13.09.12

Fusionsgespräche

In Europa könnte ein neuer Rüstungsriese entstehen

In der Luftfahrt- und Rüstungsindustrie bahnt sich eine Megafusion an. Sollten die Gespräche zwischen EADS und BAE erfolgreich sein, entstünde das größte Militärunternehmen der Welt.

Quelle: dapd
12.09.12 1:41 min.
Die ILA ist rekordverdächtig: mehr als 1200 Aussteller mit rund 270 Luftfahrzeugen sind gekommen, mehr als 200.000 Zuschauer werden auf der Internationale Luftfahrt-Ausstellung erwartet.

Und dann landete EADS auf der ILA doch einen Coup – wenn auch eher ungewollt. In den vergangenen zwei Tagen hatten sich selbst Mitarbeiter des EADS-Konzerns darüber beschwert, dass die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung ILA in Berlin bislang weitgehend ohne große Ereignisse verlaufen ist. Und dann kam die große Überraschung. EADS und das britische Rüstungsunternehmen BAE führen Gespräche über eine Fusion.

Die Nachricht hat eine gewaltige Sprengkraft. Es würde der größte Luftfahrt- und Rüstungskonzern der Welt entstehen. Und auch die andauernden Diskussionen über ein Gleichgewicht zwischen den Aktionärsgruppen – vor allem aus Frankreich und Deutschland – wären zu Ende.

Denn EADS wird bei der Vorbereitung eines solchen Deals sowohl mit den deutschen Haupteignern, dem Daimler-Konzern sowie dem Bankenkonsortium Dedalus besprochen haben.

Damit könnte auch die Diskussion um einen möglichen Einstieg der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau in den Aktionärskreis von EADS nicht mehr nötig sein. Bis Mitte Oktober müssen EADS und BAE Systems den Börsenregeln zufolge Klarheit über den Verlauf der Fusionsgespräche schaffen.

Zusammenarbeit beim Eurofighter

Spekulationen über eine Fusion der beiden Unternehmen hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben. Beide Unternehmen kennen sich bereits sehr gut. So arbeiten sie etwa beim Eurofighter, dem Tornado und auch beim Lenkflugkörper-Hersteller MBDA zusammen. Außerdem hatte EADS 2006 die britischen Airbus-Anteile von BAE übernommen.

Mit einer Fusion wäre ein neuer globaler Gigant geboren, der es im Rüstungssektor auch mit den großen US-Rivalen aufnehmen kann. BAE Systems ist einer der größten Rüstungshersteller der Welt. Im Gesamtjahr 2011 erlöste die Rüstungsfirma 19,2 Milliarden Pfund (rund 23 Milliarden Euro). Im Orderbuch bei BAE befinden sich Aufträge über 40 Milliarden Pfund. EADS ist deutlich größer. So lagen im ersten Halbjahr die Umsätze des Konzerns bei 24,9 Milliarden Euro (Vorjahreszeitraum: 21,9 Milliarden Euro). Im Bereich der kommerziellen Flugzeug ist EADS schon heute mit der Tochter Airbus auf Augenhöhe mit Boeing.

Ernste Probleme im Rüstungssektor

Mit einer solchen Fusion geht EADS auch die Probleme im Rüstungssektor an. Die EADS-Tochter Cassidian hat wie zahlreiche andere Rüstungskonzerne ernste Problemen. Das Unternehmen – einst die Ertragsperle von EADS – fällt in letzter Zeit immer weiter im Konzern zurück. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die nationalen Regierungen ihre Rüstungsbudgets zusammenstreichen.

Vor allem Cassidian würde im Verbund mit BAE Systems deutlich an Schlagkraft gewinnen. Daran hat es Cassidian bislang gemangelt. So hatte die indische Regierung Ende vergangenen Jahres Exklusivverhandlungen über einen Großauftrag für Kampfflugzeuge mit dem französischen Flugzeugbauer Dassault aufgenommen und nicht mit dem Eurofighter-Konsortium zu dem auch Cassidian zählt – wie es heißt, hatte der frühere französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy energisch für Dassault geworben.

Verstärken und entschlossener auftreten

Cassidian hat bereits angekündigt, diese Probleme anzugehen. "Unsere Aufgabe ist es, das internationale Geschäft zu stärken", hatte Bernhard Gerwert, der neue Chef der EADS-Division noch im Gespräch mit der Berliner Morgenpost gesagt – wenige Stunden bevor EADS die Fusionsgespräche mit BAE Systems bestätigte.

Gerwert hatte den Chefposten beim führenden deutschen Rüstungsunternehmen vergangene Woche von Stefan Zoller übernommen. Wie es heißt, waren sich Zoller und Tom Enders, Chef der Cassidian-Mutter EADS, uneins über Strategie und Organisation von Cassidian.

Cassidian möchte sich nun auch personell im Ausland verstärken und auch entschlossener als bislang auftreten. "Wir müssen mehr Leute in den interessanten Märkten vor Ort haben, damit wir früh wissen, was dort gewünscht ist", sagte Gerwert. Er kündigte zudem an, proaktiv voranzuschreiten. "Wir reagierten bislang zu oft erst dann, wenn eine Ausschreibung auf dem Tisch liegt", kritisierte er. "Das ist zu spät." Das dürfte sich im Verbund mit BAE Systems nun ändern.

Um mehr Großprojekte werben

Darüber hinaus soll Cassidian künftig um mehr Großprojekte werben als bislang. "Wir müssen mehr Bälle in der Luft halten können", sagte Gerwert. "Wir können nicht mehr nur auf ein oder zwei Großprojekte setzen." Das Unternehmen hat etwa in den vergangenen Jahren hart um einen Grenzsicherungsauftrag in Brasilien gekämpft – bislang allerdings ohne Ergebnis.

Darüber hinaus hat Cassidian auch über Jahre hinweg das unbemannte Flugzeug Talarion entwickelt und aus eigenen Mitteln eine halbe Milliarde Euro investiert. Zwar wird es nach Erwartungen von EADS Anfang kommenden Jahres den Starschuss für ein deutsch-französischen Drohnenprojekt geben.

Gerwert hat bereits von EADS Personal zur Seite gestellt. Künftig wird der bisherige Airbus-Strategiechef Christian Scherer bei Cassidian den Vertrieb leiten. Scherer gehörte zu den Top-Managern bei Airbus. Insgesamt wurden bei Cassidian in einer Personalrochade in dieser Woche fünf von sieben Vorstandsposten ausgetauscht. Darüber hinaus möchte sich Cassidian stärker in den Wachstumsmärkten der Welt verankern.

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