14.09.12

Atomausstieg

Wie die Atom-Lobby den Kampf in Japan verlor

Achtzehn Monate nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima beschließt die Regierung in Tokio den Atomausstieg. Der Bau neuer AKWs wird verboten und bestehende Meiler gehen bis 2040 vom Netz.

Foto: REUTERS

Farbenfroh gegen AKWs: Atomkraftgegner demonstrieren in Tokio vor der Residenz des Ministerpräsidenten Yohihiko Noda
Farbenfroh gegen AKWs: Atomkraftgegner demonstrieren in Tokio vor der Residenz des Ministerpräsidenten Yohihiko Noda

Eineinhalb Jahre nach der Nuklear-Katastrophe von Fukushima steigt Japan komplett aus der Atomenergie aus. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist damit nach Deutschland die zweite große Industrienation, die sich von der Kernkraft zur zivilen Energieerzeugung verabschiedet.

Die japanische Energiewende hat allerdings einen größeren Zeithorizont als die deutsche: Die Regierung hat am Freitag beschlossen, dass bis spätestens im Jahr 2040 die meisten der gegenwärtig 50 Atomkraftwerke vom Netz genommen werden. Zwar muss das Konzept noch vom gesamten Kabinett beschlossen werden, aber die Zustimmung gilt so gut wie sicher.

Der Regierungsbeschluss verbietet den Bau neuer AKWs in Japan. Alle bestehenden Meiler sollen nach maximal 40 Jahren Betriebsdauer vom Netz gehen.

Die Atom-Lobby ist machtlos

Eine so radikale Wende in der Energiepolitik schien in Japan lange undenkbar. Atomwirtschaft und Politik waren personell und finanziell eng verflochten, die gegenseitigen Abhängigkeiten ausgeprägt. Die Anti-Atomkraftbewegung war anders als hierzulande winzig.

Das hat sich seit Fukushima geändert: Tausende haben in den vergangenen Monaten auf Großdemonstrationen die Abkehr von der Atomenergie gefordert und die Mehrheit der Bevölkerung befürwortet den Ausstieg aus der Kernenergie. Diesen Meinungswandel konnte die Politik nicht mehr ignorieren.

Der offizielle Atomausstieg ist ein Wieder-Einstieg

Bereits in den Monaten nach der Katastrophe hatte sich Japan klammheimlich von der Atomenergie verabschiedet und sukzessive alle Reaktoren abgeschaltet: Im Mai diesen Jahres wurde der letzte von ehemals 54 Reaktoren vom Netz genommen. Anders als etwa in Deutschland wurde aber der Ausstieg aus der Nuklearenergie bis Freitag nicht offiziell ausgerufen, sondern die mächtigen Provinzregierungen schufen vollendete Tatsachen.

Die japanischen Reaktoren werden in regelmäßigen Abständen für Routineuntersuchungen abgeschaltet. Normalerweise werden die Blöcke nach der Überprüfung und der anschließenden Genehmigung der Provinzregierung wieder hochgefahren. Aber im ganzen Land hat die Angst vor der Atomkraft dafür gesorgt, dass seit dem 11. März 2011 zunächst kein Reaktor wieder hochgefahren wurde. Erst im Juli hatte die Regierung in Tokio erlaubt, zwei Kraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen, um Stromengpässe im Sommer zu vermeiden.

Diese Reaktoren soll nach dem Regierungsbeschluss jetzt wieder ans Netz gehen und bis zum Ende ihrer Betriebsdauer laufen. Der angekündigte Atomausstieg ist damit gleichzeitig auch ein Wiedereinstieg in die Kernenergie. Das sieht wohl auch Greenpeace so: Die Nichtregierungsorganisation kritisiert, dass ein vollständiger Atomausstieg bereits heute möglich wäre.

Die Energiewende ruiniert die Handelsbilanz

Für die Volkswirtschaft des Inselstaats hat die energiepolitische Kehrtwende der Regierung dramatische Auswirkungen. Denn in Japan lieferte die Kernenergie bis zur Nuklearkatastrophe von Fukushima knapp 30 Prozent der Elektrizität. Vor der Dreifach-Katastrophe vom vergangenen Frühjahr sollte dieser Anteil sogar auf 50 Prozent ausgebaut werden.

Der Ausstieg aus der Kernenergie bedeutet deshalb für das Land einen erheblicheren Umbruch als die Energiewende hierzulande: Deutschland will zwar das letzte AKW bereits im Jahr 2022 vom Netz nehmen. Aber hierzulande betrug der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung im vergangenen Jahr nur knapp 18 Prozent.

Ökonomen der Großbank Nomura haben ausgerechnet, dass der Verzicht auf Atomstrom die Strompreise um bis zu einem Fünftel steigen lassen könnte. Vor allem für die japanische Industrie wäre das eine große Belastung. Bereits in den vergangenen Monaten hatte die Abschaltung praktisch aller Atommeiler gravierende Folgen für die Handelsbilanz des Landes.

Weil der Inselstaat die weggefallene Atomenergie vor allem durch Gas, Kohle und Öl ersetzt hat, sind die Einfuhren fossiler Brennstoffe stark gestiegen. Diese Mehreinfuhren haben dazu beigetragen, dass Japan im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit 1980 mehr Waren eingeführt hat als es in die Welt verkaufte – für die Japaner ein Schock.

Japanische Experten informieren sich bereits in Deutschland

Japan wird deshalb auf absehbare Zeit einer der größten Importeure fossiler Brennstoffe bleiben, selbst wenn der Anteil der erneuerbaren Energien in den kommenden Jahren wie geplant von zehn auf 30 Prozent verdreifacht wird.

Deutschland hat der japanischen Regierung bereits Hilfe bei der Energiewende angeboten. Tatsächlich waren in den vergangenen Monaten bereits Delegationen aus Japan in Norddeutschland unterwegs, um Windkraftanlagen zu inspizieren und sich beraten zu lassen.

Kritik an den Plänen der Regierung kam unter anderem von den Kraftwerksbetreibern. Das Unternehmen Tepco, dem auch die Anlage in Fukushima gehört, ließ vermelden, die für einen Umstieg auf erneuerbare Energien nötigen finanziellen Reserven seien durch die Katastrophe aufgebraucht.

Frankreich nimmt Fessenheim vom Netz

Das pannenanfällige französische Atomkraftwerk Fessenheim an der Grenze zu Deutschland soll in vier Jahren geschlossen werden. Das älteste französische Kernkraftwerk werde Ende 2016 vom Netz genommen, sagte der französische Präsident François Hollande bei einer Umweltkonferenz am Freitag in Paris.

Grüne, Anti-Atomkraft-Organisationen und die baden-württembergische Landesregierung fordern allerdings eine deutlich schnellere Abschaltung. Sie begründen dies mit der Gefährlichkeit des Atommeilers.

Hollande zufolge sollen die Arbeitsplätze erhalten bleiben und auch die Stromversorgung der Region soll weiter garantiert sein. Die Schließung von Fessenheim solle "beispielhaft für einen Abbruch" sein, sagte der Staatschef. Im Wahlkampf hatte Hollande versprochen, die mehr als 30 Jahre alte Anlage im Elsass bis zum Ende seiner Amtszeit 2017 abzuschalten.

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