26.09.12

Einrichtung

Berliner Google-Büro sieht aus wie eine Kita

Mit seinem Berliner Büro setzt Google jetzt Maßstäbe als Suchmaschine eigener Identität. Mit Spielzeugtrabbis und Kreidewänden.

Foto: Google

Internet-Konzern Google hat Unter den Linden in Berlin sein neues Büro eröffnet.

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In der Psychoanalyse symbolisieren Räumen und Häuser, wenn sie in Träumen auftauchen, das Selbst im Ich-Verständnis. Passt die äußere Erscheinung des Hauses nicht mit den Räumen zusammen, sprechen einige Traumdeuter von einer Disharmonie zwischen dem Kern der Person und der nach Außen kommunizierten Persona. Bei Google ist es umgekehrt, dort verrät die umbaute Hülle ihrer neuen Berliner Räume mehr über das Wesen der Internet-Suchmaschine als die bunten Innenräume. Die Adresse "Unter den Linden 14" gehört zu den besten der Stadt, ja des Landes und befindet sich genau in der Mitte zwischen zu dem errichtenden Stadtschloss und dem Brandenburger Tor.

Von außen fügt sich das Haus mit seiner noblen Strenge in die neupreußische Bedeutungshuberei, mit der dieser Boulevard gerade rekonstruiert wird. Das Berliner Architektenpaar Kahlfeldt hat einen "Teppich" aus Tauerngrün und italienischem Marmor Statuario entworfen, der von einem Fries aus Muschelkalk gefasst wird. In den Schaufenstern prunken die neuesten Modelle von Mercedes und im Restaurant "Daimlers" ein Vitallunch mit Penne, Gorgonzola-Sahne-Sauce und Spinat für die drahtigen Angestellten in Berlins Mitte, die sich zwischen zwei Terminen mit kalorienarmer Energie versorgen wollen. Die Mitarbeiter von Google bekommen an diesem Mittwoch Pizza. Vegetarische, eine mit Schinken, eine mit Salami, dazu Fanta Zero, Bionade oder einfach nur stilles Wasser in einer dieser zeitgenössischen Kantinen, die mit ihrem bunten Farbenspiel nur schwer zu unterscheiden sind von den Essensräumen einer solide finanzierten Kita.

Infantilisierung der Arbeitswelt

Der Biedermeier der digitalen Welt ist geprägt von den kulturellen und lebensweltlichen Horizonten der Geeks und Nerds, denen diese, unsere Welt so unermesslichen Fortschritt und eine beispiellos gut informierte, bestens vernetzte Mitwelt verdankt. Sozialisiert im Schatten ihrer Spielkonsolen und Science-Fiction-Kostümen haben sich die meisten New-Media-Konzernherren entschieden, die Infantilisierung der Arbeitswelt nicht nur mitzumachen, sondern überzuerfüllen. Hat man es erst mal hinter die einschüchternden Säulen geschafft und durch das hoch aufragende Entree des Hauses, die hyperhistoristischen Fahrstuhltüren und den noblen Vorraum, betritt man jene Räume, die Google im Zentrum der Berliner Republik aufschlägt.

Deutschland ist für Google nach den USA und Großbritannien der drittwichtigste Markt der Welt. Mit 95 Prozent Marktanteil ist Google hierzulande eine Art Monopolist. Darauf soll, darf und kann in den neuen Büros aber nichts hinweisen, stattdessen gibt es Lavalampen, Spielzeugtrabbis, Spielekonsolen, loungige Sofas und Kreidewände, auf denen sich Gäste und Mitarbeiter mit allerlei Niedlichkeiten zumindest kurzfristig verewigen dürfen. Auf 1200 Quadratmetern hat Google Platz für 25 Mitarbeiter geschaffen, Presseleute, Anzeigenvertrieb und politische Lobbyisten.

Zwischen all den Turnschuh- und T-Shirt-Trägern fallen am Tag der lang erwarteten Einweihungsparty der junge Mann in dem tadellos sitzenden schwarzen Anzug und die zierlich elegante Frau in dem schwarzen Business-Kostüm auf. Es ist Annette Kroeber-Riel, die Leiterin des Berliner Büros. Am Auftreten und ihrer messerscharfen Diktion perlt das juvenile Make-up der Innenarchitektur ab. Sie macht mit wenigen Worten klar, dass der optische Ringelpietz für sie nicht notwendig wäre. Das sagt sie natürlich nicht, muss sie auch gar nicht. Das ist vollkommen evident. Zwischen den aus Karrieregründen zum Berufsjugendlichsein Verdammten umgibt den unkostümierten Erwachsenen – über die der "Spiegel" gerade empört berichtete – eine Aura der Ernsthaftigkeit, die zur medialen, wirtschaftlichen und ja auch politischen Macht dieses Unternehmens passt. Und selbstverständlich auch zum Überernst der Architektur.

Die unzähligen Konferenzräume tragen die Namen berühmter Berliner Clubs. Das heißt, die Angestellten verrichten ihr Tagwerk in der "Panorama Bar", dem "Cookies" oder dem "Weekend". Damit, so erklärt der reizende 47 Jahre alte Leiter Politische PR mit den modischen Turnschuhen, werde die globale Corporate Identity des Milliardenkonzerns auf den jeweiligen Standort des Büros regionalisiert. Deshalb auch die Spielzeug-Trabbis und die Berliner-Doppeldeckerbusse, natürlich auch als Spielzeug. Selten wird Entfremdung so greifbar wie in jenen Versuchen, diese unüberwindbare Distanz zwischen kindlicher Freude an der hippen Selbstausbeutung und dem davon profitierenden Konzernzielen zu tilgen.

Ikea und Freizeitheim der Piraten

Was wie ein Mischung aus Ikea-Bürowelt und Freizeitheim der Piraten daherkommt, ist einer jener Kriegsschauplätze, auf denen über die Informations- und Vergütungsroutinen der Zukunft entschieden wird. In der deutlich größeren Vertriebszentrale in Hamburg sind die 400 Angestellten auf sechs Ebenen ebenso heiter arrangiert. Geht es um Transport, sehen die Büros aus wie Flugzeugkabinen oder U-Bahn-Waggons, geht es um Marketing, tragen die Konferenzräume die Namen von Getränken oder Hamburger Fußballvereinen. Kaum etwas unterstreicht Herrschaftsansprüche unerbittlicher als der Humor von Konzernspitzen, die den Angestellten gute Laune nahelegen.

Googles neues Büro passt gut nach Berlin und noch besser in dessen sich gerade formierende Mitte, die bis vor kurzem noch in den Händen avantgardistischer Clubbetreiber und feierlauniger Lebenskünstler war. Die werden nun Stück für Stück durch etablierte Angestelltenmillieus vertrieben, die am Feierabend als "Mitte-Boheme" verkleidet Nachtlebenveteranen an den Rande des Wahnsinns treiben. Am Mittwochabend fand die lang erwartete Einweihungsparty statt, und wie zu erwarten war Google klug beraten. Man hat einen der routiniertesten und stilsichersten Nachtleben-Impressarios wie Heinz Gindullis, genannt "Cookie", gebeten, seinen Club in den größten Konferenzraum des Büros zu verlegen. Dort sollte er mit DJ und Wodka-Tonics den Graben zwischen der freien Welt exzessiven Feierns und dem Kosmos normierter Extravaganz zumindest für eine Nacht einreißen. Die 25 Quadratmeter große Tanzfläche bietet einen spektakulären Blick auf den wegen Bauarbeiten gerade von Linden befreiten Prachtboulevard.

In der breit geführten Diskussion um Verdienste und Verfehlungen von Google hat sich ein ziemlich deutscher Hang zur Überzeichnung eingeschliffen. Auf der einen Seite Futuristen, die die vergoogelte Realität verklären, auf der anderen Seite die ängstlichen Vorbehalte unzähliger Kulturpessimisten, die den Verlust alter Kulturtechniken fürchten. Beiden Lager wäre ein Besuch des Büros zu empfehlen. Er würde sie beruhigen. Die Banalität der Google-Räume, ihre schon heute vollkommen überholte Formen- und Farbensprache verdeutlicht, wie sehr diese Firma erst am Anfang einer Selbstreflexion steht. Unbeholfen, fast ein wenig verklemmt stellt sich ein Global Leader hier im postmodernen Clownskostüm auf die große Bühne der Berliner Republik und tut so, als wolle er nur spielen.

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