02.10.12

Überraschende Pleite

Nachrichtenagentur dapd meldet Insolvenz an

Die Nachrichtenagentur dapd ist pleite, die September-Gehälter für 300 Mitarbeiter konnten bereits nicht mehr gezahlt werden. Der Chefredakteur hat die Geschäftsführung niedergelegt.

Von Andre Tauber
Foto: picture alliance / dpa

Der Chefredakteur der Nachrichtenagentur dapd, Cord Dreyer, hat die Geschäftsführung mit dem Insolvenzantrag aufgegeben
Der Chefredakteur der Nachrichtenagentur dapd, Cord Dreyer, hat die Geschäftsführung mit dem Insolvenzantrag aufgegeben

Der Deutsche Auslands-Depeschendienst (dapd) ist zahlungsunfähig. Die Nachrichtenagentur stellte beim Amtsgericht in Berlin-Charlottenburg einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung.

Von den Insolvenzanträgen der insgesamt acht Gesellschaften sind 299 der 515 Mitarbeiter der dapd-Gruppe betroffen. Die betroffenen Gesellschaften hätten bereits die September-Gehälter nicht mehr überweisen können, teilte die Düsseldorfer Kanzlei Metzeler mit. Für den Zeitraum bis Ende November erhielten die Mitarbeiter somit Insolvenzgeld von der Bundesagentur für Arbeit. Die Muttergesellschaft dapd media holding AG und weitere 18 Gesellschaften seien von den Insolvenzverfahren unberührt.

Bis zum November soll Wolf von der Fecht, Partner der Kanzlei Metzeler, prüfen, welche Überlebenschancen die Gesellschaft noch hat. Das Tagesgeschäft soll vorerst fortgeführt werden. Miteigentümer Martin Vorderwülbecke wird an der Spitze der Muttergesellschaft bleiben, Cord Dreyer scheidet als Geschäftsführer aus, soll aber Chefredakteur bleiben.

Spektakuläres Projekt

Mit der Pleite der dapd scheitert ein spektakuläres Projekt in der deutschen Medienlandschaft. Dabei war die Nachrichtenagentur mit solch großen Worten aus der Taufe gehoben worden. Als der Dienst vor zwei Jahren seine neue Zentrale in Berlin mit Blick auf das Kanzleramt eröffnete, da bemühte sich selbst Noch-Bundespräsident Christian Wulff herbei.

Er hörte zu, wie der Münchner Co-Investor Peter Löw seine Investition als Einsatz für die Demokratie beschrieb: "Sie befinden sich hier an einem Hotspot der Pressefreiheit", sagte Löw damals. Und versprach: "Wir stehen auch langfristig der dapd zur Seite."

Marktführer dpa angreifen

Doch daraus wird nun wohl nichts. Dabei war die dapd mit solch großen Zielen angetreten: Der Nachrichtendienst hatte sich vorgenommen, die den deutschen Markt beherrschende Deutsche Presse Agentur (dpa) anzugreifen. "Verzichtbar" sollte die Agentur werden, hatte Löws Mitinvestor Vorderwülbecke einst als Ziel ausgegeben. Ein großes Ziel. Immerhin wird die dpa von fast jeder Tageszeitung in Deutschland als Informationsquelle genutzt.

Das Projekt erregte aber auch deshalb Aufsehen, weil mit ihm zwei Neulinge den Sprung auf die Medienbühne wagten: Löw und Vorderwülbecke. Die beiden gelten nicht nur als treue Katholiken sondern auch als knallharte Investoren.

Ihr langjähriges Geschäftsmodell: Marode Firmen aufkaufen, sie innerhalb von wenigen Monaten sanieren und dann mit hohem Gewinn wieder abstoßen. Damit haben die beiden es zu einem beträchtlichen Vermögen gebracht – und zuweilen auch zu einem fragwürdigen Ruf in der deutschen Unternehmenslandschaft.

Ausnahme vom Geschäftsmodell

Beim Aufbau der dapd, so scheint es, machten sie eine Ausnahme vom bisherigen Geschäftsmodell. Bereits 2004 übernahmen sie den Deutschen Depeschendienst (ddp) über ihre damalige Investmentgesellschaft Arques. 2009, nachdem sie mit gutem Gewinn aus Arques ausgetreten waren, kauften sie ihn zurück und verschmolzen ihn mit dem 1931 gegründeten Deutschlandgeschäft der amerikanischen Associated Press (AP) zur dapd.

Es folgten später noch zahlreiche weitere Zukäufe, etwa die Picture Presse von Gruner + Jahr sowie mehrere Agenturen in Frankreich. Erst im vergangenen Jahr startete dapd einen kostspieligen Sport-Dienst.

Im Verbund mit AP wollte man sowohl Nachrichten aus aller Welt liefern können als auch auch aus allen Teilen Deutschlands. Damit sollte den deutschen Tageszeitungen der Service einer Vollagentur geboten werden – und damit ein echter Ersatz für die dpa. Zwölf Landesdienste wurden eingerichtet, 32 Standorte in Deutschland eröffnet. Den Verlagen wurden "Kampfpreise" angeboten, die etwa ein Viertel unter denen der dpa liegen sollten.

Journalisten von Rivalen abgeworben

Das Projekt lockte auch zahlreiche Journalisten von Rivalen an. Etwa Frank Brandmaier (43). Der langjährige US-Korrespondent der dpa übernahm im Frühjahr die Position des stellvertretenden Leiters der Redaktion, um den Ausbau der internationalen Berichterstattung voranzutreiben. 23 Jahre lang hatte Brandmaier für die Konkurrenz gearbeitet. Darüber hinaus verstärkte die dapd die Sportberichterstattung mit zahlreichen Redakteuren des Sport-Informations-Dienstes (SID).

Frei von Rückschlägen war das Projekt trotz der hehren Ziele nicht. So litt zeitweise die Glaubwürdigkeit der Agentur – und damit ihr höchste Gut. Im Oktober 2010 hatte sich die dapd mit der Falschmeldung blamiert, der schwäbische Schraubenkonzern Würth verlege seinen Unternehmenssitz aus Steuergründen in die Schweiz. Wenig später vermeldete ausgerechnet der Erzrivale dpa das peinliche Dementi.

Konkurrenz aufgeweckt

Die Konkurrenz hat die dapd allerdings wachgerüttelt. Der Rivale dpa arbeitet derzeit auf Hochtouren daran, sich zu erneuern. Vor zwei Jahren verlegte dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner die auf die Standorte Hamburg, Frankfurt und Berlin verteilten Redaktionen in die Hauptstadt.

Dabei konnten auch zahlreiche teure Altverträge aufgelöst und Journalisten zu neuen Konditionen eingestellt werden. Seit dem vergangenen Jahr verdient die dpa wieder Geld – trotz eines um sieben Prozent gesunkenen Umsatzes.

Wie hart der Wettbewerb der beiden Agenturen war, zeigen die zahlreichen Gerichtsverfahren, die sie gegeneinander anstrengten. So versuchte die dpa etwa, dem Rivalen den Namen zu verbieten.

Die dapd hingegen scheiterte damit, die Fünfjahresverträge des Wettbewerbers wegen ihrer langen Laufzeit als sittenwidrig erklären zu lassen. Es sind nur zwei von zahlreichen juristischen Querelen, die teils bis in die letzte Instanz ausgefochten wurden.

Ziele der Investoren umstritten

Der Konfrontationskurs war zum großen Teil auch erfolgreich. So schaffte es die dapd, ein Ausschreibungsverfahren des Auswärtigen Amts zu erzwingen – das schließlich die junge Agentur selbst gewann. Und die dapd übte auch erfolgreich Druck auf das Bundespresseamt aus. So stockte die dem Kanzleramt zugeordnete Behörde das dapd-Budget um eine Million auf 1,6 Millionen Euro auf.

Dass sich die beiden Profi-Investoren Löw und Vorderwülbecke in der deutschen Medienlandschaft derart ins Zeug legten, überraschte viele. Im Nachrichtengeschäft sind die Gewinnspannen vergleichsweise niedrig. Was wollten sie damit erreichen? Ruhm, hilfreiche politische Kontakte? Sie stritten das stets ab. "Wir betrachten es als Dienst am Gemeinwesen, eine zweite Vollagentur neben dem Konkurrenten dpa zu unterhalten, auch wenn wir kein Geld damit verdienen wollen", erklärte Löw einst gegenüber der Zeitschrift "Euro".

Ursache der Pleite unklar

Wie es allerdings zur Pleite kommen konnte, das werden sie noch gut erklären müssen. Bis zuletzt hatten sie die Lage der dapd noch in warmen Worten beschrieben. "Die Gesellschaft (zuvor ddp) ist seit 2008 profitabel und vollständig schuldenfrei", erklärte die dapd noch Anfang Januar. Investor Löw gab das Ziel aus, den Umsatz von 31,7 Millionen Euro auf 50 Millionen Euro im laufenden Jahr steigern zu wollen.

Davon ist jetzt freilich keine Rede mehr. Das Frankreichgeschäft der dapd dürfte jedoch weiter intakt sein. Auf dem französischen Markt hatte sich die Agentur in den vergangenen Monaten verstärkt. Nachdem sie bereits die Fotoagentur Sipa übernommen hatte, folgte Diora News, eine Agentur für Internetinhalte.

Konkurrenz in Frankreich

Im Juli machte die dapd die Übernahme von AP France perfekt. Im Verbund sollen die Unternehmen dem französischen Platzhirschen, der Agence France-Presse (AFP), harte Konkurrenz machen – ein Vorhaben, das die dapd mit einer Beschwerde bei der Europäischen Kommission wegen vermeintlicher Staatshilfen für die AFP einleitete.

Den Betrieb wird die dapd einstweilen nicht einstellen. Und auch das Ende der Nachrichtenagentur ist keine beschlossene Sache. Die Gesellschaft möchte von einem neuen Insolvenzrecht Gebrauch machen und die Insolvenz in Eigenverwaltung abwickeln.

Vorderwülbecke erklärte, das neue Recht biete Chancen, die dapd nutzen werde, um für die Unternehmen und ihre Mitarbeiter zukunftsfähige Lösungen zu finden. Es ändert aber nichts daran: Die dapd ist nur drei Jahre nach der Insolvenz der ddp erneut ein Sanierungsfall.

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