20.09.12

Pharma

Berlins Bayer-Mitarbeiter fürchten um den Standort

300 Forschungsstellen sollen weg aus Berlin - für die Gewerkschaft ein Abbau mit hoher Symbolwirkung. Sie fordert nun ein "Gesamtkonzept".

Von Hans Evert
Foto: DAPD

Bayer will 300 Stellen in Berlin streichen
Bayer will 300 Stellen in Berlin streichen

Über Zahlen lässt sich trefflich streiten. Zum darüber, wie viele Forscher am Bayer-Standort Berlin tätig sind. Folgt man dem Betriebsrat, sind es 1350 von rund 4500 Beschäftigten. Wenn nun, wie vom Unternehmen geplant, 300 Berliner Stellen in der chemisch-pharmazeutischen Entwicklung wegfallen, würden nach Betriebsratszählung nur noch rund ein Viertel der Arbeitsplätze im Wedding von Forschern besetzt. Die Unternehmensspitze um Pharma-Chef Andreas Fibig rechnet anders. Sie zählt 2000 Bayer-Mitarbeiter in Berlin zu den Forschern und Entwicklern.

Auf den ersten Blick mutet das wie ein kleinkarierter Streit an, hat dennoch aber hohe Bedeutung. An der Zahl der Stellen für Forschungsspezialisten lässt sich Bedeutung und Potenzial eines Pharmastandortes ablesen. Eine Produktion samt ihrer Anlagen und Mitarbeiter ist für ein Unternehmen viel mehr Verfügungsmasse. Forschung liefert die Produkte der Zukunft, Entwickler definieren die Wachstumschancen der Zukunft. Ein Konzernstandort mit intensiver und umfangreicher Forschung hat einen hohen Status – das gilt für Bayer wie für jeden anderen Pharmakonzern. Arbeitsplätze an einem solchen Standort sind auf Dauer sicher. In Berlin beschleicht viele Bayer-Mitarbeiter die Furcht, bald schon verzichtbar zu sein.

Die Stimmung im Berliner Bayer-Reich ist schlecht

Auf dem ehemaligen Schering-Gelände sorgen sie sich um ihre Bedeutung im Bayer-Reich. Das wird von Leverkusen aus regiert. Von dort ist stets zu hören, wie bedeutsam Berlin sei. Auch Bayer-Pharma-Chef Fibig bekräftigte das am Dienstag im Interview mit der Morgenpost. Doch die Stimmung ist schlecht. "Die Mitarbeiter waren geschockt. Und den Beteuerungen glauben sie nicht mehr", sagt Oliver Heinrich von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IGBCE). Er war dabei, als das Management am Dienstag erst den Betriebsräten und danach den Mitarbeitern die Pläne vorstellte. "In allen Abteilungen, ob Produktion oder Forschung, fragen sich die Mitarbeiter: 'Wer ist als nächstes dran'."

Der Stellenabbau hat Heinrich zufolge hohe Symbolwirkung. Betriebsrat und Gewerkschaft wollen dem Unternehmen in den kommenden Gesprächen ein "Gesamtkonzept" für Berlin entlocken. An einem solchen Konzept haben in Berlin noch viel mehr Leute ein Interesse, etwa der Senat und Wirtschaftsverbände wie die Industrie- und Handelskammer.

Großes Potential der Berliner Gesundheitswirtschaft

Die Gesundheitswirtschaft – also Pharmaunternehmen, Krankenhäuser und Medizintechnikfirmen – gilt als jene Branche, die in Berlin besonders hohes Potenzial hat. Es gibt ein "Cluster Gesundheitswirtschaft" in Berlin, neue und bestehende Firmen sollen in besonderen Maße gefördert werden. Das Bayer-Werk im Wedding gilt als wichtigste Säule dieses Clusters neben der Charité. "Neben Bayer betreibt noch Berlin Chemie in nennenswertem Umfang Pharmaforschung", sagt Heinrich. Er zweifelt am Cluster, wenn nun weitere Stellen in der Bayer-Forschung wegfallen.

Diese Zweifel gibt es längst auch in der Politik. Zwar lautet die offizielle Sprachregelung, dass man den Beteuerungen Bayers glaube, nach denen Berlin ein bedeutsamer Standort sei. Jedoch hat man längst erkannt, dass Bayer-Vorstandschef Marijn Dekkers, Berlin ziemlich egal ist. Unter seiner Ägide wurden Pläne beerdigt, die vorsahen, das Schering-Gelände aufwendig umzubauen.

Berliner Hoffnungen ruhen auf dem neuen Bayer-Aufsichtsratschef Werner Wenning. Ihm wird eine hohe Affinität zur Hauptstadt nachgesagt. Als Bayer-Vorstandschef hatte er die Schering-Übernahme verantwortet.

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