14.09.12

Rüstungsindustrie

Fusion von EADS und BAE löst Dominoeffekt aus

Der Zusammenschluss von EADS mit BAE Systems könnte zur Konsolidierung der europäischen Rüstungsbranche führen. Von Rheinmetall bis Dassault: Die Liste der Fusionskandidaten ist lang.

Foto: dpa

Eine Drohne von Rheinmetall vom Typ Heron 1. Während die Wehrtechnik immer ausgefeilter wird, schrumpfen die Verteidigungsetats der bislang wichtigsten Abnehmerländer
Eine Drohne von Rheinmetall vom Typ Heron 1. Während die Wehrtechnik immer ausgefeilter wird, schrumpfen die Verteidigungsetats der bislang wichtigsten Abnehmerländer

Die Silhouetten des Taj Mahal und des Gateway of India zieren die Außenwand des Pavillons, der unübersehbar gleich neben einem der Eingänge der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin thront. Das indische Verteidigungsministerium hat eine Delegation von 25 Mitarbeitern zur größten Luftfahrtmesse Deutschlands geschickt. Ihr Auftrag: Sie sollen Kontakte zu deutschen Rüstungsfirmen schließen.

Dass die Inder auf der Messe so selbstbewusst auftreten, zeigt einen neuen Trend. Früher noch war die Bundeswehr auf der Messe der größte Kunde. Noch heute präsentiert sich die Luftwaffe in einem großen Pavillon. Doch während die Bundesregierung und andere europäische Staaten angesichts der klammen Haushalte immer mehr bei militärischen Ausgaben knausern, wächst der Bedarf anderer Staaten.

Neben Indien gelten etwa Saudi Arabien, Malaysia, Brasilien als kauffreudige Kunden. Rüstungsunternehmen aus Europa und den USA schielen deshalb auf diese neuen Wachstumsmärkte.

Durch die Fusion entsteht weltweit größte Rüstungsfirma

Vor diesem Hintergrund ist auch der spektakulärste Zusammenschluss in der weltweiten Rüstungsindustrie zu sehen, den derzeit EADS und der britische Waffenkonzern BAE Systems prüfen. Den Schätzungen des schwedischen Friedensforschungsinstituts Sipri zufolge würde damit der größte Waffenhändler der Welt entstehen – noch vor dem großen US-Rivalen Lockheed Martin. Gemeinsam, so die Hoffnung, habe man mehr Schlagkraft, wenn es um internationale Ausschreibungen geht.

Die Fusion von EADS und BAE dürfte andere Rüstungsunternehmen unter Zugzwang setzen, sollte sie tatsächlich kommen. Sie würde nicht nur in der europäischen Verteidigungsbranche zu einer tektonischen Verschiebung führen.

Es gebe zu viele Kapazitäten, sagte der Finanzchef des Black-Hawk-Hubschrauberherstellers United Technologies dem "Wall Street Journal". Die Fusion von EADS und BAE könnte der erste Schritt hin zu der notwendigen Konsolidierung der großen Luftfahrt- und Rüstungsgruppen sein.

Kleinere Hersteller geraten unter Druck

"Wenn sich dieser Zusammenschluss realisiert, wird es unweigerlich zu einem Dominoeffekt kommen – nicht nur bei den Zulieferern, sondern so wie in den 90er Jahren in den USA auch bei den Konkurrenten", glauben die Analysten von Oddo Securities.

Kleinere Unternehmen wie die Panzerhersteller Nexter aus Frankreich und Rheinmetall aus Deutschland könnten unter Druck geraten, weil ihnen die großen Konkurrenten die staatlich finanzierten Entwicklungsprogramme wegschnappen dürften.

Wer überleben will, der muss sich künftig stärker ins Ausland orientieren. Doch nur diejenigen, die in einer großen Gruppe agieren, können es sich leisten, überall in der Welt vertreten zu sein und um die Aufträge zu kämpfen. Es braucht zum einen eine breite Produktpalette.

Zum anderen braucht es gute politische Kontakte. Man dürfe sich nicht erst um Aufträge bemühen, wenn die Ausschreibungen auf dem Tisch liegen, sagte Bernhard Gerwert, Chef der EADS-Rüstungsdivision Cassidian der Berliner Morgenpost. Man muss sich im Idealfall schon vorher ins Gespräch bringen.

Eine Fusion von EADS und BAE Systems dürfte deshalb nur der Auftakt zu einer neuen Fusionswelle sein. Denn der Konsolidierungsdruck ist bereits jetzt enorm – in Deutschland, aber auch in Frankreich.

So gibt es mit Krauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall in Deutschland beispielsweise gleich zwei Hersteller von Panzern. Krauss-Maffei Wegmann stellt den Leopard-Panzer her, der international als das technisch herausragende Produkt seiner Klasse gilt. Doch mit einem Umsatz von einer Milliarde ist das Unternehmen im Vergleich zu den großen Rüstungskonzernen klein. Schon seit langem wird diskutiert, ob eine Fusion mit Rheinmetall nicht sinnvoll wäre – das Unternehmen liegt mit 2,5 Milliarden Euro Umsatz in der Rüstungssparte auf Rang 30 der weltgrößten Waffenproduzenten. Rheinmetall hatte in der Vergangenheit Interesse an Gesprächen gezeigt, KMW hingegen lehnte ab.

Viele Fusionskandidaten in Frankreich

In Paris wird Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian Position beziehen müssen. Denn zum einen hat die sozialistische Regierung von Präsident François Hollande sich das Ziel gesetzt, die europäische Konsolidierung der Verteidigungsbranche voranzutreiben.

Zum anderen aber dürfte ein Zusammenschluss von EADS und BAE die anderen französischen Akteure schwächen, vor allem den französischen Rüstungselektronikkonzern Thales und den Flugzeugbauer Dassault Aviation.

Thales träumt bereits seit längerem von einer Fusion mit dem Triebwerkshersteller Safran. Beide Unternehmen haben Ende letzten Jahres ein Joint-Venture gegründet, das Sichtsysteme für Flugzeuge, Drohnen, Hubschrauber und Bodenfahrzeuge liefern soll.

Ursprünglich hatten sie einen weitergehenden Austausch von Aktivitäten angepeilt. Eine Hochzeit von EADS und BAE dürfte Thales nun neue Argumente für einen Zusammenschluss mit Safran liefern.

Die geplante Mega-Fusion dürfte auch die Wettbewerbshüter in Europa und den USA auf den Plan rufen. Sie könnten EADS und BAE dazu zwingen, einzelne Geschäftsbereiche abzugeben. Das würde den Interessen der kalt erwischten amerikanischen Wettbewerber dienen. Erst vor wenigen Jahren hatte BAE Systems mit Boeing über eine Fusion gesprochen.

Doch zunächst muss es den beiden fusionswilligen Konzernen gelingen, die Regierungen in Berlin, London und Paris von ihrem Vorhaben zu überzeugen. Die Bundesregierung prüft gerade, inwiefern sie nach einer möglichen Fusion von EADS und BAE Systems sich ein Mitspracherecht erhalten könne.

"Das ist ganz eindeutig eine sehr komplexe Transaktion mit Implikationen für die Sicherheitspolitik, für die Industriepolitik", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag.

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    Flugzeuge, Elektronik, Raketen

    Umsatz in Mrd. Dollar: 35,73

    78 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 2. BAE Systems, Großbritannien

    Flugzeuge, Raketen, Artillerie

    Umsatz in Mrd. Dollar: 32,88

    95 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 3. Boeing, USA

    Flugzeuge, Raketen, Elektronik

    Umsatz in Mrd. Dollar: 31,36

    49 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 4. Northrop Grumman, USA

    Flugzeuge, Elektronik, Raketen, Schiffe

    Umsatz in Mrd. Dollar: 28,15

    81 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 5. General Dynamics, USA

    Artillerie, Elektronik, Fahrzeuge, Munition

    Umsatz in Mrd. Dollar: 23,94

    74 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 6. Raytheon, USA

    Elektronik, Raketen

    Umsatz in Mrd. Dollar: 22,98

    91 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 7. BAE Systems Inc, US-Tochter

    Artillerie, Elektronik, Fahrzeuge

    Umsatz in Mrd. Dollar: 17,90

    100 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 8. EADS, Europa

    Flugzeuge, Elektronik, Raketen

    Umsatz in Mrd. Dollar: 16,36

    27 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 9. Finmeccanica, Italien

    Flugzeuge, Raketen, Artillerie, Elektronik

    Umsatz in Mrd. Dollar: 14,41

    58 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

  • 10. L-3 Communications, USA

    Elektronik

    Umsatz in Mrd. Dollar: 13,07

    83 Prozent Rüstungsanteil am Umsatz

    (Quelle: Friedensforschungsinstitut Sipri, Stockholm; Stand: 2010, dpa)

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