Autobranche
Ford will der Krise mit dem Welt-Auto trotzen
Der US-Konzern rüstet sich für einen Abschwung auf den Fahrzeugmärkten: Er setzt auf Modelle, die rund um den Globus verkauft werden – und aus fast identischen Teilen bestehen.
Die US-Band Pearl Jam war gerade da und in ein paar Tagen kommt Lady Gaga – aber an diesem Nachmittag steht Ford-Chef Alan Mulally auf der riesigen Bühne des Ziggo Dome, Amsterdams neuester Event-Arena. Es gehe für Ford nicht mehr darum, zu überleben, sondern wieder zu wachsen, ruft er und wirkt dabei winzig vor den mächtigen Videowänden und zwischen all den neuen Modellen, die effektvoll vorgeführt werden.
Aber der Applaus ist riesig, die Stimmung in der Halle fast wie bei einer der Vorwahlen der US-Präsidentschaftskandidaten. Nur die bunten Ballons fehlen und das Wahlvolk. Stattdessen sitzen Autoexperten auf den Rängen, Ford-Händler oder Mitarbeiter des derzeit fünftgrößten Automobilherstellers. Letztere sollen an diesem Tag auch motiviert werden. Und das ist nötig.
Rasend schnell hatte sich Ford nach der großen Krise 2009 erholt. Und anders als die Konkurrenten General Motors (GM) und Chrysler weder Insolvenz angemeldet noch Unterstützung von der US-Regierung erhalten, um wieder auf die Beine zu kommen.
Zwölf Quartale hintereinander fährt Ford nun Gewinne ein. In diesem Jahr wurde erstmals seit Jahren wieder eine Dividende gezahlt. Noch im Frühsommer listete der Performance-Index des Centers of Automotive Management (CAM) Ford nach der Spitzengruppe Volkswagen, BMW, Daimler und Hyundai als leistungsfähigsten Autobauer.
Sanierung ist gefährdet
Doch nun bremst die Währungskrise in Europa den Konzern und gefährdet Mulallys Sanierungswerk: Allein im zweiten Quartal dieses Jahres hat Ford im Europageschäft einen Verlust von 400 Millionen Dollar gemacht und damit noch schlechter abgeschnitten als die GM-Tochter Opel. Für das Gesamtjahr erwartet Ford nun ein Minus von rund einer Milliarde Dollar in Europa.
Kaum ein Autobauer verdient derzeit in der Alten Welt noch Geld, aber Ford triff es besonders hart: Neben dem Absatz sinkt auch der Marktanteil. Die Amerikaner sind in Süd- und Westeuropa traditionell stark, außerdem im Geschäft mit Klein- und Kompaktwagen. Genau dort bröckeln die Absatzzahlen aber dramatisch.
"Die Situation in Europa ist ernst, sehr ernst. Wir rechnen nicht damit, dass die Krise rasch überwunden wird" sagt Mulally nach der Show im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Dennoch setze Ford auf den Kontinent: "Wir erwarten, dass der Automarkt in Europa, trotz der aktuellen Krisen in den kommenden fünf Jahren, um rund 20 Prozent wachsen wird", ergänzt Stephen Odell, Vizechef von Ford sowie zuständig für das Europageschäft, und kündigt an: "Wir werden weiter stark investieren, wie wir es bisher getan haben und aktuell tun. Wir werden das Nutzfahrzeuggeschäft ausbauen und die aggressivste Produktoffensive in der Geschichte von Ford in Europa starten."
Und Ford werde Tempo bei der Produktentwicklung machen und das Logistikgeschäft neu strukturieren. "Damit können wir schneller liefern und bessere Restbuchwerte erzielen. Ziel ist es, dass weniger Autos auf Lager stehen und nur die Fahrzeuge in den Handel kommen, die rasch verkauft werden", so Odell.
Kurzarbeit in Köln
Die Produktion wurde bereits runtergefahren, in Köln kurzgearbeitet – und das war es noch nicht. Wir werden im September Kurzarbeit in Köln haben außerdem in unserem belgischen Werk Genk" so Odell. Weitere "Maßnahmen zur Flexibilisierung der Produktion" würden geprüft.
Mittelfristig, so glauben Mulally und seine Manager, wird das Sanierungskonzept "One Ford" auch in Europa greifen und die Situation entschärfen. Um wieder fit zu werden, geht der Konzern, der sogar sein bekanntes Firmenlogo, das "Blue Oval", verpfändet hatte um wieder liquide zu werden, jedoch andere Wege als die Konkurrenten.
Ford setzt verstärkt auf Plattformen, die mehr als bislang Basis für verschiedene Modelle sein sollen. Mulally will das sogenannte Welt-Auto, Modelle, die auf verschiedenen Kontinenten verkauft werden und den jeweils unterschiedlichen Anforderungen entsprechen, aber bis zu 80 Prozent aus identischen Teilen bestehen. Als Beispiel dafür wird der Focus genannt, der in Deutschland, Russland, China und den USA gebaut und verkauft wird.
Früher war der Focus für jede Region praktisch jeweils neu entwickelt worden, ein kostspieliger Aufwand. "Derzeit basieren 43 Prozent der Modelle in Europa auf globalen Plattformen, bis 2017 werden es 71 Prozent sein, das heißt, 15 Modelle werden dann auf globalen Plattformen stehen", kündigt Mulally an.
Nur eine Marke
Das ist dem Baukasten-System von VW nicht unähnlich, doch anders als die Wolfsburger setzen die Amerikaner fast ausschließlich auf eine Marke: auf Ford. Und anders als VW oder mit Abstrichen Toyota oder Renault-Nissan lassen Mulally und seine Manager die Finger vom Premiumgeschäft. Während VW stark auf Audi setzt, Toyota auf den Lexus und Renault-Nissan auf den Infinitiy, bleibt Ford bodenständig.
"In Europa konzentrieren wir uns besonders auf Autos des B- und C-Segments, also auf Klein und Kompaktwagen", sagt Odell. "In den kommenden zehn Jahren werden wir rund 60 Prozent aller Autos in diesem Segment verkaufen, in der gehobenen Oberklassen werden es rund 15 Prozent sein", prophezeit er.
Doch so ganz ohne Glamour will auch Ford nicht in Europa bleiben, Konzernchef Mulally kündigt an: "Seit 50 Jahren ist der Mustang ein Mythos, nun kommt er nach Europa."


















