26.09.12

EADS und BAE

Die Operation Megafusion steht auf der Kippe

Die Fusionspläne der Rüstungskonzerne EADS und BAE Systems kommen kaum voran. Gleich mehrere Regierungen haben Bedenken gegen den Zusammenschluss. Das sind die Positionen der Akteure.

Foto: AFP

Ein Eurocopter landet auf dem Flughafen Schönefeld: EADS will sich mit dem britischen BAE-Konzern zusammenschließen
Ein Eurocopter landet auf dem Flughafen Schönefeld: EADS will sich mit dem britischen BAE-Konzern zusammenschließen

Es wird am Ende doch mühsam für Tom Enders. Wenn am Mittwoch der Tagesordnungspunkt 5 aufgerufen wird, dann wird der Chef des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS vor den Wirtschaftsausschuss des Deutschen Bundestags treten. Enders wird dann für den Zusammenschluss von EADS und dem britischen Rüstungsriesen BAE Systems zu einem der größten Waffenkonzerne der Welt werben.

Solche Diskussionen rauben Zeit. Dabei hatte Enders eigentlich immer stark auf das Tempo gedrückt. So startete er unmittelbar nach seinem Amtsantritt im Juni die Fusionsgespräche mit BAE-Chef Ian King. Der Hintergrund für die Eile: Wegen der Bundestagswahl im kommenden Jahr dürfte Enders nur ein schmales Zeitfenster gesehen haben, um die Fusion erfolgreich über die Bühne zu bringen. Doch das Projekt geht nicht so schnell voran wie geplant. Seitdem die Fusionsgespräche vor zwei Wochen bekannt geworden waren, wird kontrovers diskutiert. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und Großbritannien wird gefragt, welche Auswirkungen dieser Zusammenschluss auf die nationalen Industrie- und Verteidigungsinteressen hätte. Die Fusion steht offenbar auf der Kippe.

Die Entwicklung setzt auch Enders persönlich unter Druck. Der 53-Jährige schätzt eigentlich Alles-oder-nichts-Momente. Er ist ein begeisterter Fallschirmspringer. Doch für ihn steht diesmal viel auf dem Spiel. Sollte die Fusion scheitern, stünde er beschädigt da. Und das nach nur wenig mehr als 100 Tagen im Amt.

Bis es zu einer Fusion kommen kann, werden sich noch viele Parteien einigen müssen. Derzeit scheint vor allem die Politik das Tempo vorzugeben. Wie es heißt, werden die Verteidigungsminister aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien am Mittwoch und Donnerstag am Rande eines EU-Ministertreffens in Zypern über die Frage beraten. Die Berliner Morgenpost hat die verschiedenen Positionen zusammengetragen.

EADS: weltweit mehr Schlagkraft

EADS sieht in der Fusion mit BAE Systems große Chancen. "BAE Systems bietet Kernkompetenzen, die unser Portfolio und unsere regionale Marktbasis passgenau ergänzen", schrieb EADS-Konzernchef Tom Enders vor wenigen Tagen an die 133.000 Mitarbeiter. EADS plant schon länger, das Rüstungsgeschäft deutlich auszubauen. Zwar boomt der zivile Flugzeugbauer, doch er ist kapitalintensiv und wirft nicht so hohe Gewinnspannen ab. Ein stärkeres Rüstungsgeschäft soll die Schwächen ausgleichen.

EADS verspricht sich von einer Partnerschaft mehr Schlagkraft im internationalen Geschäft. Angesichts der sinkenden Verteidigungsbudgets in Europa möchte Enders die Waffenexporte steigern. Gemeinsam mit BAE Systems soll EADS auf dem US-Rüstungsmarkt Fuß fassen sowie schlagkräftiger in Ländern wie Indien und Brasilien sowie den Golfstaaten auftreten. EADS wäre in dieser fusionierten Gesellschaft der starke Partner.

Mit der Fusion möchte Enders auch EADS aus der staatlichen Umklammerung befreien. Derzeit wird das Unternehmen durch einen Pakt deutscher und französischer Investoren dominiert, der beiden Seiten weitgehende Mitspracherechte sichert. Enders kritisiert, das hemme die Entwicklung des Unternehmens. Enders möchte, dass dieser Aktionärspakt aufgelöst wird und sich die Regierungen in Berlin und Paris mit Vetorechten gegen neue Großinvestoren begnügen.

Deutschland: Wahrung der Balance

Die Liste mit den Bedenken der Bundesregierung ist lang. Sie finden sich in einem Bericht des Wirtschaftsministeriums an den Wirtschaftsausschuss des Bundestags und zeugen vor allem von einem: der Angst, über den Tisch gezogen zu werden. Ein Beispiel: Für das zivile Geschäft soll der Firmensitz im französischen Toulouse sein, für das Militärgeschäft in London. "Unklar, welche Verantwortlichkeiten in DEU angesiedelt werden", heißt es dazu in dem Papier.

Bisher achtete die Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel penibel auf die Wahrung der deutsch-französischen Balance. Auch in einem neuen Großkonzern EADS/BAE will man eine solche "Symmetrie" beibehalten. Will heißen: Wenn die Franzosen ihren EADS-Anteil von 15 Prozent behalten, der im fusionierten Konzern auf neun Prozent schmelzen würde, wollen die Deutschen mit dem gleichen Gewicht vertreten sein.

Deutschland wird wohl nur seine Zustimmung geben, wenn die Kräfteverhältnisse ausbalanciert sind, man Mitspracherechte und Standortgarantien bekommt. Wenn EADS und die Briten den Staatseinfluss begrenzen wollen, müssten sich die Franzosen also bereit erklären, mit den Deutschen ihre Anteile zu reduzieren. In Berlin wird aber noch eine grundsätzlichere Frage diskutiert: Wie sinnvoll ist es, den neuen Rüstungskonzern zu formen? Die deutsche Politik war bisher ganz zufrieden mit der Entwicklung von EADS, vor allem mit der zivilen Airbus-Sparte.

Großbritannien: Sorge vor den Partnern

Die Fusion ist in Großbritannien umstritten. BAE Systems könne zu sehr unter den Einfluss von Frankreich und Deutschland fallen, wird gefürchtet. Abgeordnete warnen vor einem Ausverkauf der britischen Verteidigungsindustrie. "Wir müssen sicherstellen, dass die britischen Interessen gewahrt werden", erklärt die Regierung.

Premierminister David Cameron telefonierte in den vergangenen Tagen sowohl mit Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch mit Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande. Wie es heißt, möchte Cameron der Fusion nicht zustimmen, sollten Deutschland und Frankreich gemeinsam deutlich mehr als zehn Prozent an dem neuen Unternehmen halten. Damit erklärt er deutschen Plänen, über die Bankengruppe Kfw derzeit von Daimler gehaltene Aktien zu kaufen, eine klare Absage. Darüber hinaus besteht die britische Regierung darauf, dass etwa Atomwaffenprojekte weiterhin unter nationaler Kontrolle bleiben.

Auch das britische Parlament stellt die Fusionspläne auf den Prüfstand. Der einflussreiche Verteidigungsausschuss kündigte umfangreiche Beratungen an. Es soll in Anhörungen geprüft werden, welchen Einfluss die Fusion auf britische Verteidigungsinteressen, Waffenexporte, die engen Beziehungen zu den USA sowie auf Jobs und Standorte hätte. BAE beschäftigt 35.000 Mitarbeiter in Großbritannien, EADS 15.000. Die Untersuchung soll im Herbst stattfinden.

BAE Systems: Hoffen auf das zivile Geschäft

Der britische Rüstungsmanager Ian King ficht aktuell einen harten Rückzugskampf aus. Die Verteidigungsbudgets befinden sich in Europa und in den USA unter Druck. Regierungsaufträge brechen weg, und in den USA werden weitere Sparrunden diskutiert. Das trifft BAE Systems hart. Das Unternehmen ist immerhin die weltweit zweitgrößte Waffenschmiede, direkt nach dem US-Wettbewerber Lockheed Martin.

Es rächt sich nun, dass sich das Unternehmen in der Vergangenheit – etwa durch den Verkauf eines Airbus-Anteils von 20 Prozent vor sechs Jahren – so stark auf das Militärgeschäft konzentrierte. Diese Fehler sollen jetzt offenbar korrigiert werden. So wird immer wieder diskutiert, ob BAE Systems nicht eine Partnerschaft mit dem britischen Triebwerkhersteller Rolls Royce anstreben soll.

King bleibt derzeit nämlich wenig übrig, als sich auf Kostenkürzungen zu konzentrieren, um die hohen Gewinnmargen zu halten. Im vergangenen Jahr etwa hatte er bereits die Streichung von 3000 Stellen in Großbritannien eingeleitet – ein Schritt, der ihm zwar Kritik von Gewerkschaften und der Politik einbrachte, doch von Investoren gutgeheißen wird.

Mit EADS hätte BAE System nicht nur einen finanzstarken Partner im Rücken. Das Unternehmen könnte zudem auch das Repertoire um mehrere zivile Sicherheitslösungen erweitern. EADS etwa ist stark im Bau von Anlagen zum sicheren Funkverkehr.

Frankreich: Angst vor Verlust des Einflusses

Die französische Regierung unter Staatschef Francois Hollande gibt sich hinsichtlich der geplanten Fusion bisher auffällig zurückhaltend, obwohl sie sich bei anderen Industrie-Themen stets lautstark zu Wort meldet. Am deutlichsten wurde Europaminister Bernard Cazeneuve. Es gelte, bei einem Zusammenschluss sehr viele technische Hürden im Hinblick auf strategische Partnerschaften mit nicht-europäischen Gruppen zu überwinden, erklärte er.

Frankreich hält 15 Prozent an EADS und fürchtet, seinen Einfluss verlieren zu können. Komplett aus dem Kapital auszusteigen und sich mit einer "goldenen Aktie" zu begnügen, scheint deshalb für die Regierung nicht in Frage zu kommen, auch wenn der Zusammenschluss den Anteil Frankreichs auf neun Prozent verwässern würde. Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian möchte eigentlich die europäische Konsolidierung der Rüstungsbranche vorantreiben. Doch er steht vor dem Dilemma, dass der französische Staat die alleinige Aufsicht über den Bau der Atomraketen M51 bei EADS Astrium behalten will.

Zudem würde die Fusion den Rüstungselektronikkonzern Thales, den Flugzeugbauer Dassault Aviation und den Militärschiffbauer DCNS schwächen, an denen der Staat ebenfalls beteiligt ist. Paris will deshalb mehr Zeit. Vor einer Fusion müssten noch zu viele Knoten gelöst werden, als dass es klappe, zitiert "Le Monde" das Regierungsumfeld. Paris sei deshalb nicht allzu optimistisch.

USA: Furcht vor Kontinentaleuropa

An den USA könnte die große Rüstungsfusion in Europa scheitern. Die Amerikaner treiben vor allem Sicherheitsbedenken um. Ihre Sorgen: Sollten die deutsche und französische Regierung an ihren Staatsanteilen nach einer Fusion festhalten, stünde der neue Rüstungsriese womöglich zu stark unter kontinentaleuropäischem Einfluss. Die US-Regierung unter Präsident Barack Obama könnte deshalb womöglich der britischen BAE in den USA Aufträge entziehen Die USA ist für BAE aber ein extrem wichtiger Markt. Der britische Konzern macht in den USA 14 Milliarden Dollar Umsatz und beschäftigt 40.000 Mitarbeiter.

BAE will daher der Fusion nicht zustimmen, wenn die politischen Rahmenbedingungen das gute Verhältnis zum US-Verteidigungsministerium belasteten, berichtete die "Financial Times". "BAE wird diesen Deal nicht mittragen, wenn sein spezielles Sicherheitsabkommen geändert und stärker an das von EADS angepasst werden müsste", zitierte die Zeitung unternehmensnahe Kreise.

Das Abkommen von EADS mit dem Pentagon ist deutlich strikter als das von BAE. Doch gerade dieser vergleichsweise große Handlungsspielraum habe BAE das gut laufende US-Geschäft erst ermöglicht. Berichten zufolge planen EADS und BAE Zugeständnisse: Um Bedenken auszuräumen, hätten sie die Gründung Rüstungsunternehmens in den USA vorgeschlagen.

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    Flugzeuge, Raketen, Elektronik

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    Flugzeuge, Elektronik, Raketen, Schiffe

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    Artillerie, Elektronik, Fahrzeuge, Munition

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    74 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 6. Raytheon, USA

    Elektronik, Raketen

    Umsatz in Mrd. Dollar: 22,98

    91 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 7. BAE Systems Inc, US-Tochter

    Artillerie, Elektronik, Fahrzeuge

    Umsatz in Mrd. Dollar: 17,90

    100 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 8. EADS, Europa

    Flugzeuge, Elektronik, Raketen

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    27 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 9. Finmeccanica, Italien

    Flugzeuge, Raketen, Artillerie, Elektronik

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    58 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 10. L-3 Communications, USA

    Elektronik

    Umsatz in Mrd. Dollar: 13,07

    83 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

    (Quelle: Friedensforschungsinstitut Sipri, Stockholm; Stand: 2010, dpa)

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