17.09.12

Luftverkehr

1200 Zwischenfälle – Ryanair macht weiter

Wenig Sprit an Bord, defekte Motoren, abgewiesene Babys: In Spanien hat sich der Billigflieger Ryanair allein im ersten Halbjahr 1200 verbriefte Zwischenfälle geleistet. Nun gibt es Widerstand.

Foto: REUTERS

Ryaniar-Chef Michael O’Leary hat bislang in Spanien vor allem durch seine Faxen Aufsehen erregt. Nach der Häufung von technischen Problemen finden viele das gar nicht mehr lustig
Ryaniar-Chef Michael O'Leary hat bislang in Spanien vor allem durch seine Faxen Aufsehen erregt. Nach der Häufung von technischen Problemen finden viele das gar nicht mehr lustig

Ryanair-Chef Michael O'Leary ist in Spanien für seine skurrilen Auftritte bekannt. Mal erscheint er in To­rero-Ver­klei­dung, mal mimt er den Clown und präsentiert eine Kalender mit knapp bekleideten Stewardessen. Doch den Spaniern ist inzwischen das Lachen vergangen. Allzu sehr haben sich in den letzten Wochen die Zwischenfälle beim irischen Billigflieger gehäuft.

Erst am Wochenende mussten zwei Ryanair-Flugzeuge in Spanien notlanden. Eine Maschine, die in Frankreich gestartet war, musste auf dem Weg nach Teneriffa wegen eines technischem Defekt auf dem Madrider Flughafen Barajas einen Zwischenstopp einlegen. Wegen eines Motordefekts war am Vortag bereits Passagiermaschine in Barcelona notgelandet, hundert Kilometer vor dem Ziel Reus.

Das Verhältnis zwischen der spanischen Regierung und O'Leary ist allerdings schon seit vielen Monaten gespannt. Laut einem internen Bericht des Transportministeriums kam es im ersten Halbjahr zu 1200 Zwischenfällen – in Sachen Flugsicherheit, aber meistens im Umgang mit den Passagieren.

Babys abgewiesen

So wies Ryanair Babys ab, wenn sie keinen Reisepass hatten. Laut spanischem Recht ist das Familienbuch als Ausweis aber zulässig. Auch Polizisten, die auf innerspanischen Flügen mit ihrer regulären Dienstwaffe unterwegs waren, wurde der Zutritt verweigert.

Über Bußgelder und Sanktionen in Spanien macht sich O'Leary nur lustig. "Ich bin nur den irischen Behörden Rechenschaft schuldig". Im letzten Jahr hatte das spanische Transportministerium wegen der Zwischenfälle 1,2 Millionen Euro Bußgelder verhängt. Das ist vergleichsweise wenig gegenüber den 50 Millionen Euro, die die Iren bislang an Subventionen aus Spanien kassiert haben sollen.

Größte Airline in Spanien

O'Leary hat bislang keinen Cent gezahlt. Er droht regelmäßig damit, die Routen nach Spanien zu streichen. Dass allerdings würde der heimischen Tourismusindustrie schwer schaden. Ryanair ist die größte Fluglinie auf der Iberischen Halbinsel und hat den Platzhirschen Iberia längst abgehängt. In den ersten acht Monaten beförderte Ryanair allein in Spanien mehr als 24,7 Millionen Passagiere, mehr als doppelt so viel wie Lufthansa und Air Berlin zusammen.

Branche umgekrempelt

Im Jahr 2004 waren die Iren erstmals in Spanien gelandet und haben den Sektor völlig umgekrempelt. Nicht einmal die ehemalige Staatsairline Iberia bietet auf den innereuropäischen Flügen in der Touristenklasse noch kostenlose Getränke oder Snacks an. Andere Fluglinien wie Air Europa oder Vueling versuchen, den Iren nachzueifern und kassieren extra für jede Dienstleistung, egal ob Platzreservierung oder Gepäckaufgabe.

Transportministerin poltert

"Wir haben nichts gegen Low Cost, aber wir wollen keine Low Security", polterte die Transportministerin Ana Pastor bereits vergangene Woche. Ihr war wegen der anhaltenden Ryanair-Pannenserie der Geduldsfaden gerissen. Am 26. Juli mussten gleich drei Ryanair-Maschinen vom Madrider Flughafen, über dem ein Gewitter tobte, abdrehen, weil sie nicht genügend Treibstoff für die Warteschleife hatten.

Knappes Kerosin

"Die Politik des extrem knappen Kerosins geht zu Lasten der anderen Airlines, die längere Warteschleifen fliegen müssen, um den Iren den Vortritt zu lassen", so ein Sprecher der spanischen Pilotengewerkschaft Sepla. Auch die deutsche Pilotenvereinigung Cockpit findet klare Worte zu Ryanairs Kerosin-Rationierung. "Bei Ryanair ist es Praxis, Listen auszuhängen, auf denen die Piloten in der Reihenfolge ihres Treibstoffverbrauchs aufgelistet werden.

Die 20 Prozent mit dem geringsten Verbrauch erhalten ein Belobigungsschreiben und die 20 Prozent mit dem höchsten Verbrauch eine Aufforderung, sich an die festgelegten Verfahren zu halten. So wird psychologisch Druck ausgeübt", sagte Jörg Handwerg, Cockpit-Pressesprecher dem Flughafenmagazin Airportzentrale. Piloten in Europa müssen den Tower um eine Landegenehmigung bitten, wenn sie nur noch für maximal 30 Minuten Flugzeit Kerosin im Tank haben.

O'Leary ist empört

O'Leary streitet die Vorwürfe der Spritrationierung vehement ab. Er erfülle alle europäischen Vorschriften. Was in Spanien ablaufe, sei eine Hetzkampagne gegen seine Airline. In ihren zwanzig Jahren Flugbetrieb sei noch keine einzige Ryanair-Maschine verunglückt, so der 51-jährige.

Doch die Iren kommen nicht aus den Negativschlagzeilen. Anfang September gab es weitere Zwischenfälle, diesmal sogar mit Verletzten. Ein Ferienflieger mit Kurs auf die Kanaren musste nach einem plötzlichen Druckabfall nach Madrid zurückkehren. Mehrere Passagiere klagten über Blut in den Ohren und mussten am Boden medizinisch behandelt werden.

Ein weiteres Flugzeug aus Düsseldorf landete nach schweren Turbulenzen in Palma de Mallorca. Drei Passagiere waren leicht verletzt.

Treffen mit EU-Flugsicherheit

Die Regierung von Spaniens Premier Mariano Rajoy will sich noch diese Woche mit den irischen und europäischen Flugsicherheitsbehörden treffen, um über ein gemeinsames Vorgehen gegen Ryanair zu beraten. Das Verkehrsministerium hat den EU-Verkehrskommissar Siim Kallas Kallas und die irländische Luftfahrbehörde dazu aufgefordert, die Sicherheit zu verbessern.

"Wir wollen, dass das europäische Safa-Programm, das Stichproben an der Rampe erlaubt, weiter ausgebaut wird und uns mehr Inspektionsmöglichkeiten einräumt", so eine Sprecherin des Verkehrsministeriums.

Harte Strafen

Zudem will Madrid härte Strafen bei Verstößen gegen die Flugsicherheit und wenn die Rechte der Passagiere missachtet werden. Vor allem will sie eines: Ein Mitspracherecht bei ausländischen Fluglinien, die auf dem spanischem Markt eine große Präsenz haben. Bislang können solche Airlines nur von den Sicherheitsbehörden des eigenen Landes zur Rechenschaft gezogen werden.

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