Neue Lohnzuschläge
Deutsche Zeitarbeitsfirmen fürchten den Absturz
Zeitarbeitsunternehmen rechnen mit deutlich schlechteren Geschäften – unter anderem, weil sie ihren Beschäftigten nun Zuschläge zahlen müssen. Offenbar stehen viele Arbeitsplätze auf dem Spiel.
Die Zeitarbeitsbetriebe in Deutschland rechnen mit einem dramatischen Geschäftsrückgang. Dies zeigt eine Branchen-Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), die der Berliner Morgenpost vorliegt.
Danach nähert sich die Bewertung der Geschäftserwartungen der Personaldienstleister dem historischen Tiefstwert aus Zeiten der Finanzkrise, als in Deutschland die Wirtschaft um fünf Prozent schrumpfte.
Der Grund für den Sturzflug ist – neben der Euro-Krise und der eingetrübten Weltkonjunktur – die Einführung von Zuschlägen, die in wichtigen Branchen ab November die Zeitarbeit erheblich verteuern.
Zeitarbeiter spüren die Konjunktur am stärksten
Rund 40 Prozent der Unternehmen rechnen mit einer Verschlechterung ihrer Geschäftslage. Im Frühsommer waren es lediglich 13 Prozent. In kaum einer anderen Branche würden die Aussichten derzeit so negativ beurteilt, heißt es in der Analyse.
Jeder dritte Zeitarbeitsbetrieb geht deshalb davon aus, Stellen streichen zu müssen. "Gerade für Arbeitslose und Geringqualifizierte sinken dadurch die Jobchancen", kritisierte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des DIHK, Achim Dercks. Denn gerade ihnen biete die Zeitarbeit die Gelegenheit zum Einstieg in Arbeit.
In der Zeitarbeitsbranche sind die Konjunkturschwankungen laut DIHK stets größer als in der Gesamtwirtschaft. Denn die Arbeitnehmerüberlassung habe die Funktion eines Frühindikators.
Unternehmen nutzten diese flexible Beschäftigungsform, bevor sie Anpassungen bei der Stammbelegschaft vornehmen. Der aktuelle Einbruch bei den Geschäftserwartungen ist nach Einschätzung des DIHK aber kein Vorbote einer gesamtwirtschaftlichen Krise, sondern sei vielmehr auf Sonderfaktoren zurückzuführen.
Branchenzuschläge machen Zeitarbeit teurer
So müssen ab dem 1. November die Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie sowie der Chemieindustrie deutlich mehr Geld für Zeitarbeiter zahlen. Denn die neuen Branchenzuschläge treten in Kraft, die die Gewerkschaften mit den Arbeitgebern in der Zeitarbeit ausgehandelt haben.
In mehreren Stufen sollen die Gehälter an die der Stammbelegschaft angepasst werden: Nach einem Einsatz über sechs Wochen gibt es einen Zuschlag von 15 Prozent, nach neun Monaten kann dieser auf bis zu 50 Prozent steigen.
Vor allem in den unteren Lohngruppen liegen die Löhne von Zeitarbeitern und Stammbelegschaft weit auseinander, so dass vor allem die unqualifizierten Zeitarbeiter teurer werden.
Die IG Metall geht davon aus, dass in der Branche zunächst rund 200.000 Zeitarbeiter unter die neue Regelung fallen werden, weil sie mindestens seit sechs Wochen im gleichen Betrieb arbeiten. Insgesamt gibt es derzeit rund 865.000 Zeitarbeiter in Deutschland.
Forderung nach gleicher Bezahlung
Die DIHK-Umfrage zeigt, dass Zeitarbeitsfirmen die Arbeitskosten zunehmend als ernstes Geschäftsrisiko betrachten. Sechs von zehn Unternehmen sehen hierin eine Gefahr für ihre Entwicklung. Einen derart hohen Wert hat der Verband bislang in keiner Branche gemessen.
In der Gesamtwirtschaft fürchtet nur ein Drittel der Betriebe dieses Risiko. Skeptisch sind die Personaldienstleister auch mit Blick auf die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen: 58 Prozent sehen hierin ein Geschäftsrisiko, während branchenübergreifend der Wert bei 42 Prozent liegt.
Der DIHK verweist darauf, dass trotz der erfolgten Tariflösungen die Debatte um Regulierungen weitergehe, etwa die Forderung nach gleicher Bezahlung von Zeitarbeitern und Stammbelegschaft (Equal pay) oder nach Übernahmeverpflichtungen und Begrenzung der Überlassungsdauer.
Stufenmodell auch im Luftverkehr möglich
Tatsächlich kämpft der Deutsche Gewerkschaftsbund weiter für ein Equal-pay–Gesetz. Zumal das tarifliche Stufenmodell für die Zeitarbeiter in den Dienstleistungsbranchen keine Lösung wäre, da hier die Leiharbeiter meist kürzer als sechs Wochen im Betrieb verweilen.
Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di sucht nach Alternativmodellen, die auch für die Arbeitgeber in diesen Branchen Frage kämen. Dazu gehören Krankenhäuser, aber auch Pflegeeinrichtungen, Kindertagesstätten oder der Einzelhandel.
Eine Übernahme des Stufenmodells könnte laut Ver.di aber bald auch in der Speditions- und Logistikbranche, der Papier verarbeitenden Industrie und im Luftverkehr verhandelt werden.
Vorgespräche laufen bereits. "Ein Equal Pay Gesetz wäre aber für uns die einfachste Lösung", sagte ein Ver.di-Sprecher. Der Wunsch nach Equal pay ist aber auch Teil einer größeren Kampagne, die Zeitarbeit verstärkt zu regulieren und so zurückzudrängen.
DIHK warnt vor schärferer Regulierung
Die Verbände der Arbeitgeber in der Zeitarbeit begrüßen die neuen Branchenzuschläge jedenfalls: "Mit den neuen Branchenzuschlagstarifen haben die Tarifvertragsparteien nicht nur den gordischen Knoten der Lohnangleichung von Zeitarbeitnehmerschaft und Stammpersonal durchschlagen, sondern auch das Damoklesschwert der Politik entschärft, die den Sozialpartnern ein Ultimatum gestellt hatte", sagte Werner Stolz, Hauptgeschäftsführer des Interessensverbandes Deutscher Zeitarbeitsunternehmen, die Einführung der Zuschlagstarife.
Der DIHK warnt die Politik davor, die Zeitarbeit schärfer zu regulieren. Nach der Finanzkrise habe diese Branche in den zurückliegenden zwei Jahren "einen erheblichen Beitrag zum Beschäftigungsaufbau" in Deutschland geleistet, sagte Vize-Hauptgeschäftsführer Dercks. Die Arbeitnehmerüberlassung dürfe nicht als "prekär" verteufelt werden.


















