30.10.12

Innovation

Deutsche Firmen sind Europameister im Forschen

In unsicheren Zeiten wird gern am Forschungsbudget gekürzt. Hiesige Firmen jedoch steigerten ihre Ausgaben europaweit am stärksten. Allerdings: Wer viel zahlt, ist nicht automatisch innovativ.

Foto: picture alliance / ZB

Mit Schutzbrille und -handschuh: Forschung an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena
Mit Schutzbrille und -handschuh: Forschung an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena

Allen konjunkturellen Unsicherheiten zum Trotz hat sich die deutsche Wirtschaft in puncto Forschung nicht den Schneid abkaufen lassen und die Ausgaben für Innovation im vergangenen Jahr stärker als alle anderen Länder in der Europäischen Union gesteigert. Wie eine Studie der Strategieberatung Booz & Company beweist, die bereits zum achten Mal einmal im Jahr die Forschungs- und Entwicklungsbudgets der tausend forschungsfreudigsten, börsennotierten Konzerne weltweit miteinander vergleicht, haben die Deutschen mitten in der Euro-Krise überproportional viel Geld in Produktinnovationen gesteckt.

Der Untersuchung zufolge, die der Berliner Morgenpost vorliegt, steigerten hiesige Konzerne im vergangenen Jahr ihre Ausgaben für Forschung & Entwicklung (F&E) um satte 14,8 Prozent – während sich die Budgets in Gesamteuropa im Schnitt nur um magere 5,4 Prozent erhöhten. Weltweit stiegen die Investitionen durchschnittlich um 9,6 Prozent.

Mit einem Gesamtvolumen von 44,3 Milliarden Dollar, die hiesige Topunternehmen 2011 in den Fortschritt investierten, entfielen 7,4 Prozent der gesamten globalen Forschungsausgaben auf uns – womit Deutschland klar vor Frankreich (32,2 Milliarden Dollar) und der Schweiz (30,2 Milliarden Euro) liegt.

Deutsche mit Weitsicht in der Krise

Die großen deutschen Unternehmen haben durch die antizyklische Investitionsstrategie mitten in der Euro-Krise Weitsicht bewiesen. Noch 2009 hatte ihr Forschungseifer aufgrund der schärfsten Wirtschafts- und Finanzkrise seit Jahrzehnten stark gelitten; rezessionsbedingt sanken die Ausgaben damals im Schnitt um 3,1 Prozent. Seither lässt sich die hiesige Industrie offenbar nicht von der durch die europäische Schuldenkrise durchaus unsicheren Zukunft beeindrucken.

"Die gute Nachricht ist, dass deutsche Konzerne derzeit beim Thema Forschung wirklich auf dem Gaspedal stehen", sagt Klaus-Peter Gushurst, Deutschland-Chef von Booz & Company. Nun bleibe abzuwarten, wie sie sich verhalten, wenn die Konjunktur im nächsten Jahr wieder abflachen sollte.

Zwar verschlechtert sich die Stimmung in der Wirtschaft derzeit spürbar; der Ifo-Geschäftsklimaindex etwa war in der vergangenen Woche das sechste Mal in Folge gesunken. Momentan sieht der Berater zwar de facto noch keine Anzeichen dafür, dass die Unternehmen bereits wieder Sparprogramme in der Schublade hätten, die Kürzungen auch für die Bereiche Forschung und Entwicklung beinhalten. "Man kann nur hoffen, dass dies auch wirklich so bleibt", so Gushurst.

Weniger Wettbewerbsfähigkeit

Immer wieder lassen sich Unternehmenschefs dazu hinreißen, in schwierigen Zeiten zuerst den Rotstift bei den hauseigenen Forschungslaboren anzusetzen. Was betriebswirtschaftlich im Einzelfall zweifellos nicht immer zu vermeiden ist, rächt sich jedoch mittelfristig oft in teils spürbar eingeschränkter Wettbewerbsfähigkeit.

Der Blackberry-Hersteller RIM etwa bekam dies zu spüren: Weil er das Thema Innovation vernachlässigt hatte, wurde er auf dem extrem dynamischen und heiß umkämpften Markt für Smartphones von anderen Herstellern überholt.

Auch der Autohersteller Toyota – vormals Weltmeister bei den Forschungsbudgets – war vorübergehend auf die Kostenbremse getreten; dank einer Investitionsoffensive katapultierte sich das japanische Unternehmen jedoch in diesem Jahr wieder auf den ersten Platz der forschungsfreudigsten Unternehmen.

Darüber hinaus schafften es gleich vier Pharmakonzerne – Novartis (2), Roche (3), Pfizer (4) und Merck (7) – unter die Top 10 der Welt; zudem sind erwartungsgemäß technologiegetriebene Unternehmen wie Microsoft (5) oder Samsung (6) in der Weltspitze vertreten.

Zwei Autobauer unter den Top 20 der Welt

Von den deutschen Unternehmen schaffte es der AutomobilherstellerVolkswagen dank seit 2010 um fast 27 Prozentpunkte gestiegener Forschungsausgaben in diesem Jahr auf Platz elf und damit wie Daimler (Platz 19) unter die besten zwanzig weltweit. Beide Konzerne zusammen kamen für etwa ein Drittel der in der Studie erfassten deutschen Innovationsausgaben auf. Ingesamt sind in diesem Jahr 50 hiesige Konzerne unter den Top 1000 vertreten, im Vorjahr waren es nur 46.

Überraschend ist, dass diejenigen, die am meisten für den technologischen Fortschritt ausgaben, nicht notwendigerweise als technologische Spitzenreiter angesehen werden. Booz & Company befragte in der Studie zusätzlich 700 Führungskräfte der untersuchten Konzerne danach, welche Unternehmen ihrer Ansicht nach die Vorreiter sind.

Wie in den Jahren zuvor landete dabei Apple auf dem ersten Platz, gefolgt von Google und 3M. Und das obwohl der iPhone-Hersteller mit 2,2 Prozent vom Umsatz vergleichsweise wenig in F&E investiert.

China und Indien könnten Deutschland abhängen

Daraus ein Leitbild für die gesamte Wirtschaft abzuleiten, hält Strategieberater Gushurst dennoch für verfehlt: Je nach Branche sei Forschung unterschiedlich kostspielig, sagt er. Ihm zufolge ist gerade für hiesige Unternehmen die weitaus entscheidendere Frage, wie gut die westliche Wirtschaftswelt im Wettbewerb mit den erstarkenden Staaten Asiens dauerhaft bestehen kann.

Wenngleich von niedrigerem Niveau ausgehend, haben die forschungsintensiven Unternehmen Chinas und Indiens 2011 ihre Innovationsbudgets um 27 Prozent gesteigert. "Wir müssen aufpassen, dass uns beim Thema Innovation nicht die Führungsrolle aus der Hand genommen wird", so Gushurst.

Noch hätten viele Unternehmen hierzulande große Vorbehalte, "das Allerheiligste ihrer Firmen, die Forschungslabore, zu öffnen": Auch um die eigenen Innovationen auf die speziellen Bedürfnisse der lokalen Märkte ausrichten zu können, müsse jedoch viel stärker über Partnerschaften nachgedacht werden – wie auch über die Auslagerung von Forschungsabteilungen, etwa nach Fernost.

Mehr staatliche Förderung für Innovationen

Gerade mit Blick auf die hohe Forschungsdynamik in Asien ist die Innovationsstärke Deutschlands de facto immer wieder Gegenstand auch politischer Diskussionen. Nach wie vor verfehlt die Bundesrepublik das europaweit vereinbarte Ziel, drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Forschung zu investieren – trotz milliardenschwerer Anstrengungen: 2010 etwa waren es 2,82 Prozent.

Kritiker monieren zudem die geringe staatliche Förderung von Forschung in den Unternehmen, derzufolge der Standort Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern unattraktiver sei.

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  • Fraunhofer-Gesellschaft

    Die Fraunhofer-Gesellschaft mit Sitz in München ist der größte Verbund für angewandte Forschung und Entwicklung in Europa. Sie zählt mehr als 20.000 Beschäftigte und gehört zu den begehrtesten Arbeitgebern in Deutschland. Fraunhofer betreibt 60 Institute und hat ein Forschungsvolumen von 1,8 Milliarden Euro jährlich. Ein Drittel des Geldes kommt von der öffentlichen Hand, der Rest durch Aufträge aus der Wirtschaft. Eine der bekanntesten Entwicklungen ist die MP3-Technologie, für die Fraunhofer aus aller Welt Lizenzerträge kassiert.

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