19.10.12

Härterer Sparkurs

Bei Daimler rumort es heftig – Zetsche unter Druck

Eigentlich wollte Daimler-Chef Zetsche BMW und Audi überholen. Stattdessen hinkt der Premiumhersteller hinterher. Der Aufsichtsrat ist nervös, dementiert aber die Suche nach einem Nachfolger.

Foto: dpa

Harter Kurs: Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, will Milliarden einsparen
Harter Kurs: Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, will Milliarden einsparen

Der Stuttgarter Automobilkonzern Daimler verschärft seinen Sparkurs: Nach Informationen aus dem Unternehmen fällt das geplante Effizienzprogramm "Fit for Leadership" weitreichender aus, als bislang angenommen. Demnach will Vorstandschef Dieter Zetsche pro Jahr bis zu drei Milliarden Euro einsparen: "Wir sprechen von einer Größenordnung im Bereich von Milliarden", sagte eine mit den Vorgängen vertraute Person.

Bisher hatte es geheißen, der Vorstand sehe ein Potenzial von rund einer Milliarde Euro pro Jahr. Ein Unternehmenssprecher erklärte, man werde sich an Spekulationen nicht beteiligen. Es sei weiterhin offen, wann offiziell Details zu "Fit for Leadership" bekannt gegeben würden.

Daimler hinkt BMW und Audi hinterher

Zetsche hat das Ziel ausgegeben, die Konkurrenten BMW und Audi zu überholen und Mercedes zur gewinnträchtigsten und absatzstärksten Premiummarke machen zu wollen. Derzeit fahren die Stuttgarter aber, was Verkaufszahlen und Margen angeht, den Münchnern und Ingolstädtern hinterher.

Zudem ist Mercedes von den jüngsten Absatzeinbrüchen stärker betroffen als die Konkurrenz. Obwohl in Europa das Gros der Hersteller im September deutliche Rückgänge hinnehmen musste, konnte BMW beispielsweise mit seiner Stammmarke weiter zulegen.

Kein Personalabbau geplant

Um das Ziel, Nummer eins im Premiumsegment zu werden, halten zu können, zieht Zetsche nun die Schrauben an. "Es gibt keinen Grund auch angesichts der aktuellen Situation dieses Ziel für 2020 aufzugeben", sagte ein Daimler-Manager. Spekulationen, wonach Daimler-Chef Zetsche auch Personal abbauen will, sind aber offenbar falsch. "Von einem Jobabbau ist nicht die Rede", hieß es in Stuttgart.

So herrscht bei den Arbeitnehmervertretern trotz der Unruhe im Unternehmen angesichts immer neuer Nachrichten zur Effizienzsteigerung, Entspannung. "Wir haben feste Zusagen, was die Personalplanung angeht. Darauf verlassen wir uns", sagte ein Betriebsrat.

Für das größte Pkw-Werk des Konzerns in Sindelfingen gebe es zudem eine Zukunftssicherungsvereinbarung, die Stellenkürzungen bis 2016 praktisch ausschließe. Experten kritisieren immer wieder, Mercedes habe im Vergleich zu BMW oder Audi deutlich mehr Personal in der Produktion im Einsatz.

Vorstand unter Druck

Dass Zetsche den Kurs verschärft, überrascht nicht: Der Vorstandschef steht zunehmend unter Druck – auch im Aufsichtsrat. Immer neue Spekulationen um die anstehende Vertragsverlängerung Zetsches, schüren Unruhe im Unternehmen.

Mal heißt es, der Vertrag würde verlängert, dann wieder, Aufsichtsratschef Manfred Bischoff habe bereits die Suche eines Nachfolgers in Auftrag gegeben. "Es gibt definitiv keine Aktivitäten im Aufsichtsrat, um Dieter Zetsche abzulösen", heißt es dagegen im Umfeld des Vorstandschefs.

Dass angesichts der Entwicklung bei Daimler die Nervosität im Aufsichtsrat wächst, ist offensichtlich – und nachvollziehbar. Der Abstand zu BMW und Audi wächst, zudem ist es noch nicht lange her, dass die Ingolstädter Volkswagentochter Mercedes beim Absatz überrundet hat. Andererseits scheint es wenig wahrscheinlich, dass Bischoff tatsächlich außerhalb des Konzerns nach einem Zetsche-Nachfolger sucht.

Rückstand bei Modellpalette

Als Kronprinz des Vorstandsvorsitzenden gilt seit langem Daimler-Vorstand Wolfgang Bernhard, der unter anderem bei Mercedes für Einkauf und Produktion zuständig ist. Allerdings sei Bernhard im Aufsichtsrat nicht unumstritten, heißt es in der Unternehmenszentrale.

Daimler hat jedoch nicht nur ein Kostenproblem, sondern auch einen deutlichen Rückstand bei der Modellpalette gegenüber den Konkurrenten in Deutschland. Die S-Klasse, das Flaggschiff von Mercedes, hat zwar überschaubare Stückzahlen, fährt aber 20 Prozent Marge ein.

Das Problem ist, dass die S-Klasse das Ende ihres Lebenszyklus' erreicht hat und sich daher nicht mehr in starken Stückzahlen verkauft – die Kunden warten auf die neue S-Klasse. Die soll im kommenden Jahr auf den Markt kommen, doch zuletzt hatten Gerüchte die Runde gemacht, die Modelleinführung würde sich verschieben. "Das ist definitiv falsch, wir bringen die neue S-Klasse wie geplant im zweiten Quartal des kommenden Jahres auf den Markt", hieß es dazu in Sindelfingen.

Große Hoffnungen auf neue A- und B-Klasse

Probleme haben die Stuttgarter auch mit der E-Klasse, einem der wichtigsten Modelle von Mercedes. Die E-Klasse liegt inzwischen was die Absatzzahlen angeht hinter den vergleichbaren Modelle von BMW oder Audi.

Ähnlich wie bei S-Klasse ist auch die E-Klasse in die Jahre gekommen, auch sie soll aber im kommenden Jahr neu auf den Markt kommen, beziehungsweise in überarbeiteter Form.

Große Hoffnungen setzen die Stuttgarter außerdem in ihre neue A- und B-Klasse. Die kleinsten Modelle von Mercedes waren bislang die größten Sorgenkinder der Pkw-Sparte.

Dass die Nervosität im Haus groß ist, machte auch der jüngste Streit im Pkw-Werk Sindelfingen deutlich. Daimler hatte in einer Auseinandersetzung um Produktionskürzungen erst die Betriebsvereinbarung aufgekündigt, dann aber diese Kündigung wieder zurückgenommen und sich diese Woche doch noch mit dem Betriebsrat einigen können.

Nun kann die Fertigung in Sindelfingen, wo die S-Klasse gebaut wird, bis zum bevorstehenden Modellwechsel im Einschicht-Betrieb erfolgen. Beide Seiten, Konzern und Betriebsrat, verbuchen die Einigung jeweils als Erfolg für sich.

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