18.10.12

Handy-Hersteller

Nokia verbrennt im Quartal fast eine Milliarde Euro

Am neuen Smartphone Lumia 920 hängt die Zukunft von Nokia. Der finnische Mobiltelefon-Riese konnte im dritten Quartal zwar seinen Verlust verringern, doch die Reserven schmelzen.

Foto: dpa

Auf das knallgelbe Smartphone Lumia 920 mit dem Betriebssystem Windows 8 setzt Nokia seine ganze Hoffnung.
Auf das knallgelbe Smartphone Lumia 920 mit dem Betriebssystem Windows 8 setzt Nokia seine ganze Hoffnung.

Wohl selten hat eine Firma so öffentlich eingestanden, dass sie einen Neuanfang benötigt, wie Nokia in der neuesten Werbekampagne: "Jeder liebt ein Comeback" titeln die Finnen aktuell bundesweit auf hausgroßen Plakaten, dazu zeigen sie eine Ecke ihres neuen, knallgelben Lumia 920-Smartphones.

Alle Hoffnung liegt auf dem Gerät, es soll Nokia aus dem aktuellen Tief befreien. Wie schlecht der finnische Handybauer aktuell dasteht, zeigen die neuesten Quartalszahlen: Am Donnerstag veröffentliche Nokia einen Quartalsverlust von 969 Millionen Euro oder umgerechnet sieben Cent pro Aktie.

Damit fällt der Verlust um gut 400 Millionen Euro geringer aus als im zweiten Quartal und bleibt auch niedriger als von Analysten im Vorfeld befürchtet. Dennoch kann Unternehmenschef Stephen Elop noch keine Entwarnung geben: Der Umsatz sank gegenüber dem ohnehin schlechten zweiten Quartal um 300 Millionen Euro, die Finnen nahmen nur 7,2 Milliarden Euro ein.

Barreserven schmelzen dahin

Die Einnahmen verdanken sie vor allem ihrer Netzwerksparte Nokia Siemens Networks, die inzwischen fast die Hälfte aller Umsätze einbringt. Wie schlecht die aktuellen Nokia-Telefone im vergangen Quartal bei den Kunden ankamen, zeigt ein Blick auf die Verkaufszahlen vor einem Jahr: Der Handy-Verkauf spülte im Vergleich um die 30 Prozent weniger in die Kasse als im Herbst 2011.

Die Barreserven des Handypioniers verringern sich darum um weiter 400 Millionen Euro, dem Konzern bleibt noch ein Spielraum von gut 3,6 Milliarden Euro Nettoreserven.

"Wie wir erwartet hatten, war das dritte Quartal ein schwieriges Quartal für unsere Geräte-Sparte", kommentierte Elop die Zahlen. Der Absatz der Lumia-Smartphones brach in den vergangenen drei Monaten auf gerade noch 2,9 Millionen Geräte ein – damit verkaufte Nokia etwas mehr Lumias pro Monat, als die Konkurrenten Samsung und Apple zusammen pro Tag verkaufen.

Geräte mit Windows 8 kommen im November

Elop ist sich der Problematik bewusst. "Wir mussten ein hartes Übergangsquartal für unsere Smartphone-Sparte managen, nachdem wir die neuen Lumia-Linie angekündigt hatten", sagte er.

Die so offenherzig beworbene neue Generation der Lumia-Serie auf Basis von Microsofts Mobil-Betriebssystem Windows Phone 8 kommt erst Mitte November in die Läden.

Nokia hatte die Geräte jedoch schon im Sommer angekündigt und zahlte für die Verzögerung mit abflauendem Kundeninteresse. Selbst treue Nokia-Kunden warten aktuell lieber auf die neuen Geräte, da die aktuell erhältlichen Geräte kein Software-Update für Windows 8 erhalten werden.

Elops Verkaufsstatistik wurde lediglich von den im Frühjahr neu aufgelegten Asha-Telefonen gerettet, insgesamt stieg die Zahl der verkauften Telefone auf 77 Millionen Stück.

Nokia hat 1,4 Milliarden Euro in den Wandel investiert

Die Spar-Smartphones auf Basis von Nokias altem Betriebssystem Symbian kommen insbesondere in Schwellenländern gut an, dort gingen sie 6,5 Millionen mal über die Ladentheke. Doch die geringen Margen der Asha-Serie reichen nicht aus, um den Flopp der letzten Lumia-Generation auszugleichen.

Die neuen Zahlen zeigen es dennoch: Nokia ist mitten im Wandel zu einer neuen, schlankeren und innovativeren Version seiner selbst. Ein Gutteil des Quartalsverlustes resultiert nicht mehr aus dem operativen Geschäft, sondern aus Einmal-Ausgaben für den Wandel.

Insgesamt hat Elop bereits über 1,4 Milliarden Euro für diesen Wandel ausgegeben, der Konzern rechnet in seinem neuesten Ausblick mit Gesamt-Restrukturierungskosten in Höhe von 1,8 Milliarden Euro.

Weihnachtsquartal wird schwach ausfallen

Der Erfolg der neuen Lumia-Serie wird zeigen, ob der Wandel rechtzeitig kommt: Seit Jahresanfang verbrannte der Konzern insgesamt 3,3 Milliarden Dollar (2,5 Milliarden Euro). Geht es im selben Tempo weiter, sind die Barreserven im Sommer 2013 aufgebraucht.

Die Wende, fürchtet Nokia in seinem neuesten Ausblick, wird dennoch erst zum Jahresbeginn Jahr 2013 kommen: Das Weihnachtsquartal könnte schwächer als gewöhnlich ausfallen, da die neuen Geräte gerade erst auf den Markt kommen, erst ab Dezember in ausgesuchten Ländern und nicht in großer Stückzahl vorhanden sind.

Gleichzeitig dürften die Marketingkosten für die Markteinführung das Geld noch schneller von Nokias Konten fließen lassen. Um neues Bargeld in die Kassen zu bekommen, überlegen die Finnen aktuell sogar, ihre Unternehmenszentrale im finnischen Espoo zu verkaufen und anschließend zurück zu mieten – das könnte den Konzern weiter verschlanken und laut finnischen Medienberichten bis zu 300 Millionen Euro einbringen.

Für ein weiteres Comeback fehlen Zeit und Geld

Nokia hat das Schicksal seiner Handysparte an den Erfolg von Microsofts neuem Mobil-Betriebssystem Windows Phone 8 gekoppelt: Um nach einem weiteren Flop wieder auf die Beine zu kommen, bleibt weder das Geld noch die Zeit.

Der aktuelle Comeback-Versuch ist es jedoch wert: Die neuen Lumia-Geräte wirken innovativ und eigenständig, setzen klare Designakzente und haben konkurrenzfähige Hardware.

Ob sie ein Erfolg werden, hängt nun nicht von Nokia allein ab, sondern auch von der Verkaufs-Dynamik von Microsofts Windows 8. Sollte es bei den Kunden floppen, müsste Elop seine Smartphone-Sparte in Frage stellen.

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