15.10.12

Kraftprobe

Daimler legt sich mit dem Betriebsrat an

Der Konflikt um die Schichtreduzierung im Werk Sindelfingen ist eskaliert. Aber um das Werk geht es nur am Rande, denn Daimler-Chef Zetsche muss kräftig sparen. Im Konzern herrscht Alarmstimmung.

Foto: dapd
Daimler will bei Mercedes angeblich eine Milliarde Euro einsparen

Der Fall ist eigentlich Routine: Der Daimler-Konzern will in einem Werk die Zahl der Schichten reduzieren und verhandelt darüber mit dem Betriebsrat.

Es geht nicht um eine Drosselung der Produktion, weil die Nachfrage konjunkturbedingt einbricht, sondern um das übliche Verfahren, wenn ein Modell ausläuft und die Nachfrage nachlässt. Insofern besteht kein Anlass, Alarm zu schlagen. Und dennoch herrscht im Konzern Alarmstimmung.

Keine Einigung über Reduzierung der Schichten

Unternehmen und Betriebsrat konnten sich nicht auf eine Reduzierung der Schichten beim Bau der S-Klasse in Sindelfingen einigen. Am heutigen Dienstag soll noch einmal verhandelt werden, aber alles läuft darauf hinaus, dass eine Einigungsstelle vermitteln muss. "Wir peilen für diesen Monat einen Termin beim Arbeitsgericht an", sagt ein Unternehmenssprecher.

Eine derartige Eskalation hätte es in Sindelfingen in den vergangenen 40 Jahren nicht gegeben, man habe in der Produktion immer ganz nach Bedarf die Schlagzahl erhöht oder gebremst, grollen die Arbeitnehmervertreter.

"Wir haben hier nie ein Auto gebaut, das nicht verkauft wurde oder eines nicht gebaut, das man gebraucht hätte", sagt Konzernbetriebsratschef Erich Klemm gereizt. Die Frage ist nun, warum das Management auf Konfrontationskurs geht. Klar ist nur so viel: Um Sindelfingen geht es dabei nur am Rande.

Zetsche liegt hinter BMW und Audi

Obwohl Daimler seit Monaten mit der Marke Mercedes Rekordabsatzzahlen einfährt, ist die Situation von Konzernchef Dieter Zetsche alles andere als rosig. Daimler hat einen Lauf, aber bei BMW und Audi läuft es noch besser.

Daher hat Zetsche angekündigt, bis Ende des Monats ein Effizienz- und Sparprogramm vorzulegen. Schließlich wollen die Schwaben bis 2020 bei Absatz und Ertrag die Nummer eins aller Premiumhersteller sein. Mercedes kann zwar im Durchschnitt weiterhin mehr pro Fahrzeug verlangen als Audi oder BMW.

Doch die Stuttgarter verdienen damit weniger als die Konkurrenz. Die Margen sind niedriger, weil die Kosten im Vergleich zu den Münchnern und Ingolstädtern höher liegen. Dieses Problem will Zetsche nun angehen.

Kein Stellenabbau, aber Sparprogramm

Zwar sei Stellenabbau nicht geplant, wie der Vorstand immer wieder beteuert, aber der Konzernchef hat angekündigt, "keinen Teil dieser Firma von der Suche nach mehr Effizienz auszunehmen". Das würde bedeuten, dass auch die Vergütung der Beschäftigten und Zulagen auf den Prüfstand kommen.

Angesichts dessen müsste dem Management eigentlich an einem entspannten Verhältnis zu den Arbeitnehmervertretern gelegen sein – zumal Betriebsräte und Vertreter der IG Metall im Aufsichtsrat sitzen und am Ende das Effizienzprogramm abnicken sollen. Aber vielleicht ist der Konflikt in Sindelfingen ja bereits der Beginn der großen Sparrunde.

S-Klasse-Produktion wird heruntergefahren

Zunächst ging es im größten Pkw-Werk von Mercedes nur darum, die S-Klasse-Produktion auf Ein-Schicht-Betrieb herunterzufahren bis 2013 das neue Modell vom Band läuft. Grundsätzlich waren sich alle Beteiligten auch schon einig. Ein Teil der Mitarbeiter an den S-Klasse-Bändern hätte in die auftragsstarke Produktion der C-Klasse wechseln sollen. 300 bis 500 Leiharbeiter dort wären dann freigesetzt worden.

Streit um Arbeitszeitkonten

Allerdings blieb der Punkt Arbeitszeitkonten strittig, bis heute. Konkret geht es darum, ob die Beschäftigten in der S-Klasse-Produktion bei Mehrarbeit in Zukunft diese samt Zulagen vergütet bekommen können oder ob damit automatisch Minusstunden auf den Konten ausgeglichen werden.

Nachdem sich beide Seiten nicht einigen konnten, habe die Unternehmensleitung prompt weitere Forderungen nachgeschoben, lautet die Version des Betriebsrates.

Arbeitgeber wollen "atmende Arbeitszeit" pro Tag

Nun wollten die Arbeitgeber angeblich außerdem eine "atmende Arbeitszeit" pro Tag festlegen können, sechs bis neun Stunden, je nach Auftragslage. Außerdem bis zu 20 Stunden Mehrarbeit und Spätschichten an Samstagen sollten ohne Verhandlungen möglich sein. "Das ist eindeutig ein Angriff auf die Mitbestimmungsrechte", heißt es seitens des Konzernbetriebsrats. Und ein Verstoß gegen das Betriebsverfassungsgesetz sowie gegen gültige Tarifverträge.

Kosten drücken, ohne Entlassungen

Ob das so ist, wird vermutlich ein Arbeitsrichter entscheiden. Tatsache ist, dass Daimler-Chef Zetsche mit Maßnahmen wie diesen die Kosten drücken kann. Dass er dabei die Kraftprobe in Sindelfingen sucht, ist heikel: Das Werk bei Stuttgart ist Sitz von Konzernbetriebsratschef Klemm. Andererseits, so heißt es im Unternehmen, hätten die Beschäftigten in Sindelfingen überdurchschnittlich gute Arbeitsbedingungen. Und ein umfangreiches Sparprogramm beginnt in aller Regel dort, wo am ehesten Begehrlichkeiten geweckt werden.

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