanagerin und durfte komplette Rekrutierungsprozesse übernehmen."

Pragmatisch und zielstrebig wirkt Anderhofstadt; als die Arbeitswelt rief, verzichtete sie aufs Masterstudium. Als eine von 18 Kandidatinnen wurde sie von ihrer Firma als "Praktikantin des Jahres" nominiert – und machte das Rennen, gemeinsam mit Denise Tippkötter, die bei Coca Cola in Ratingen hospitiert hat, und Mario Dümmler, der sein Praktikum beim Softwaredienstleister Datev in Nürnberg absolviert hat. "Wir haben nach engagierten Leuten gesucht, die sich schnell eingearbeitet und gut weiterentwickelt haben", erklärt Professor Ingo Weller vom Lehrstuhl für Personalwirtschaft der LMU München, der der Jury vorstand. "Außerdem haben wir darauf geachtet, wer Verantwortung übernimmt, souverän auftritt und eigene Fehler eingesteht – und schließlich gute Ergebnisse liefert."

Karriereförderung statt Kaffeekochen

Karriereförderung statt Kaffeekochen – sieht so das neue Praktikum aus? So einfach sei es nicht, sagt Lisa Guo, Werkstudentin bei der Schott AG. Bei Volkswagen in Peking habe sie häufig Unterschriften oder Stempel von Vorgesetzten abgeholt. "Da wartet man auch schon mal eine Viertelstunde vor dem Chefbüro."

Der Tag der Praktikanten machte vor allem eines deutlich: Zwischen guten und schlechten Praktika liegen Welten – und die Trennlinie verläuft entlang ganzer Branchen. Während die Industrie mit vierstelligen Monatsgehältern, Betreuungsprogrammen und "Talent Pipelines" um Mint-Studenten und Wirtschaftswissenschaftler wetteifert, beuten einige Medien- und Dienstleistungsunternehmen ihre Praktikanten systematisch aus.

Mit ihrer 2004 erschienenen Feldstudie "Wir schlafen nicht" hat Kathrin Röggla die prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse von Praktikanten einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Dass sich daran trotz Fachkräftemangel nicht viel geändert hat, zeigt die Studie "Generation Praktikum 2011", die von der Hans-Böckler-Stiftung und der DGB-Jugend gefördert wurde.

3,77 Euro pro Stunde

"Weil der von vielen Absolventen angestrebte Übergang in eine dauerhafte, finanziell abgesicherte Beschäftigung zunächst nicht gelingt, treten sie nach erfolgreichem Abschluss des Studiums erst einmal ein Praktikum an", heißt es in der Studie, für die 674 Uni-Absolventen des Jahres 2007 befragt wurden. Demnach zählten Praktika zu den am weitesten verbreiteten ersten Beschäftigungen nach Studienabschluss; 29 Prozent der befragten Akademiker hatten nach dem Abschluss ein Praktikum absolviert – davon 40 Prozent unbezahlt, die übrigen für durchschnittlich 3,77 Euro pro Stunde.

Eine Welt, die man zwischen Häppchen und Best Practice am Tag der Praktikanten nur erahnen kann. Bis Markus Henrik kommt – im roten T-Shirt unter Anzugträgern, der Harlekin am Hofe, der im Witz die Wahrheit spricht. "Leute, wehrt euch, wenn euch bei der Arbeit was nicht passt – und tut es gemeinsam!" Hier und da ein verlegendes Kichern. Personaler blicken verstohlen zur Seite. Henrik – 30 Jahre, Dozent für Musikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität, Tausendsassa – hat den Praktikantenroman "Copy Man" geschrieben. Darin wird Protagonist Anton vom Marktforschungsunternehmen "Figure View AG", kurz "FigView", gedemütigt: Erst soll er zwei Wochen kostenlos zur Probe arbeiten, dann wird er doch nicht eingestellt. Zusammen mit anderen Ausgebeuteten entwickelt er einen Racheplan.

Ausbeutung definiert jeder anders

Auch wenn Markus Henrik angibt, "63,2 Prozent" des Romans selbst erlebt zu haben – etwas übertreiben wollte er schon. "Doch dann erhielt ich Hunderte Rückmeldungen von Lesern, die sich mit Anton identifizieren konnten und viel Schlimmeres durchgemacht hatten."

Doch wer gibt schon gerne zu, ausgebeutet worden zu sein? Reimund Overhage, Fachmann für Personalentwicklung im Bundesarbeitsministerium, geriet auf einer Podiumsdiskussion geradezu ins Schwärmen, als er von seinem einjährigen Pflichtpraktikum im Bergbau erzählte, mit dem er sich für sein Ingenieurstudium qualifizieren musste und das er heute "jederzeit wieder" machen würde. Der Schacht stünde nicht mehr, aber man dürfe ja träumen. "Von Ausbeutung sprach damals niemand, wir jungen Leute waren euphorisch, weil es mit dem Bergbau bergauf ging."

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