22.10.12

Re-Verstaatlichung

Putin dreht mit Rosneft-Deal die Zeit zurück

Russlands Präsident Wladimir Putin ist einer der Gewinner des spektakulären Rosneft-Deals: Er macht die Privatisierungen der 90er-Jahre zunehmend rückgängig. Aber auch BP profitiert.

Foto: AFP

Putin: Der russische Staat gewinnt durch den Rosneft-Deal noch mehr Einfluss
Putin: Der russische Staat gewinnt durch den Rosneft-Deal noch mehr Einfluss

Am Ende war es an Russlands Präsidenten Wladimir Putin, die größte Ölmarkt-Übernahme des Jahres abzunicken. Am Wochenende hatten sich die Spitzen des russischen Staatskonzerns Rosneft und des britischen Ölkonzerns BP über die Details des Geschäfts geeinigt. Als Putin am Montag sein Okay gab, war die Allianz besiegelt.

Mit der Übernahme des Öl-Joint Ventures TNK-BP steigt Rosneft zum weltgrößten Energieunternehmen auf. Für 55 Milliarden Dollar (42 Milliarden Euro) wird Rosneft die drittgrößte russische Ölfirma TNK-BP schlucken. Sie gehört bislang zu gleichen Teilen BP und AAR, einem Konsortium aus vier Oligarchen. Putin lobte, es handele sich um "ein gutes Geschäft zu einem guten Preis".

Dem Oligarchen-Konsortium AAR zahlt Rosneft knapp 28 Milliarden Dollar für ihren 50-Prozent-Anteil an TNK-BP. Das Paket für BP stellt sich dagegen etwas komplizierter dar: Der britische Ölkonzern bekommt 26 Milliarden Dollar, die jedoch teilweise in Rosneft-Aktien ausgezahlt werden.

Die Transaktion soll in zwei Tranchen erfolgen: Zunächst erhält BP 17,1 Milliarden Dollar in bar plus 12,84 Prozent der gehandelten Rosneft-Aktien. Anschließend soll BP für 4,8 Milliarden Dollar zusätzliche Aktien von Rosneft kaufen.

Damit würde BP letztlich 19,75 Prozent an Rosneft halten sowie 12,3 Milliarden Dollar in bar verbuchen können. BP steigt so zum zweitgrößten Rosneft-Aktionär nach dem russischen Staat auf. Gleichzeitig bekommt der britische Konzern zwei Sitze im Aufsichtsrat des Staatskonzerns.

Investoren fordern Dividende

Das Geschäft muss nach britischem Recht nicht von den BP-Aktionären genehmigt werden. Mehrere Investoren drängten darauf, die Einnahmen als Dividende weiterzugeben. BP teilte in einer Stellungnahme mit, der Konzern würde noch "prüfen, wie das Geld eingesetzt werden soll". Gleichzeitig kündigte das Unternehmen an, seine "progressive Dividendenpolitik fortzuführen".

Es gilt als wahrscheinlich, dass BP einen Teil des Geldes als Reserve behalten wird. Wegen der Ölkatastrophe am Golf von Mexiko vor zwei Jahren sitzt das Unternehmen auf hohen Schulden. Gleichzeitig steht BP wegen des Unglücks eine Milliardenstrafe vom US-Justizministerium ins Haus.

Auch aus strategischer Sicht ist die neue Allianz mit Rosneft von großer Wichtigkeit für BP. Gemeinsam mit dem russischen Staatskonzern will BP die wertvollen Energiereserven im russischen Nordpolarmeer erschließen. Experten zufolge befinden sich dort rund ein Fünftel der weltweiten bislang unentdeckten Ölvorkommen.

Rosneft wird dank der Übernahme künftig täglich 4,6 Millionen Barrel Öl und Gas fördern. Damit überholt der Konzern die bisherige Nummer eins der Branche, den US-Konkurrenten ExxonMobil. Die Öl- und Gasreserven des neuen Megakonzerns steigen dank TNK-BP um 9,96 Milliarden Barrel auf ein entdecktes Gesamtvolumen von 38,3 Milliarden Barrel.

Auch der russische Staat hat ein Interesse an dem Geschäft. Präsident Putin kommt seinem Ziel ein Stück näher, die staatliche Kontrolle über Schlüsselindustrien wiederzugewinnen. Viele Unternehmen waren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1990er-Jahren hastig privatisiert worden, was die russische Staatsführung nun zu bereuen scheint.

Rosneft gewinnt technologisch versierten Partner

Gleichzeitig holt sich Rosneft mit BP einen technologisch kompetenten Partner ins Haus, der dem Staatskonzern bei der sehr komplizierten Erschließung der Arktis helfen kann.

Für den BP-Chef Bob Dudley wiederum endet ein ebenso leidvolles wie lukratives Kapitel in Russland. Seit der Gründung des Joint Ventures im Jahr 2003 hatte BP elf Milliarden Dollar Gewinn mit TNK-BP gemacht. Der russische Konzern lieferte ein Viertel des Produktionsvolumens und ein Fünftel der Ölreserven von BP.

Trotz der finanziellen Vorteile hatte BP in den vergangenen Jahren vor allem eines dank TNK-BP: Ärger. Zum Höhepunkt der Streitigkeiten wurde Dudley, damals TNK-BP-Chef in Russland, im Jahr 2008 des Landes verwiesen. Vor anderthalb Jahren dann kamen die Oligarchen Dudley erneut in die Quere, als BP eine strategische Allianz mit Rosneft eingehen wollte. Damals sollte das Geschäft mithilfe eines Aktientauschs besiegelt werden.

Die Allianz scheiterte am Widerstand von AAR. Die Gesellschafter-Vereinbarung bei TNK-BP verbat den Briten, ohne Zustimmung der Oligarchen mit einem anderen russischen Partner zusammenzuarbeiten. BP-Chef Dudley musste die Kooperation mit Rosneft damals zähneknirschend absagen.

Gleichzeitig zerstörte der Zwist das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen BP und AAR endgültig. Im Juni dieses Jahres kündigte BP deswegen an, seinen Anteil an TNK-BP verkaufen zu wollen. Als klar war, dass Rosneft zu den favorisierten Käufern gehörte, bot AAR seinen Anteil ebenfalls zum Verkauf an.

Analysten loben Wachstumspotenzial

BP sagte, den Rosneft-Anteil dank der signifikanten Größe in der Bilanz als Produktion verbuchen zu können. Damit würde das produzierte Jahresvolumen an Öl von BP trotz des TNK-BP-Verkaufs in etwa gleich bleiben. Viele Analysten lobten gleichzeitig, das Wachstumspotenzial der Partnerschaft mit Rosneft sei wesentlich größer als das von TNK-BP.

Auch BP-Aufsichtsratschef Carl-Henric Svanberg pries das Geschäft mit Rosneft. TNK-BP sei ein "gutes Investment" gewesen, aber nun lege der Konzern "ein neues Fundament für unsere Arbeit in Russland". Das Land sei sehr wichtig für die Sicherung des weltweiten Energiebedarfs und werde in den kommenden Jahren in seiner Bedeutung sogar noch steigen.

BP-Chef Dudley ergänzte, der Konzern plane ein langfristiges Engagement bei Rosneft: "Ein Investment, von dem ich glaube, dass es unseren Aktionären in den kommenden zehn Jahren und darüber hinaus nutzen wird."

Nicht alle Aktionäre teilten die Euphorie des BP-Chefs. Einige Anteilseigner äußerten Bedenken, BP könnte in dem staatlich kontrollierten Konzern zu wenig Mitspracherechte haben. Fehlende Rechtssicherheit ist immer noch das Investitionshindernis Nummer eins in Russland.

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Der russische Energieriese Rosneft
  • Beteiligungen

    Das russische Staatsunternehmen Rosneft ist schon jetzt der größte Ölkonzern im Riesenreich. Mit seinen etwa 170.000 Mitarbeitern mischt Rosneft in allen wichtigen russischen Ölrevieren mit. Auch im Ausland engagiert sich der Konzern, etwa in Deutschland mit 50 Prozent an der Ruhr Oel GmbH (Gelsenkirchen).

  • Reserven

    Die bewiesenen Reserven von Rosneft belaufen sich auf 22,8 Milliarden Barrel (je 159 Liter) Öl. Zudem gewinnt Rosneft jährlich im Schnitt etwa zwölf Milliarden Kubikmeter Gas.

  • Kooperationen

    Seit Mitte 2011 arbeitet Rosneft mit dem US-Ölmulti ExxonMobil eng zusammen. Zu den anderen strategischen Partnern der Russen zählen die Energieriesen Eni (Italien) und Statoil (Norwegen). Der Staatskonzern erhielt 2004 wichtige Teile des zerschlagenen russischen Yukos-Konzerns. Rosneft-Vorstand Igor Setschin ist ein enger Vertrauter von Kremlchef Wladimir Putin.

  • Förderung

    2011 gewann Rosneft 122,5 Millionen Tonnen Öl und Gaskondensat – 2,4 Prozent mehr als 2010 – und erwirtschaftete einen Überschuss von 384 Milliarden Rubel (9,5 Mrd Euro). Größter Aktionär ist der Staatskonzern Rosneftegas mit 75,16 Prozent der Anteile. Das von Rosneft kontrollierte Unternehmen RN-Raswitije hält 9,44 Prozent.

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