14.09.12

Megafusion

Neuer EADS-Chef will den Konzern radikal umbauen

Kaum sitzt Tom Enders an der Spitze von EADS, sorgt er für Furore. Der Konzern soll mit dem Waffenhersteller BAE Systems fusionieren. Es entstünde die größte Luftfahrt- und Rüstungsfirma der Welt.

Von J. Hartmann, J. Hildebrand, A. Tauber und G. Wüpper
Foto: Reuters

Konzernchef Tom Enders möchte EADS mit der britischen BAE fiusionieren
Konzernchef Tom Enders möchte EADS mit der britischen BAE fiusionieren

Zumindest die Einigung über die Sandwiches kam sehr schnell zustande. Es war Anfang Juli, als sich EADS-Konzernchef Tom Enders mit Ian King, dem mächtigen Chef des britischen Rüstungskonzerns BAE Systems, in einem Londoner Hotel traf.

Bereits in den Wochen davor sie über die Möglichkeit gesprochen, die beiden Konzerne zu fusionieren. Jetzt, im Juli, sollten die Gespräche in eine ernste Phase übergehen. Mitarbeiter präsentierten eine Studie.

Und am Ende der Sitzung gab es zwei Entscheidungen: Man werde weiter verhandeln. Und man werde sich künftig woanders treffen – die Sandwiches in dem Londoner Hotel schmeckten einfach zu schlecht.

Mittlerweile sind die Geheimgespräche öffentlich geworden. Der Luftfahrt-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern EADS führt Fusionsverhandlungen mit dem britischen Waffenhersteller BAE Systems. Es soll ein Gigant mit 70 bis 75 Milliarden Euro Umsatz und 220.000 Mitarbeiter entstehen.

Größter Rüstungskonzern entsteht

Das Gemeinschaftsunternehmen wäre nicht nur mit der Tochter Airbus ein führender Hersteller im Bau von Passagierflugzeugen. Auch im Militärgeschäft würden BAE Systems und EADS in der ersten Liga spielen. Nach Daten des schwedischen Friedensforschungsinstitut Sipri, die sich auf das Jahr 2010 beziehen, hätte kein anderes Unternehmen weltweit einen höheren Umsatz mit Rüstungsgütern. Das zivile Geschäft und das Rüstungsgeschäft ins Gleichgewicht zu bringen, ist ein erklärtes Ziel von EADS.

Die Operation hat politisch eine gewaltige Sprengkraft. Enders möchte EADS damit aus der ungeliebten staatlichen Umklammerung lösen. Schon seit langem beklagt er die "deutsch-französische Zwangsjacke", in der sich das Unternehmen befände. Derzeit achten die an EADS beteiligten Staaten streng darauf, die nationalen Gleichgewichte im Aktionärskreis zu wahren.

Der französische Staat hält 15 Prozent an EADS, 7,5 Prozent der Medienkonzern Lagardère. Die deutschen Anteile sind derzeit noch auf Daimler und ein Bankenkonsortium verteilt. Daimler verhandelte allerdings bis zuletzt mit der Bundesregierung über den Verkauf eines Aktienpakets an die staatliche KfW Bankengruppe.

Das Manöver mit BAE Systems soll es den Staaten nun ermöglichen, die Umklammerung zu lockern. In einer Stellungnahme der Briten ist die Rede davon, "Sonderaktien von BAE Systems und EADS an die französische, deutsche und britische Regierung auszugeben".

Goldene Aktie für die Eignerstaaten

Mit anderen Worten: Paris, Berlin und London sollen jeweils eine "goldene Aktie" erhalten, die bei allen wichtigen Fragen ein Mitsprache- und Vetorecht vorsieht. Die Regierungen müssten also nicht mehr selbst Aktionäre sein, um einen Mindesteinfluss zu bewahren. Die Haupteigner könnten ihre Anteile an die Börse bringen.

Eine "goldene Aktie" für die Staaten wollte schon Enders-Vorgänger Louis Gallois einführen. Doch all seine Versuche scheiterten zuletzt. Zum einen lag das am niederländischen Aktienrecht, die ein solches Sonderrecht nicht vorsieht – EADS ist eine Gesellschaft mit Sitz im niederländischen Leiden.

Zum anderen lag es am massiven Widerstand der Regierungen in Paris und Berlin. Immerhin ist EADS mit seiner Rüstungssparte ein Unternehmen von strategischem Interesse für die Regierungen. Zudem wollen sie auch bei Standortentscheidungen mitreden.

Es dürfte also spannend sein, ob die Regierungen mitspielen. EADS-Strategiechef Marwan Lahoud erklärte gegenüber der Pariser Tageszeitung "Le Monde", dass sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch Frankreichs Staatspräsident François Hollande im Laufe des Sommers über die Gespräche informiert worden seien.

Bundesregierung zögert noch

Festlegen möchte man sich in den Regierungen allerdings noch nicht. "Wir sind um Unterstützung dieser Fusion gebeten worden", sagte ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums. Und: "Die Bundesregierung prüft derzeit alle relevanten Fragen."

Die französische Seite kündigte indes eine strenge Prüfung an. Man werde der Fusion erst zustimmen, wenn man alle Auswirkungen des Zusammenschlusses geprüft habe, ließ der französische Großaktionär Arnaud Lagardère, der dem EADS-Verwaltungsrat vorsteht, mitteilen.

Das Projekt sei bisher weder dem Verwaltungsrat von EADS noch der Holding Sogéade zur Abstimmung vorgelegt worden, die die Interessen der französischen Aktionäre vertritt. Lagardère dürfte an einer Lösung gelegen sein, die ihm den schnellen Ausstieg aus dem EADS-Kapital erlaubt.

Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die Beteiligung an EADS lieber früher als später verkaufen will. Die französische Regierung hält sich in Bezug auf die geplante Fusion noch bedeckt. Der französische Staat werde sich zum gegebenen Zeitpunkt dazu äußern, teilte Wirtschaftsminister Pierre Moscovici mit.

Noch viele kritische Punkte

Es lastet nun ein enormer Zeitdruck auf den Beteiligten. Das britische Aktienrecht schreibt vor, dass die Parteien bis zum 10. Oktober "entweder eine Transaktion bekannt geben oder, dass sie oder EADS nicht länger einen Zusammenschluss der Unternehmen anstreben", heißt es in der Meldung von EADS und BAE Systems. Die Frist kann allerdings notfalls verlängert werden.

Es gibt viele kritische Punkte in den Gesprächen. So dürfte darüber verhandelt werden, wie die Kräfteverhältnisse innerhalb des neuen Konstrukts verteilt werden. So sollen die Aktionäre von BAE Systems an dem fusionierten Konzern 40 Prozent halten, die von EADS 60 Prozent. EADS-Anteilseigner könnten sich dabei übervorteilt sehen. Schließlich ist ihr Unternehmen weitaus größer und hat mit dem zivilen Geschäft von Airbus glänzende Wachstumschancen.

Airbus hat genügend Aufträge in den Büchern stehen, um die Produktion für die kommenden sechs Jahre auszulasten. "Airbus hat eine gewaltige Wachstumsstory vorzuweisen und wird in der neuen Gesellschaft stark verwässert", beklagt Yan Derocles, Analyst von Oddo Securites in Paris. Der Aktienkurs von EADS verlor nach der Bekanntgabe der Fusionsgespräche stark an Wert.

Welche Manager rücken an die Spitze

Ein weiterer Knackpunkt ist die Frage, welche Manager und Aufsichtsräte denn die Macht bei der Gruppe EADS/BAE Systems erhalten sollen. Denn es ist die Rede von einer "einheitlichen Leitungs- und Aufsichtsstruktur mit identischen Verwaltungs- und Aufsichtsratsmitgliedern bei BAE Systems und EADS". Da dürfte so mancher seinen Sessel verlieren.

Auch stellt sich die Frage, ob Alphatiere wie EADS-Chef Tom Enders und BAE-Vorstandschef Ian King miteinander klarkommen werden. Bei EADS sind jedenfalls deutsch-französische Machtkämpfe noch bis heute gut in Erinnerung. Ob es leichter wird, wenn auch noch die Briten mitmischen?

Mit BAE Systems sucht EADS die Partnerschaft mit einem Unternehmen, das nicht frei von politischem Einfluss ist. So gelten die Verbindungen der BAE-Manager in die britische Regierung als exzellent. BAE-Chairman Dick Olver ist etwa Mitglied eines Beraterkreises von Premier David Cameron. Die Nähe zur Regierung schadet auch den BAE-Geschäften in den USA nicht. Die USA sind Großbritanniens wichtigster Verbündeter.

Kunden könnten mit Auftragsentzug drohen

Nicht nur die heimischen Regierungen haben ein Wörtchen mitzureden, sondern auch die Kunden. Allen voran die USA. Sie könnten etwa mit dem Auftragsentzug drohen, sollte BAE Systems den Besitzer wechseln. Das könnten sich die Briten nicht leisten.

Das Unternehmen ist der größte europäische Waffenlieferant auf dem größten Militärmarkt der Welt. EADS hingegen möchte es schaffen, im Verbund mit BAE vom Pentagon mehr Aufträge als bislang zu bekommen. Auf einer von Bloomberg erstellten Rangliste der größten Rüstungsunternehmen auf dem US-Markt liegt BAE Systems nach dem Wert bestehender Verträge auf Platz neun, EADS hingegen nur auf Platz 100.

Auch deswegen kündigte BAE Systems an, "insbesondere in den USA" Regelungen zu prüfen, wonach das lokale Geschäft "durch angemessene Regelungen abgegrenzt werden" könne. Damit wollen sie das Vertrauen des Pentagons gewinnen.

Konzernstrategie "Vision 2020"

Sollte Enders den Zusammenschluss gegen alle Widerstände zum Abschluss bringen, wäre es ein Triumph für ihn. Im Rekordtempo hätte er wesentliche Ziele der aktuellen Konzernstrategie "Vision 2020" erreicht. Darin vorgesehen ist die ausgeglichene Verteilung des Geschäftsmodells auf den zivilen Flugzeugbau und das Rüstungsgeschäft – das soll das Unternehmen unabhängiger von Wirtschaftszyklen machen. Eine stärkere Präsenz in den USA wird auch angestrebt, um unabhängiger von Schwankungen des Dollars zu werden. Zuletzt würde der Anteil des lukrativen und stabilen Dienstleistungsgeschäfts am Umsatz gesteigert werden.

Die Beschäftigten von EADS hingegen sehen bislang in den Fusionsplänen kaum eine Gefahr. Bei der IG Metall in Deutschland heißt es, man fürchte keinen Personalabbau, immerhin arbeitete ja schon heute EADS mit BAE Systems beim Bau des Eurofighters zusammen. Ähnlich äußerte sich die französische Gewerkschaft CFE-CGC bei Airbus. Die französische Gewerkschaft CGT warnt, ein Zusammenschluss dürfe nicht zum Personalabbau führen.

Nun liegt der Spielball vor allem bei bei den Regierungen. Im Wirtschaftsministerium heißt es, man werde sich in der Frage eng mit dem französischen Partner abstimmen. Es dürften wohl noch viele Sandwiches verzehrt werden, bis es zur Fusion von BAE und EADS kommen wird

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