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01.06.09

Vermögensverwaltung

Kaum ein Anleger versteht etwas von Zertifikaten

Der Vermögens-Check in Zusammenarbeit mit der V-Bank geht in den Endspurt. Eine erste Bilanz zeigt: Die Finanzkrise hat für Handlungsbedarf gesorgt. Noch immer lässt sich am Depotaufbau oft erkennen, welche Bank einen Kunden betreut. Und kaum jemand versteht die Zertifikate, die er im Portfolio hat.

Es ist die Studie zur Krise: Gemäß dem Bayerischen Verbrauchermonitor, den die Gesellschaft für Konsumforschung diese Woche vorstellte, haben die Menschen hierzulande beim Umgang mit Banken und Versicherungen am meisten Angst, falsche Entscheidungen zu treffen und auf riskante Angebote hereinzufallen. "Seit Herbst 2008 ist einiges an Vertrauen bei den Verbrauchern verloren gegangen", sagte GfK- Marktforscher Rolf Bürkl.

Eine Einschätzung, die die am Vermögens-Check von "Welt am Sonntag" und V-Bank teilnehmenden bankenunabhängigen Finanzexperten bestätigen können. "Die Kunden, die sich bei uns gemeldet haben, sind großteils extrem verunsichert", sagt Michael Reuss von der Vermögensverwaltung Huber Reuss & Kollegen. Es herrsche große Orientierungslosigkeit unter Sparern vor, die bei vielen zu einer regelrechten Paralyse geführt habe. Harald Fischer, Partner bei der IPG AG, spricht gar von "Hilferufen", die ihn und seine Kollegen aus der Leserschaft dieser Zeitung erreicht hätten.

Marcus Weeres von Meridio hat vier Kernpunkte ausgemacht, die sich in den Gesprächen mit Kunden immer wieder als Problem herauskristallisiert hätten. Zunächst sei da die Subjektivität in der Beratung, die oftmals besseren Produkten am Markt den Zugang in die Depots versperre. Zum zweiten beklagten die Teilnehmer die mangelhafte Transparenz, insbesondere auf der Kostenseite. Auch die fehlende Kontinuität auf der anderen Seite des Schreibtisches führe zu Unzufriedenheit. "Viele sind es leid, ihre Geschichte immer wieder neuen Beratern erzählen zu müssen", so Weeres. Und schließlich hätten gerade Kunden mit Volumina zwischen 100.000 und 500.000 Euro besonders unter unterdurchschnittlicher Qualität zu leiden. "Echte Individualität in der Beratung gibt es oftmals erst darüber", meint der Vermögensverwalter.

Trotz der Erfahrungen aus der Krise hat also offenbar in der Beratung keineswegs ein Umdenken eingesetzt. "Häufig kann man anhand der Depotzusammenstellung erkennen, bei welcher Bank der Kunde ist", sagt Peter Lackamp von der Kroos AG. Andere Verwalter bestätigen, noch immer würden vor allem hauseigene und oft provisionsträchtige Produkte verkauft, die nicht anlegergerecht seien.

Ein Schwerpunkt der Handelsaktivitäten in den analysierten Depots lag nach Beobachtung vieler Experten kurz vor dem Jahreswechsel. "Mit Blick auf die Abgeltungsteuer wurden hier noch mal Umschichtungen vorgenommen, oft genug in kostenintensive Dachfonds, die dann nicht einmal zur Depotstruktur passten", so Weeres.

Auch sonst waren die Berater bei der Aktion, die noch bis Anfang Juni läuft, mit Mängeln in den Portfolios beschäftigt. "Viele Anleger fühlten sich von ihren Beratern im Stich gelassen", konstatiert Vermögensverwalter Reuss. Oft genug habe er den Sparern die traurige Nachricht überbringen müssen, dass bestimmte Bonus- oder Discount-Zertifikate, deren Konstruktion Kunden oft nicht geläufig war, durch den Kursrutsch an der Börse ihre Barrieren gerissen hätten. "Die Berater haben einfach in der heißen Phase nichts mehr von sich hören lassen."

Ein durchgehendes Problem sind auch geschlossene Fonds - etwa im Bereich Immobilien oder Medien. "In vielen Fällen gibt es hier schon lange keine Ausschüttungen mehr", sagt Wolfgang Köbler von KSW Vermögen. " Das Schlimme daran: Den Kunden werden diese Anlageformen verkauft, und dann werden sie damit alleine gelassen."

Das Armutszeugnis für viele Berater in Banken und Finanzvertrieben wird komplettiert durch diverse Einzelerfahrungen der Vermögensverwalter. "Bei mir saß ein Ehepaar, beide Jahrgang 1924, bei denen 70 Prozent des Vermögens in Höhe von 200.000 Euro im offenen Immobilienfonds einer großen deutschen Fondsgesellschaft steckten", berichtet Jürgen Schneider von der SRQ FinanzPartner AG. Ihnen sei im Verkaufsgespräch gesagt worden, sie könnten sich glücklich schätzen, noch Anteile an dem Produkt ergattert zu haben. Abgesehen von der hanebüchenen Bestärkung zum Produktkauf ein klarer Verstoß gegen das Gebot der Diversifikation des Vermögens, zumal bei Anlegern, die schon deutlich über 80 Jahre alt sind.

Viele der beteiligten Vermögensverwalter berichten über einen signifikanten Anteil von Anfragen durch sogenannte Selbstentscheider. "Dieser Typ Anleger ist in der Lage, auf Augenhöhe zu diskutieren, und das zeigt sich dann auch in der Depotstruktur", sagt Hubert Thaler von der Top Vermögen. Ihre Portfolien seien in der Regel gut aufgestellt, auch die Auswahl einzelner Fondsprodukte deute auf hohe Anlagekompetenz hin. Erhöht habe sich der Anteil der mündigen Investoren gegenüber früheren Aktionen allerdings nicht.

Thema in fast allen Beratungsgesprächen war der Umgang mit der in der Folge milliardenschwerer Rettungsprogramme für Banken und Industrie von vielen Anlegern befürchteten Inflation. "Hier kam die Sprache fast immer auf Immobilien und Gold als Sachwerte, mit deren Hilfe sich Anleger gegen eine Geldentwertung schützen wollen", sagt Weeres. "Auch wir mussten in dieser Hinsicht viel Aufklärungsarbeit leisten", sagt Top-Vermögen-Vorstand Thaler. Dass das am Ende hilft, ist unter den Experten keineswegs ausgemachte Sache. "Gold hat derzeit wenig Korrelation zur Inflation oder auch zur Konjunktur und ist deshalb noch kein Ausgleich. Gold sollte zwar ein Vermögensbaustein sein, aber nicht als Allheilmittel betrachtet werden. Und bei Immobilien ist der konjunkturelle Abschwung in den Mieten noch gar nicht angekommen. Hier besteht kurzfristig noch Abwärtspotenzial", sagt Wolfgang Köbler.

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