05.10.2012, 17:53

CrossFit Reebok will mit Brachial-Fitness aus der Krise

Foto: Reebok

Von Martin Greive und Jens Hartmann

Hanteln, Klimmzüge, Springen, Liegestützen – eine Stunde lang ohne Gnade. Crossfit heißt der neue Fitness-Trend. Die Adidas-Tochter Reebok hat ihr Schicksal an das stylische Zirkeltraining geknüpft

Es geht ganz harmlos los. Ein bisschen aufwärmen, den Kopf kreiseln lassen, die Oberschenkel dehnen. Doch nach zehn Minuten lockerem Aufgalopp dreht Trainerin Sindy ihre Athleten durch die Mangel. "3-2-1-Go!" brüllt sie ins Mikrofon. Gewichtheben, runter auf den Boden, Liegestütze, hochspringen, wieder Liegestütze, wieder hoch, Klimmzüge, dann wieder runter auf den Boden, im Entengang einmal im Kreis durch die Turnhalle.

Nach einer Stunde ist die Tortur vorbei. Jeffs graues T-Shirt, unter dem sich der perfekt austrainierte Körper des Modellathleten abzeichnet, ist völlig durchnässt. "Eineinhalb Jahre habe ich mit meinen Kumpels Crossfit bei uns in der Garage trainiert. Endlich hab ich die Gelegenheit, in einer Box zu trainieren", sagt der 40-Jährige begeistert.

Die Konkurrenz der Fitness-Trends ist groß

Crossfit ist der neue heiße Trend auf dem Fitnessmarkt. Crossfit-Boxen, so heißen die Fitnessstudios im coolen Englisch, es gibt immer mehr von ihnen. Die Crossfit-Macher wollen mit der neuen Trainingsart die Fitnessbranche revolutionieren. Der schwächelnde US- Sportartikelhersteller Reebok , eine Tochter des Adidas-Konzerns, hat sogar sein Schicksal mit Crossfit verknüpft.

Crossfit-Ausrüstung wie Schuhe und Shirts sollen für Imagegewinn, zusätzlichen Umsatz und höhere Margen sorgen. Doch ob Crossfit tatsächlich den erhofften Siegeszug antreten kann, ist fraglich. "Der Crossfit-Markt wird wachsen, aber aufgrund der hohen Trainingsanforderungen und des Konkurrenzkampfs zu anderen Trainingsformen nicht zu einer Massenveranstaltung werden", sagt Karsten Hollasch, Leiter der Sportbusiness-Gruppe beim Prüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte.

Sport für Menschen mit wenig Zeit für Sport

Die Macher verkaufen Crossfit als "Revolution". Doch im Prinzip ist das Training eine einstündige Übungseinheit, die es schon zu Zeiten von Turnvater Jahn gab. Der ganze Körper wird eine Stunde lang trainiert, alle Muskeln beansprucht, die Einheiten ständig verändert.

Das soll das Training besonders effektiv machen und diejenigen anziehen, die zwischen Arbeit und Abendplanung nur wenig Zeit für Sport haben. "Crossfit ist viel effektiver als andere Sportarten. In einer Stunde ist man wieder raus aus der Halle und hat viel mehr Kalorien verbrannt, als wenn man eineinhalb Stunden joggt", sagt Nate Forster.

In New York werden 300 Dollar pro Monat fällig

Der 28-Jährige hat vor einem Monat die "Reebok Crossfit Box" auf der Fifth Avenue im Herzen Manhattans eröffnet, in der Jeff trainiert. "Ich werfe mich jeden Morgen in Sportklamotten, fahre zu Arbeit und helfe Menschen dabei, gesünder zu leben. Was kann es Besseres geben?", sagt Forster. 200 Mitglieder hat seine Box, bald sollen es 300 sein. Der Monatsbeitrag liegt bei stolzen 300 Dollar.

Die braucht der junge Unternehmensgründer auch dringend. 3000 Dollar muss er pro Jahr an Lizenzgebühren an die Crossfit Incorporation abdrücken. Denn die Boxen laufen wie ein Franchise-System, eröffnen kann sie jeder gegen eine entsprechende Gebühr. Deutlich mehr ins Kontor schlägt die Miete in Midtown Manhattan. Den Preis will Forster nicht in der Zeitung lesen. Aber kein Geheimnis ist, dass so viel Platz im Zentrum New Yorks für unter 25.000 Dollar im Monat nicht zu haben sind.

6000 Studios sollen es Ende 2013 weltweit sein

Forster hat die Halle selbst gestaltet. Im Eingangsbereich grüßt ein Graffiti mit der stilisierten Skyline von Manhattan und dem Crossfit-Logo, in schwarz-grün gehalten, so wie der Rest der Halle. An den grünen Stangen hängen Ringe, verbunden werden sie mit einer weiteren Stange für Klimmzüge. Von der Mitte des Raumes fallen Seile herab, an den Seiten lagern schwere Hanteln und riesige Medizinbälle. "Wir werden den ganzen Markt verändern", ist Forster überzeugt.

Der 28-Jährige, selbst einer der besten Crossfitter der USA, hatte vor einigen Jahren zwei Nachtklubs in Miami gegründet. In der Metropole Floridas machte er auch die erste Crossfit-Box auf. 3600 Boxen gibt es in den USA, 4400 Crossfit-Boxen gibt es bereits weltweit. Ende 2013 sollen es 5500 bis 6000 sein. Crossfit hat es inzwischen sogar bis ins Fernsehen geschafft. Die Crossfit Games, bei denen die Athleten über Hürden springen und sich von Seil zu Seil ins Ziel hangeln müssen, werden von ESPN und Eurosport übertragen. Es geht dabei um ein Millionenpreisgeld.

In Deutschland gibt es bisher nur wenige Hallen

In Deutschland steckt Crossfit im Vergleich zu den USA noch in den Kinderschuhen. Es gibt bislang lediglich 25 Trainingsstätten, bis Ende 2013 sollen es 35 bis 40 werden. In diesem Jahr sollen noch Boxen in Kassel, Düsseldorf, Berlin und Augsburg dazukommen. Traningshallen für Crossfitter gibt es bereits jetzt schon unter anderem zwei in Berlin, in München, Hamburg und Köln.

Einer der Vorreiter hierzulande ist Afghanistan-Veteran Drake Sladky. Der US-Amerikaner hat im März in einer Nürnberger Fabrikhalle für Reebok eine Crossfit-Box eröffnet. Eigene Werbung schaltet er nicht, man lebe von Mund-zu-Mund-Propaganda, bislang laufe das Geschäft gut.

Crossfit soll ein Gemeinschaftsgefühl stiften

Im Eingangsbereich der Nürnberger Halle befindet sich eine "Wall of Fame", auf der herausragende Leistungen der Crossfitter eingetragen sind. An der Seite können Athleten auf einer Tafel mit Filzstift ihre Leistungen notieren. Im Gegensatz zu einem gewöhnlichen Fitnessstudio soll bei Crossfit nicht jeder allein vor sich hintrainieren, sondern innerhalb der Gruppe einen Wettkampf austragen.

Crossfit sei mehr als nur Hantelstangen und Liegestütze, sagt Sladky. Er spricht von einem "Gemeinschaftsgefühl bei diesem eigentlich altmodischen Zirkeltraining". Das ist auch in seiner Halle zu spüren, wenn sich die Hobbyathleten gegenseitig anfeuern und sich nach dem Training abklatschen.

Weltweit ist das Trainingsprogramm überall identisch

Nach getaner Arbeit treffen sich die Gruppen auch schon mal zusammen zum Grillabend, sie unternehmen Ausflüge oder halten zusammen Diät. Wer die Stunde schwänzt, wird schon mal von Sladky am Telefon gefragt, wo er denn gewesen sei. Wer länger nicht kommt, dem wird der Vertrag sogar gekündigt. Ein Vorteil gegenüber vielen anderen Fitnessstudios, bei denen man oft monatelang einen Vertrag abschließt.

Was auch viele Crossfitter schätzen: Sie können sich mit der weltweiten Gemeinde via Internet vergleichen und austauschen. So findet in allen Boxen weltweit das identische Trainingsprogramm statt. Es nennt sich "Workout of the Day", kurz "WOD", die Power-Pläne werden von der Crossfit-Zentrale in Washington an alle Boxen geschickt.

Zu Crossfit gehört auch eine eigene Sprache

Crossfitter haben auch eine eigene Sprache, in der die Mischung aus Liegestütz und Sprung "Burpee" genannt wird oder eine Gewichthebe-Übung "Sumo Deadlift". Die zahlreichen Abkürzungen, die Crossfitter verwenden, verstehen Außenstehende ohne Erklärung nicht.

Etwa wenn es heißt ATG ("Ass to Grass"), also Hintern auf den Boden, oder "KTE" ("Knees to elbows"), also Knie zum Ellbogen. Oder Zahlenkolonnen wie "Deadlift 3-2-2-1-1-1", in der die Zahl der Wiederholungen einer Übung beschrieben wird. Wer einen guten Tag erwischt, stellt einen "PR" auf, einen persönlichen Rekord.

Reebok kehrt mit Fitness zurück zu den Wurzeln

Reebok ist auf den Crossfit-Zug aufgesprungen und hofft, mit dem harten Training selbst wieder fit zu werden. Adidas-Chef Herbert Hainer musste erst die Umsatzerwartung von Reebok für 2015 von drei auf zwei Milliarden Euro reduzieren. Dass diese Umssatzgröße noch erreicht wird, dafür soll Crossfit sorgen. Vor zwei Jahren ging Reebok eine Kooperation mit Crossfit Incorporation ein.

Reebok, einst mit Aerobic groß geworden, kehrt damit zurück zu seinen Fitnesswurzeln. "Wir spüren, dass Fitness der große Trend ist, und zwar für alle Generationen", heißt es bei Adidas. Inzwischen trainieren mehr als sieben Millionen Deutsche in Fitnessstudios – mehr, als in Vereinen Fußball spielen.

Über Crossfit will Reebok auch an andere Zielgruppen

Und Experten prophezeien dem Fitnessmarkt in Deutschland trotz des Booms in den vergangenen Jahren weiterhin ein großes Potenzial, da die Deutschen im Vergleich zu ihren Nachbarländern immer noch verhältnismäßig wenig Fitnesstraining betreiben.

Reebok hat eine eigene Crossfit-Kollektion auf dem Markt gebracht, mit der man auch andere Hobby-Athleten erreichen will. Crossfit soll nämlich auch andere Trainierende in Fitnessstudios dazu bewegen, sich Reebok-Sportkleidung zu kaufen. Dabei geht das Interesse weit über die USA hinaus. Gerade in Asien entwickelt sich zurzeit ein starker Fitnesstrend. Vor allem in China ist es inzwischen angesagt, auch Mitglied in einem Fitnessklub zu sein. Das hat mit einem gesteigerten Interesse einer aufkommenden Mittelschicht an Gesundheitsthemen zu tun.

Auf diesen Märkten verspricht sich auch der Adidas-Konzern sowie Konkurrenten wie Nike hohe Zuwachsraten. Experten halten die Strategie Reeboks, auf Crossfit zu setzen, daher für eine gute Idee. "Der Fitnessmarkt ist ein großer, wachsender Markt mit großem Potenzial. Da kann es als Sportartikelhersteller so falsch nicht sein, sich auf Fitness zu fokussieren", sagt Deloitte-Experte Hallasch.

Manche halten Crossfit für zu hart – und zu teuer

Fitness wird weiter boomen, so viel ist sicher. Doch ob Crossfit wirklich der große Durchbruch gelingt, daran bestehen Zweifel. "Functional Fitness als Ganzes boomt. Crossfit ist da nur die Spitze des Eisberges", sagt der Sportbusiness-Experte Niels Gronau von der Beratungsgesellschaft Edelhelfer. Die Trainingsformen diversifizieren sich immer weiter, Crossfit steht in Konkurrenz zu einer Reihe anderer Trainingsformen. So sollen etwa Elektroimpulse dabei helfen, die Muskeln zu straffen. Besonders im Kommen ist gerade auch das Tanz-Fitnessprogramm Zumba aus Lateinamerika.

Ein weiteres Problem ist der vergleichsweise hohe Preis. In New York kostet das Monatsabo rund 300 Dollar. In Nürnberg sind zweimal die Woche Training zwar schon für 79 Euro pro Monat zu haben, unbegrenztes Training kostet 109 Euro. Andererseits bekommt man auch für jede Gruppe einen Trainer, der nicht nur motiviert, sondern auch auf die saubere Ausführung der Übungen achtet. Discount-Fitnessstudios wie McFit bieten allerdings schon für weniger als 20 Euro im Monat Mitgliedschaften an. Gerade viele Schüler und Studenten werden so viel Geld nicht berappen können.

Spezielle Versionen für Ältere und Kinder

Und schließlich zweifeln Experten daran, dass der anspruchsvolle Sport tatsächlich etwas für Jedermann ist. "Crossfit ist extrem herausfordernd und mehr etwas für diejenigen, die schon fit sind", sagt Gronau. "Ich glaube daher nicht, dass Crossfit massenkompatibel ist." Crossfitter Forster sieht das ganz anders. "Mein Vater war auch zunächst skeptisch. Jetzt trainiert er dreimal die Woche und kann gar nicht genug kriegen." Ältere könnten eine abgespeckte Version des Trainings machen. Und bei Drake Sladky in Nürnberg trainieren auch Kinder, allerdings nicht am schweren Gerät.

Forster und auch sein Nürnberger Kollege Sladky jenseits des Atlantiks sind jedenfalls voll vom Erfolg von Crossfit überzeugt. So hat Sladky schon jetzt die Jahresvorgabe von Reebok für Mitgliedschaften – 70 sollten es sein – überboten und peilt die 300 an. Und Forster? Der plant mit einem Freund gerade die Neueröffnung einer Box im Mittleren Osten. "Wir müssen den Crossfit-Spirit in die ganze Welt tragen", sagt er. Crossfit-Athlet Jeff will ihm jedenfalls mitten in Manhattan treu bleiben. Schmerzen hin, Schmerzen her: "Ich komme morgen auf jeden Fall wieder."

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