17.09.12

Luftverkehr

Spanien will gegen Billigflieger Ryanair vorgehen

Zu wenig Sprit an Bord, defekte Motoren, abgewiesene Babys: Der Billigflieger Ryanair fällt derzeit vor allem wegen zahlreicher Pannen auf.

Foto: dpa

Nicht ganz entspannt Ryanair-Chef Michael O’Leary hat derzeit nicht viel zu Lachen
Nicht ganz entspannt Ryanair-Chef Michael O'Leary hat derzeit nicht viel zu Lachen

Ryanair-Chef Michael O'Leary ist für seine skurrilen Auftritte bekannt. In Spanien erscheint er zum Beispiel gern in Torero-Verkleidung, oder er mimt den Clown und präsentiert einen Kalender mit knapp bekleideten Stewardessen. Doch den Spaniern ist inzwischen das Lachen vergangen. Allzu sehr haben sich in den letzten Wochen die Zwischenfälle beim irischen Billigflieger gehäuft. Die Regierung will die Maschinen von Ryan air jetzt schärfer kontrollieren. Da die irische Fluglinie in Spanien viel unterwegs sei, müssten die spanischen Behörden berechtigt sein, "intensivere Inspektionen" vorzunehmen, sagte Infrastrukturstaatsminister Rafael Catalá. Zuletzt waren am Wochenende zwei Flüge wegen technischer Probleme umgeleitet worden.

Das Verkehrsministerium in Madrid bat inzwischen den EU-Verkehrskommissar Siim Kallas und die irischen Luftfahrtbehörden schriftlich um ein Treffen. Dabei soll es um mehr Kontrollbefugnisse einzelner Länder gegenüber ausländischen Fluggesellschaften gehen, die in dem jeweiligen Staat sehr viele Flügen anbieten. Zudem will Spanien sich für höhere Strafen einsetzen, wenn eine Fluggesellschaft die Passagierrechte missachtet. Auch das richtet sich gegen Ryanair.

Am Sonnabend war eine Ryanair-Maschine auf dem Weg von Bristol nach Reus im Nordosten Spaniens nach Angaben der Fluggesellschaft wegen eines "möglichen Triebwerkproblems" auf einem Flughafen bei Barcelona gelandet, 100 Kilometer vor dem Ziel. Die Landung sei "normal" verlaufen, meldete Ryanair. Am Sonntag musste dann eine Maschine aus Paris auf dem Weg nach Teneriffa in Madrid außerplanmäßig zwischenlanden. Es habe ein "kleines technisches Problem" gegeben, berichtete Ryanair, ohne nähere Angaben zu machen. In Madrid sei das Flugzeug dann untersucht worden. Mit zwei Stunden Verspätung seien die etwa 160 Fluggäste dann auf Teneriffa gelandet.

1200 Zwischenfälle im ersten Halbjahr

Der spanische Flughafenbetreiber Aena hat in jüngster Zeit mehrere Zwischenfälle auf Ryanair-Flügen gemeldet. Derzeit ermitteln die spanischen Behörden vor allem wegen drei Notlandungen Ende Juli, die Ryanair wegen Treibstoffmangels beantragen mussten.

Nach einem internen Bericht des Transportministeriums kam es im ersten Halbjahr zu 1200 Zwischenfällen bei Ryanair, meistens im Umgang mit den Passagieren und in Sachen Flugsicherheit. So wies Ryanair Babys ab, wenn sie keinen Reisepass hatten. Nach spanischem Recht ist das Familienbuch als Ausweis aber zulässig. Auch Polizisten, die auf innerspanischen Flügen mit ihrer regulären Dienstwaffe unterwegs waren, wurde der Zutritt verweigert.

Ryanair-Chef Michael O'Leary hatte sich vor knapp einer Woche in einem offenen Brief an die spanische Verkehrsministerin Ana Pastor gewandt. Darin schrieb er, dass es auch bei den spanischen Fluggesellschaften wie Iberia oder Vueling verglichen mit der Zahl ihrer Flüge "dasselbe Ausmaß an Routinevorfällen" gebe. Aber auch sie böten "genau die exzellente Flugsicherheit" wie Ryanair.

Über Bußgeld und Sanktionen in Spanien macht sich O'Leary nur lustig. "Ich bin nur den irischen Behörden Rechenschaft schuldig." 2011 hatte das spanische Transportministerium wegen der Zwischenfälle 1,2 Millionen Euro Bußgelder verhängt. Das ist vergleichsweise wenig gegenüber den 50 Millionen Euro, die die Iren bislang an Subventionen aus Spanien kassiert haben sollen.

Deutsche Pilotenvereinigung kritisiert Airline

O'Leary hat bislang keinen Cent gezahlt. Er droht regelmäßig damit, die Routen nach Spanien zu streichen. Dass allerdings würde der heimischen Tourismusindustrie schwer schaden. Ryanair ist die größte Fluglinie auf der Iberischen Halbinsel und hat den Platzhirsch Iberia längst abgehängt. In den ersten acht Monaten beförderte Ryanair allein in Spanien mehr als 24,7 Millionen Passagiere, mehr als doppelt so viel wie Lufthansa und Air Berlin zusammen.

2004 sind die Iren erstmals in Spanien gelandet und haben den Sektor völlig umgekrempelt. Nicht einmal die ehemalige Staatsgesellschaft Iberia bietet auf den innereuropäischen Flügen in der Touristenklasse noch kostenlose Getränke oder Snacks an. Andere Fluglinien wie Air Europa oder Vueling versuchen, den Iren nachzueifern und kassieren extra für jede Dienstleistung, egal ob Platzreservierung oder Gepäckaufgabe.

"Die Politik des extrem knappen Kerosins geht zu Lasten der anderen Fluggesellschaften, die längere Warteschleifen fliegen müssen, um den Iren den Vortritt zu lassen", sagte ein Sprecher der spanischen Pilotengewerkschaft Sepla. Auch die deutsche Pilotenvereinigung Cockpit findet klare Worte zu Ryanairs Kerosin-Rationierung. "Bei Ryanair ist es Praxis, Listen auszuhängen, auf denen die Piloten in der Reihenfolge ihres Treibstoffverbrauchs aufgelistet werden. Die 20 Prozent mit dem geringsten Verbrauch erhalten ein Belobigungsschreiben und die 20 Prozent mit dem höchsten Verbrauch eine Aufforderung, sich an die festgelegten Verfahren zu halten. So wird psychologisch Druck ausgeübt", sagte Jörg Handwerg, Sprecher der Gewerkschaft Cockpit dem Flughafenmagazin "Airportzentrale". Piloten in Europa müssen den Tower um eine Landegenehmigung bitten, wenn sie nur noch für maximal 30 Minuten Flugzeit Kerosin im Tank haben.

O'Leary streitet alles ab

O'Leary streitet die Vorwürfe vehement ab, den Sprit zu rationieren. Er erfülle alle europäischen Vorschriften. Was in Spanien ablaufe, sei eine Hetzkampagne gegen seine Fluggesellschaft. In ihren 20 Jahren Flugbetrieb sei noch keine einzige Ryanair-Maschine verunglückt, sagte der 51-Jährige.

Doch die Iren kommen nicht aus den Negativschlagzeilen. Anfang September gab es weitere Zwischenfälle, diesmal sogar mit Verletzten. Ein Ferienflieger mit Kurs auf die Kanaren musste nach einem plötzlichen Druckabfall nach Madrid zurückkehren. Mehrere Passagiere klagten über Blut in den Ohren und mussten am Boden medizinisch behandelt werden. Ein weiteres Flugzeug aus Düsseldorf landete nach schweren Turbulenzen in Palma de Mallorca. Drei Passagiere waren leicht verletzt.

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