12.10.12

Mo Yan

Chinas Nobelpreisträger brüskiert Peking

Bisher galt der neue Literaturnobelpreisträger Mo Yan aus China als "staatsnah". Doch jetzt überrascht er mit systemkritischen Forderungen. Der 57-Jährige wünscht sich die Freilassung von Liu Xiaobo.

Foto: AFP

Mo Yan während der Pressekonferenz in Gaomi, seiner Heimatstadt in ostchinesischen Provinz Shandong
Mo Yan während der Pressekonferenz in Gaomi, seiner Heimatstadt in ostchinesischen Provinz Shandong

Chinas frischgebackener Literatur-Nobelpreisträger Mo Yan hat nur einen Tag nach der Bekanntgabe seiner Auszeichnung die kommunistische Führung seines Landes vor den Kopf gestoßen. In einem bravourösen Auftritt auf einer Pressekonferenz in seinem Heimatort Gaomi brach er völlig unerwartet eine Lanze für den zu elf Jahren Haft verurteilten und inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Er sprach damit ein Thema an, das in Chinas Öffentlichkeit absolutes Tabu ist. Er kenne Liu von früher, als sich der damalige Literaturdozent noch nicht mit Politik befasste. "Ich weiß nicht, was Liu Xiaobo später alles gemacht hat. Aber ich wünsche mir jetzt, dass er so früh wie möglich seine Freiheit zurückgewinnt." Liu habe das jedes Recht, "Politk und Sozialsysteme zu erforschen."

Der 57-Jährige hatte alle Journalisten, die ihn in Gaomi, tief in Ostchinas Provinz Shandong aufsuchten, am Freitagnachmittag (Ortszeit) zu einer spontanen Pressekonferenz zusammengerufen. Er bestand darauf, ein unabhängiger Schriftsteller zu sein, der sich in keine Schubladen einordnen lassen wolle. "Ich habe diesen Preis als Literaturpreis, als Auszeichnung für meine literarische Arbeit bekommen. Das ist ein Sieg der Literatur, aber kein Sieg der Politik."

Er will kein Staatsschriftsteller sein

Mit seiner Kehrtwendung wehrte sich Mo, der auch stellvertretender Vorsitzender des parteitreuen Schriftstellerverbandes ist, gegen den bisher vorherrschenden Eindruck, er habe sich stets bereitwillig angepasst, wenn die Partei es von ihm verlangte. Das sei ein Missverständnis, weil er in einem Land unter der Führung der Kommunistischen Partei arbeite.

"Ich glaube, dass viele Leute meine Bücher nicht gelesen haben. Sonst wüssten sie, welche großen Risiken ich einging, als ich sie damals schrieb und unter welchem Druck ich dabei stand. Meine Werke unterschieden sich damals sehr von anderen Bestseller-Romanen. Von den Achtzigerjahren an, stand ich immer auf der Seite der Humanität. Ich habe bereits früh alle Begrenzungen von Parteilichkeit, Klassen oder Politik überschritten." Es sei eine ungerechte Verurteilung, wenn jemand meine, dass ich "kein kritischer Schriftsteller" bin, nur weil ich nicht "mit auf die Straße gehe, um Parolen zu rufen, oder weil ich nicht irgendwelche Erklärungen unterschrieben habe."

"Ich bin unsensibel gewesen"

Mo Yan ging auch auf den Vorwurf ein, mit seiner handschriftlichen Abschreibaktion einer hochumstrittenen Rede von Mao Zedong zur politischen Gängelung von Literatur und Kunst der Mao-Nostalgie Vorschub geleistet zu haben. Er sei von der Heftigkeit der Kritik an dieser Aktion überrascht worden. "Ich hatte mir damals gar nicht viel dabei gedacht. Ich bin ziemlich unsensibel gewesen." Doch sei er weiter der Meinung, dass es durchaus vernünftige Gedanken in der Rede Maos gebe. Daher bereue er es nicht.

Mo Yan hatte früher eingestanden, es mangele ihm an "Selbstbewusstsein". Er hätte sich deshalb als Pseudonym einen Namen gewählt, der "nicht reden" bedeute, weil er lieber schweige, als zu reden. Nun äußerte er sich auf seiner Pressekonferenz gleich zu einer Fülle heikler Themen, als ob ihm der Literaturpreis nun die Plattform dafür geschaffen hatte. Gefragt, ob Verlage in China frei sein, antwortete er: "Natürlich nicht." Aber er schränkte ein: Insgesamt gesehen und vor allem verglichen mit früheren Zeiten, hätten sich die Grenzen schon sehr weit geöffnet.

Salomonisches zum Inselstreit mit Japan

Mo sprach auch die zwischen China und Japan umstrittene Inselfrage an, die beide Staaten jüngst wieder gegeneinander aufbrachten. "Macht es doch so wie es die Politiker früherer Generationen gemacht haben. Sie einigten sich, ihre Widersprüche zur Seite zu legen, ohne eine Lösung erzwingen zu wollen, um sich stattdessen auf den Aufbau ihrer Freundschaft zu konzentrieren."

Das Bekenntnis von Mo Yan, er sei nicht bereit, sich von der Politik und Ideologie seines Landes vereinnahmen zu lassen, überraschte nicht nur die an der Pressekonferenz teilnehmenden Journalisten, sondern auch die Zensurbehörden Chinas. Alle seine Äußerungen zu Liu Xiaobo wurden im Internet sofort gelöscht. Dort bekam Mo Yan ungewohnte Unterstützung von früheren Kritikern, die nun überrascht schrieben: Mo Yan zeige, dass er "ein Gewissen hat. Wir zollen ihm dafür Respekt."

Lob von früheren Kritikern

Chinas Partei erfährt nun ausgerechnet von dem Mann unbequeme öffentliche Wahrheiten, den sie gerade als Bannerträger ihrer Kulturoffensive auf die Schultern heben wollte. Am Freitagnachmittag hatte sich fast gleichzeitig mit der Pressekonferenz von Mo Yan Chinas Propagandazar und Mitglied im Ständigen Politbüroausschuss Li Changchun zu Wort gemeldet. Bezeichnenderweise schrieb er nicht Mo Yan selbst, sondern dem Schriftstellerverband. Er gratuliere im Namen der kommunistischen Führung Mo Yan zum Literaturnobelpreis. Sein Preis spiegele Fortschritt und Prosperität derchinesischen Literatur und ihre "zunehmend universale Nationalstärke und internationalen Einfluss wieder."

Viele Schriftsteller hätten tiefe Wurzeln im Leben und in den Traditionen des Volkes geschlagen und ausgezeichnete Werke mit chinesischen Eigenschaften, Stil und Größe geschaffen. "Mo Yan ist unter ihnen ein herausragender Vertreter." Zugleich hatte die Nachrichtenagentur Xinhua begonnen mit Kommentaren den Nobelpreis für Mo Yan zur Ehre der Nation zu überhöhen. "Dieser Preis ist mehr als nur eine Anerkennung für Chinas Literatur.

Er hat auch Gao Xingjian verteidigt

Tatsächlich hat Mo Yan auch früher oft schon gegen den Stachel gelöckt. Als der im französischen Exil lebende und französische Staatsbürgerschaft angenommene Pekinger Schriftsteller Gao Xingjian 2000 den Nobelpreis erhielt, war er einer der wenigen offiziellen chinesischen Schriftsteller, der sich nicht auf Geheiß Pekings von Gao distanzierte, oder ihn lächerlich machte. Am 14. Oktober 2000 erklärte Mo Yan zu Gao: " Ich kenne seine Arbeiten vor allem aus den Achtzigerjahren. Sein Experimenttheater hatte damals eine Avantgardefunktion und spielte eine besonders wichtige Rolle. Auch seine Romane und Erzählungen waren Avantgarde. Ich gratuliere ihm zu seinem Preis, und ich finde, er ist es wert, dass man ihm gratuliert, um so mehr, als es erstmals ein Nobelpreis für chinesischsprachige Literatur ist."

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