13.10.12

Euro-Beschlüsse

Deutschland will EU-Gipfel ungeschehen machen

Die Bundesregierung will beim EU-Gipfel kommende Woche die Ergebnisse des vorherigen Treffens gerade rücken. Denn die waren nicht nur schwammig, sondern könnten teuer für Deutschland werden.

Foto: Council of the european union

Sitzungssaal des Europäischen Rats: Hier tagen die Staats- und Regierungschefs
Sitzungssaal des Europäischen Rats: Hier tagen die Staats- und Regierungschefs

Im Berliner Finanzministerium kursiert ein prägnantes Schlagwort für das, was in der Nacht vom 28. auf den 29. Juni in Brüssel geschah: "Morgengrauen" nennen die Beamten von Wolfgang Schäuble (CDU) heute die Ergebnisse des letzten EU-Gipfels.

Die Betonung liegt dabei auf dem Wort Grauen. Der Finanzminister selbst ist nur unwesentlich diplomatischer, wenn er in kleiner Runde darüber spricht, was Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die anderen Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone vereinbart haben. Er wisse sehr genau, was da beschlossen wurde, sagt er, schließlich sei er der "Hauptleidtragende".

Streit liegt in der Luft

Aus Schäubles Sicht sind bei der Ratssitzung missverständliche Erwartungen geweckt worden. Vor allem die südeuropäischen Länder interpretieren in den damaligen Beschluss vieles hinein, was der Bundesregierung überhaupt nicht passt.

Und er, der deutsche Finanzminister, muss nun seit Wochen versuchen, alles wieder einzukassieren. Ein mühsames Unterfangen. Wie erfolgreich Schäuble dabei ist, wird sich Ende kommender Woche zeigen. Dann treffen sich die Regierungschefs wieder in Brüssel. Streit liegt in der Luft.

Dabei geht es eigentlich nur um Detailfragen – die für Deutschland aber schnell sehr teuer werden könnten. Die Regierungschefs hatten sich prinzipiell verständigt, dass der Euro-Rettungsschirm ESM direkt Geld an notleidende Banken verleihen darf. Doch zu welchen Bedingungen? Ab wann gilt das? Und können dem Hilfsfonds auch Altlasten aufgebürdet werden? Keiner weiß es. Aber alle haben eine Meinung dazu.

Schwammige Beschlüsse

Schon nach dem Treffen Ende Juni wurde deutlich, dass die Beschlüsse völlig schwammig waren. Der italienische Ministerpräsident Mario Monti reklamierte damals einen Sieg für sich. Der Weg zu den fetten Rettungstöpfen sei nun leichter zu bewältigen.

Merkel widersprach kurze Zeit später: An den Konditionen werde sich nichts ändern. Beide beriefen sich auf die gleiche zweiseitige Gipfelerklärung, auf die sich die Regierungschefs nur unter Mühen und erst am frühen Morgen geeinigt hatten.

Einem übernächtigten ranghohen deutschen Regierungsvertreter schwante schon damals, dass der Beschluss noch einiges Streitpotenzial bieten dürfte. Auf die einfache Frage, wie spät es war, als die Einigung gelang, gab er die Antwort: "Ich bin mir nicht einmal sicher, ob wir überhaupt eine Einigung haben."

Falsche Erwartungen

Hatten sie nicht. Das ist heute, gut vier Monate später, offenkundig. Die notleidenden Südländer glauben, das Kommuniqué vom Juni berge die Möglichkeit, Banken direkt aus dem ESM zu rekapitalisieren – und zwar schnell und auch rückwirkend.

Die Nordländer – allen voran Deutschland, Finnland und die Niederlande – lehnen das aber ab. "Damals sind falsche Erwartungen geweckt worden", sagt ein ranghohes Regierungsmitglied heute. Die Gipfelerklärung gebe eine so weitreichende Interpretation nicht her. Das ist die für die Bundesregierung wohlwollende Deutung.

Es gibt auch eine andere: Merkel hat sich damals überrumpeln lassen von Monti, der mit Frankreichs Präsident François Hollande und Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy eine Allianz geschmiedet hatte. So stimmte sie einer Erklärung zu, die nun als Druckmittel für weitere Forderungen genutzt wird. In Notenbankkreisen heißt es dazu: "Die Bundesregierung hat ein großes Einfallstor so sperrangelweit geöffnet, dass sie es wohl nie wieder ganz zu bekommt."

Auf dem kommenden EU-Gipfel dürfte Merkel sich mit aller Kraft gegen dieses Tor stemmen. Um drei Grundsatzentscheidungen bei der europäischen Bankenhilfe wird gerungen:

Der Zeitpunkt: Die Hilfe soll es erst geben, wenn eine europäische Bankenaufsicht steht. Die Regierungschefs hatten vereinbart, dass sie im Dezember über einen entsprechenden Vorschlag der EU-Kommission beschließen wollen. Sobald es diese Aufsicht gebe, werde man dem ESM gestatten, angeschlagenen Finanzinstituten Geld zu überweisen.

Bei einigen Euro-Partnern führte das dazu, dass sie die Aufsicht nun im Schnellverfahren durchdrücken wollen. Deutschland dagegen bremst. Gründlichkeit vor Schnelligkeit, lautet die offizielle Sprachregelung. Das Argument klingt logisch: Die Währungsunion kann sich keinen Reinfall leisten, das Vertrauen der Investoren ist sowieso beschädigt. Also sollte man lieber in Ruhe eine gute Aufsicht aufbauen als in Hektik eine schlechte.

Die Reihenfolge: Nichts fürchtet die deutsche Regierung mehr, als dass man den Südländern Geld geben muss ohne eine qualitativ ausreichende Aufsicht, die kontrolliert, welche Risiken deren Banken eingehen. Daher auch das Spiel auf Zeit. Denn sobald der Start der Bankenaufsicht beschlossen ist, werden viele Euro-Staaten die direkte Hilfe einfordern.

Merkel und Schäuble nehmen die Juni-Erklärung wörtlich: Erst wenn die Bankenaufsicht bei der Europäischen Zentralbank (EZB) "eingerichtet" ist, soll der ESM Banken retten dürfen. Erst die Kontrolle, dann die Haftung, so die Maxime in Berlin. Sprich: Die EZB müsste die nötigen Abteilungen aufbauen und Experten einstellen. Das kann dauern, von mindestens zwei Jahren gehen Beteiligte aus.

Den meisten Euro-Partnern dauert das zu lange. Für die bedeutet "einrichten", einen Beschluss zu fassen. Das könnte schon in einigen Monaten passieren. Und dann soll nach dem Wunsch der Empfänger bereits das Geld nach den neuen Regeln fließen. Wie lange sich Berlin diesem Wunsch versperren kann, ist offen. Ewig sicher nicht.

Die Altlasten: Die Europäer haben in ihren Rettungspaketen schon viel für Bankenhilfe ausgegeben. So erhält Spanien ein Programm von bis zu 100 Milliarden Euro. Bei Griechenland waren im zweiten Hilfspaket 48 Milliarden Euro für marode Banken vorgesehen. Bisher fließt das Geld nach den alten Bedingungen, die Staaten reichen es an die Finanzinstitute weiter.

Für die Geber hat das den Vorteil, dass die Regierungen für die Rückzahlung der Kredite geradestehen und nicht die Banken. Doch für die Empfänger liegt genau hier der Nachteil: Die Bankenhilfe erhöht ihre Staatsschulden. Deshalb würden Griechenland und Spanien gerne rückwirkend die schon vereinbarten Hilfen zum ESM abschieben und so ihre Schulden drücken.

Dazu allerdings stand in der Juni-Erklärung kein Wort. Trotzdem sollen schon in der langen Nacht einige südeuropäische Regierungschefs deutlich gemacht haben, dass sie von diesem Beschluss auch rückwirkende Hilfen gedeckt sehen. Einige Unterhändler aus dem Nord-Lager hätten damals dagegen protestiert, erzählt einer, der bei den Gesprächen dabeisaß.

Eine Einigung dazu gibt es bis heute nicht. Trotzdem lassen die Südländer nicht von ihrem Vorhaben. Und nach und nach schaffen sie es, die Deutungshoheit über die Beschlüsse zu übernehmen.

Noch hält Schäuble dagegen. Erst kürzlich stellte er zusammen mit seinem niederländischen und seinem finnischen Kollegen klar, dass man bei dem Plan nicht mitmache. Bislang standen solche Versprechungen meist nicht lange.

Die vergangenen zweieinhalb Jahre Krise hielten eine Lehre parat, sagt ein Euro-Retter: Einmal in Aussicht gestellte Hilfsmaßnahmen würden in der Regel nach einigen Diskussionen und anfänglichem Widerstand aus Berlin dann doch immer beschlossen. Warum sollte es dieses Mal anders sein?

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
Die Norwegerin Margaret Berger gilt als Favorit
17.05.13ESC 2013
Eurovision Song Contest - Die Teilnehmer im Check

Am Sonnabend tritt Cascada mit ihrem Dance-Song "Glorious" für Deutschland beim Eurovision Song Contest in Malmö an. Bei den Buchmachern stehen aber Dänemark und Norwegen ganz vorn. mehr...


Madleen Borngräber leidet an einer seltenen Krankheit
14:45Krebs-Gen wie Angelina Jolie
Warum sich eine Berliner Studentin die Brüste amputieren ließ

Madleen Borngräber (25) trägt das Krebs-Gen in sich. Deshalb ließ sie sich vorsorglich die Brüste entfernen. Genau wie Schauspielerin Angelina Jolie, die vor kurzem damit an die Öffentlichkeit ging. mehr...


Hoch hinaus: Breakdancer am Blücherplatz stimmen auf das Multi-Kulti-Fest ein
14:48Karneval der Kulturen
Bis Pfingstmontag ist Kreuzberg die Bühne der Welt

Der Karneval der Kulturen hat mit dem obligatorischen Straßenfest am Blücherplatz begonnen. Höhepunkt ist wieder der große Umzug am Pfingstsonntag. Dazwischen machen viele Events Kreuzberg schön bunt. mehr...


Monumental: Anish Kapoor steht in seiner Installation aus Wachs „1st Body“
07:34Ausstellung
Starkünstler Kapoor zeigt sein Universum im Gropius-Bau

Tonnenschwere Installationen: Starkünstler Anish Kapoor aus London bespielt den Martin-Gropius-Bau mit spektakulären Großskulpturen aus Wachs, Pigmenten und PVC - seine erste große Schau in Berlin. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Die Euro-Krisen-Gipfel
  • 30. Januar 2012

    In Brüssel einigen sich die Staats- und Regierungschefs der EU auf den Fiskalpakt. Er sieht automatische Strafen für Defizitsünder und Schuldenbremsen vor. 25 Staaten ziehen mit, Großbritannien und Tschechien treten dem Pakt nicht bei.

  • 1.-2. März 2012

    Die Regierungschefs unterschreiben den Fiskalvertrag. Die Euro-Länder machen Tempo beim ESM. Präsident Herman Van Rompuy wird wiedergewählt.

  • 28.-29. Juni 2012

    Der Rat beschließt den Wachstumspakt. Er bringt auch die Bankenunion auf den Weg. Über die Interpretation des Abschlussdokuments entbrennt schon am nächsten Morgen rasch heftiger Streit.

  • 18.-19. Oktober 2012

    Wachstumspakt, Bankenaufsicht und die weitere europäische Integration werden wieder auf der Tagesordnung stehen.

  • 13.-14. Dezember 2012

    Van Rompuy und die Chefs von Kommission, EZB und Eurogruppe stellen ihr Konzept für die weitere Integration der EU vor.

Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Parlament Bundestag debattiert über Atommüllendlager
Cannes Emma Watson spielt Kriminelle in Coppolas Film
 
tb_airberlin.gif
airberlin - Destination…

airberlin baut die Verbindungen nach Polen aus. Erfahren…mehr

tb_Erste-Adressen.jpg
Berlins Erste Adressen

Eine Initiative der Berliner Kaufleute und der Berliner…mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großeinsatz

Feuer in Berliner Autowaschanlage

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote