31.10.12

Bestattungen

Angehörige zahlen Toten nur noch Billigsärge

Der Umgang mit dem Tod hat sich verändert: Angehörige setzen zunehmend auf Feuerbestattungen und Billigsärge, vor allem in den Großstädten. Bestattungen verkommen zu Entsorgungen.

Foto: dapd

Die Süddeutsche Sargfabrik Wurth in Kappel-Grafenhausen fertigt bereits in dritter Generation Särge. Der Hersteller liefert im Jahr rund 10.000 Särge in mehr als 150 Variationen aus
Die Süddeutsche Sargfabrik Wurth in Kappel-Grafenhausen fertigt bereits in dritter Generation Särge. Der Hersteller liefert im Jahr rund 10.000 Särge in mehr als 150 Variationen aus

Nichts deutet auf den Tod hin. Wer Bernhard Wurth in seinem Betrieb besucht, steht erst einmal in einer ganz normalen Schreinerei. Es riecht nach Holz, Sägespäne liegen auf dem Boden und die Geräusche einer Säge dominieren die Halle. Männer mit badischem Akzent schneiden Bretter, verleimen sie zu Platten und überziehen sie mit Furnier.

Erst im nächsten Raum lässt sich erkennen, was mit diesen Brettern noch passieren wird. Dort nämlich werden die Einzelteile zusammengesetzt. Und es reichen schon ein paar Stücke, um zu erkennen, dass Schreiner Wurth eigentlich ein Sarghersteller ist.

Rund 10.000 Stück hat das 1957 gegründete Familienunternehmen im vergangenen Jahr produziert. Damit ist die Süddeutsche Sargfabrik Wurth aus dem badischen Dörfchen Kappel-Grafenhausen hierzulande einer der zehn größten Betriebe in der stark fragmentierten Branche. Trotzdem muss der Mittelständler jedes Jahr kämpfen. Denn der Branche geht es alles andere als gut.

Immer weniger Särge "Made in Germany"

Zwar bewegen sich die Sterbezahlen in Deutschland schon über Jahre hinweg stabil in einem Korridor von 830.000 bis 860.000 Toten. Die inländische Sargproduktion aber geht zeitgleich deutlich zurück, meldet der Verband der Deutschen Zulieferindustrie für das Bestattungsgewerbe (VDZB). 2011 wurden hierzulande 146.000 Särge industriell produziert. Das sind fast 20 Prozent weniger als noch vor drei Jahren und nicht mal halb so viele wie 2003. Damals ist die Zahl der Särge aus heimischer Fertigung erstmals unter die Marke von 300.000 gerutscht.

Die große Lücke in der Statistik wird zum einen gefüllt von Klein- und Kleinstbetrieben, die von den offiziellen Datenbanken nicht erfasst werden, also beispielsweise von kleinen Dorfschreinern und Zimmerleuten, die neben Schränken und Dachstühlen im Nebenerwerb auch Särge herstellen.

Zum anderen greifen die Bestatter zunehmend auf Handelsware aus Osteuropa zurück. Mittlerweile stammen schon zwei von drei Särgen von Billiganbietern insbesondere aus Polen, Tschechien, Slowenien, Bulgarien und Rumänien. Dort kommen einzelne Hersteller auf ein Produktionsvolumen von über 100.000 Stück.

Importsärge sind bis zu 30 Prozent billiger

Zum Vergleich: Der größte deutsche Anbieter fertig gerade mal rund 30.000 Särge. Der Preisvorteil dieser Importware liegt dem VDZB zufolge bei 20 bis 30 Prozent. Diese Entwicklung hat große Auswirkungen auf die heimische Industrie. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der relevanten Hersteller von über 100 mehr als halbiert auf zuletzt nur noch gut 40 Produzenten. Und der Strukturwandel ist laut Siegfried von Lauvenberg noch nicht beendet. "Die Zahl der Hersteller wird weiter zurückgehen", prognostiziert der Geschäftsführer des VDZB.

Um überleben zu können, handeln nahezu alle deutschen Sarg-Anbieter mittlerweile im großen Stil mit der billigen Handelsware aus dem Osten. Einige haben sich inzwischen sogar komplett vom Hersteller zum Händler gewandelt. Bernhard Wurth hat im vergangenen Jahr rund 6000 Billigsärge aus Osteuropa gehandelt. Damit liegt der Anteil der Importware in seinem Unternehmen bei knapp 40 Prozent.

Zwar hat sich der Unternehmer lange Zeit gegen dieses Geschäftsmodell gesperrt. Irgendwann ging es aber nicht mehr anders. "Die Kunden verlangen einfach danach", sagt Wurth. Denn die gesellschaftlichen Veränderungen hätten auch im Bestattungsmarkt zu einem spürbaren Wandel geführt. "Die Wertschätzung für die Verstorbenen ist zunehmend abhanden gekommen, vor allem in den Großstädten", klagt Wurth. Teils gehe die Behandlung der Toten schon in Richtung Entsorgung.

Kein Statussymbol mehr

Von diesem Wandel berichten auch Konkurrenten. "Der Umgang mit dem Tod hat sich extrem verändert", sagt der Geschäftsführer eines Sargherstellers, der ungenannt bleiben möchte. "Gäbe es dafür eine Studie, Deutschland würde irgendwo abgeschlagen auf Platz 381 landen." Mit Begründungen wie "Mein Mann war ein einfacher Typ. Er würde es einfach haben wollen" entscheide sich mittlerweile der Großteil der Hinterbliebenen beim Bestatter für die preiswerten Modelle. "Früher war ein Sarg noch mehr Statussymbol als heute", sagt Unternehmer Wurth. Dementsprechend ordern die bundesweit rund 6700 Bestatter vorwiegend Billig-Särge bei der Industrie.

Zumal auch die Zahl der Feuerbestattungen seit Jahren enorm ansteigt. 2011 gab es in Deutschland erstmals mehr Feuer- als Erdbestattungen. Zwar wird für die im Vergleich wesentlich billigere Einäscherung auch ein Sarg benötigt. Der muss dann aber weder aus edlen Hölzern und Furnieren hergestellt sein, noch aufwendig verziert oder mit Messinggriffen ausgestattet.

"Der Trend zur Feuerbestattung hat dazu geführt, dass das stückzahlmäßig relevante Mittelklassesortiment der deutschen Sarghersteller und damit eine der tragenden Säulen der Inlandsproduktion nahezu komplett weggebrochen ist", klagt Verbandsvertreter von Lauvenberg. Allerdings weist er darauf hin, dass die deutschen Hersteller Särge in jeder Preisklasse anbieten können. Der Verband hat sogar ein Siegel entwickelt, das Särge Made in Germany ausweist. "Die Hinterbliebenen müssen nur danach fragen."

Nur 36 Stunden Zeit für die Auswahl

Das allerdings machen die wenigsten. Ohnehin verzichten viele Angehörige aus Pietät auf Verhandlungen oder gar Preisvergleiche beim Bestatter. In 98 Prozent der Fälle hat ein Bestatter einen Auftrag sicher, wenn der Kunde in sein Geschäft kommt, heißt es in der Branche. Verständlich ist das, schließlich ist ein Todesfall immer auch eine hohe emotionale Belastung.

Zudem bedeutet er jede Menge Stress, bleiben den Hinterbliebenen doch nur 36 Stunden Zeit, um einen Bestatter auszuwählen. So besagt es das Gesetz. Wer dabei aber den erstbesten Anbieter wählt, kann die fehlende Auskunft teuer bezahlen. Das Internetportal Bestattungen.de jedenfalls hat im vergangenen Jahr einen Preisvergleich gemacht – und danach bezahlen die Bundesbürger durchschnittlich rund 1200 Euro zu viel für eine Beisetzung. Bei rund 850.000 Todesfällen in Deutschland ergibt das eine unnötige Mehrausgabe in Höhe von rund einer Milliarde Euro. Besonders teuer sind Bestattungen in Süddeutschland.

Bestatter kaufen Särge für 200 Euro

Bernhard Wurth müsste sich also freuen. Das Liefergebiet seiner Süddeutschen Sargfabrik, in der auch sein Bruder, seine Schwester und mit Volker Wurth ein Vertreter der dritten Generation tätig sind, umfasst schließlich die Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern, aber auch das immer noch südliche Saarland sowie Rheinland-Pfalz, Hessen und Teile von Nordrhein-Westfalen.

Nur bleibt nicht viel hängen bei den Sargherstellern. "Der Sarg treibt die Bestattungskosten nicht in die Höhe", sagt Familienunternehmer Wurth. Zwar will er über Zahlen nicht sprechen. Ohnehin scheint in der Branche die alte Regel "Über Geld spricht man nicht" zum Leitsatz erhoben worden zu sein.

Expertenschätzungen zufolge liegt der durchschnittliche Abgabepreis eines Sarges an den Bestatter aber bei rund 200 Euro. Nicht viel im Vergleich zur finalen Rechnung für die Angehörigen. Immerhin kostet der Verbraucherinitiative Aeternitas zufolge eine würdige Beerdigung mit Trauerfeier und Erdbestattung mindestens 3000 Euro – die Friedhofsgebühren sind dabei noch nicht eingerechnet.

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