29.08.12

Jobabbau

Investmentbanker lernen das Zittern

Lange galten sie als Topverdiener mit Jobgarantie. Viele Investmentbanker hielten sich für unkündbar. Doch in der Krise setzen die Großbanken vermehrt auch ihre Spitzenkräfte vor die Tür.

Foto: picture alliance / dpa

In der Fassade des neu gestalteten Eingangsbereichs der Deutschen Bank in Frankfurt am Main spiegeln sich andere Bankgebäude . Der Finanzplatz steht vor einer ganz neuen Ära: Gerade die Großbanken bauen zurzeit massiv Stellen ab, und das nicht länger nur in den unteren Mitarbeiterebenen. Auch Führungskräfte sind zunehmend betroffen
In der Fassade des neu gestalteten Eingangsbereichs der Deutschen Bank in Frankfurt am Main spiegeln sich andere Bankgebäude . Der Finanzplatz steht vor einer ganz neuen Ära: Gerade die Großbanken bauen zurzeit massiv Stellen ab, und das nicht länger nur in den unteren Mitarbeiterebenen. Auch Führungskräfte sind zunehmend betroffen

Von außen glänzen die Glaspaläste wie eh und je. Fast alle großen Investmentbanken sind in Frankfurt vertreten. Doch hinter den schönen Fassaden wird es allmählich leer: Die Banken bauen Mitarbeiter ab. Ende Juli verkündete das neue Führungsduo der Deutschen Bank, Anshu Jain und Jürgen Fitschen, es werde 1900 Stellen streichen, allein 1500 davon im Investmentbanking.

Diese Woche wurden die ersten konkreten Einschnitte bei der Bezahlung der Kapitalmarktspezialisten bekannt. Mit ihrem Sparkurs liegt die Deutsche Bank im Trend – bei den meisten großen Investmentbanken schrumpft die Belegschaft.

"Auch Häuser, die das weniger offensiv kommunizieren, treten faktisch auf die Bremse", sagt Tiemo Kracht, Personalberater bei Kienbaum. Und sie bremsen nicht nur bei der Zahl der Mitarbeiter, sondern auch bei der Bezahlung derer, die dableiben.

Finanzmetropole vor einer neuen Ära

Für den Finanzstandort Frankfurt ist das ein Ausbluten in Zeitlupe. Kein großer Knall, sondern ein schleichender Paradigmenwechsel: Deutschlands Finanzmetropole ist immer noch ein "Place to Be", ein Ort, an dem eine globale Bank vertreten sein muss – aber nicht mehr unbedingt mit einer großen Mannschaft.

Dass Banken in Deutschland Stellen abbauen, ist nichts Neues, sondern eher Dauerzustand. Beschäftigte die Branche im Jahr 2000 noch 775.000 Mitarbeiter, waren es elf Jahre später noch 654.000.

Auch Außertarifliche trifft es nun

Neu aber ist der Kreis der Betroffenen: Jahrelang fielen vor allem die Arbeitsplätze von einfachen Sachbearbeitern weg, weil die Banken die reinen Verwaltungsfunktionen industrialisierten: Technik ersetzte Mitarbeiter.

Nun aber zeigt sich ein anderes Bild: "Die derzeitigen Einsparungen treffen stärker als früher auch über- oder außertariflich bezahlte Bankangestellte", sagte Beate Mensch, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Ver.di und Leiterin des Fachbereichs Finanzdienstleistungen.

Solchen Bankern hatte man selbst in Krisenjahren oft das Gefühl gegeben, ihnen könne nicht viel passieren, weil sie zu wichtig seien für die Bank. "Aber auch ein gut bezahlter Bankangestellter hat heute nicht mehr die Gewissheit, dass sein Arbeitsplatz nicht in Gefahr ist", sagt Mensch.

Kaum Geschäft noch für Investmentbanker

Der Grund ist: Das Geschäft lahmt, und das auf breiter Front. Schon in der Finanzkrise ab 2008 hatten die Banken Stellen gestrichen, zunächst vor allem in London oder New York. Nun aber geraten auch die kleineren Mannschaften an den deutschen Standorten ins Visier der Sparkommissare.

Laut Kienbaum gibt es dieses Jahr in den USA und Großbritannien 22 Prozent weniger Stellenangebote von Banken als im Vorjahr – im restlichen Europa beträgt das Minus sogar 32 Prozent.

Angesichts der Euro-Krise und der nervösen Kapitalmärkte will kaum ein Unternehmen fusionieren, zukaufen oder an die Börse gehen. Und wo keine Deals, da kein Geschäft für die Investmentbanker.

Banken trennen sich auch von Führungskräften

"Einen Einstellungsstopp gab es bei vielen Banken schon vor längerer Zeit", sagt Christine Kuhl, Partnerin bei der Personalberatung Odgers Berndtson. "Jetzt trennt man sich gezielt von Mitarbeitern – auch von Führungskräften, die einen zu geringen Ergebnisbeitrag liefern und die zu sehr in der Komfortzone sitzen."

Schließlich arbeiten die hoch bezahlten Manager heute oft für lau – weil die Deals, die man monatelang vorbereitet hat, auf der Zielgerade doch noch platzen.

Die Royal Bank of Scotland oder die UBS stutzten ihre Teams schon vor längerem zurück. Kürzlich kündigte die Credit Suisse an, sieben Prozent der Stellen im Investmentbanking zu streichen, was auch den Standort Frankfurt betrifft. Auch bei Citi gab es dem Vernehmen nach einen merklichen Abbau im Investmentbanking.

Gespart wird ab der zweiten Reihe

Dem Sparzwang opfert so manches Institut Grundsätze, die vor kurzem noch als unumstößlich galten. Vor gut zehn Jahren glaubten die meisten Branchengrößen erkannt zu haben, dass man in einem Markt wie Deutschland eine schlagkräftige Truppe vor Ort haben muss – "Kofferbanking" von London aus reicht nicht.

Nun aber dreht so manches angelsächsische Institut das Rad ein Stück weit zurück: "Vor Ort hat man oft nur noch wenige Banker, die die Kundenbeziehungen pflegen", sagt Kienbaum-Berater Kracht. "Die Spezialisten für einzelne Produkte lässt man dann bei Bedarf aus London einfliegen."

Banker mit hochrangigem Kundenkontakt bleiben

Diese Lesart bedeutet allerdings, dass der Rotstift selten die allererste Reihe wegstreicht. Denn den Kontakt in die Chefetagen der Konzerne, der große Aufträge verspricht, unterhalten in der Regel die höchstrangigen Banker, die Deutschlandschefs der Institute etwa, die Leiter des M&A-Geschäfts oder Führungskräfte in ähnlicher Position.

"Man wird in einer Investmentbank nicht zuerst in der ersten Reihe sparen, denn diese Leute haben den Draht zum Kunden", sagt der Frankfurter Personalberater Matthias Saenger. "Ausgedünnt wird eher die Mannschaft dahinter."

Von Controlling keine Ahnung

Die Geschassten machen meist gute Miene dazu. "Ich wollte ohnehin noch mal was ganz Anderes machen", hört man aus dem Mund dieser Männer zwischen 40 und 50 Jahren dann oft. Doch Industrie- oder Handelsfirmen sind oft skeptisch. "Dort reagiert man nicht unbedingt mit Begeisterung, wenn ein Banker anklopft", weiß Personalberaterin Kuhl.

Gerade Leute aus dem Wertpapierhandel seien oft viel zu spezialisiert, um Finanzvorstand eines Industrieunternehmens werden zu können. "Die kennen sich vielleicht perfekt aus mit bestimmten Derivaten, haben aber häufig keine Erfahrung mit Steuern und Controlling."

Banker in Industriekreisen nicht beliebt

Gewisse Ressentiments dürften ihr übliches tun. Schließlich haben dieselben Banker zu Zeiten, in denen ihr Geschäft boomte, oft ein Vielfaches der Industrie-Gehälter verdient.

Wenn man sich nun für einen deutlich weniger üppig bezahlten Industriejob interessiert, sind die Firmen oft skeptisch: "Die nehmen einem nicht ab, dass es einem egal ist, wenn man plötzlich nicht mehr siebenstellig verdient", berichtet ein früherer hochrangiger Investmentbanker, dem der Seitenwechsel gelungen ist.

Eine Marktnische für Einzelkämpfer

Die meisten Banker bleiben daher doch der Finanzbranche treu. Beliebte Ziele sind Private-Equity-Firmen oder Hedgefonds, zumal dort teilweise noch mehr Geld verdient wird als bei den Investmentbanken. Wer das nicht will, versucht es auf eigene Faust – mit einem eigenen Fonds oder einer eigenen Beratungs-Boutique.

"Für einzelne ist das eine sehr gute Option", sagt ein Banker, der den Schritt selbst gemacht hat. Zumal die großen Investmentbanken meist nicht scharf darauf sind, Mittelständler bei Börsengängen oder kleinen Übernahmen zu beraten – das bringt ihnen zu wenig Provision. Eine Marktnische für Einzelkämpfer oder kleine Beratungsklitschen also.

Für die zweite und dritte Reihe sieht es schlecht aus

"Aber dieses Geschäft reicht natürlich nicht annähernd, um all die Leute aufzunehmen, die bei den großen Banken raus müssen", sagt der Ex-Banker. Zumal sich ja auch der Mittelstand derzeit mit Fusionen und anderen Transaktionen zurückhält.

Für Banker der zweiten und dritten Reihe, die derzeit bevorzugt auf die Straße gesetzt werden, sieht daher oft eher düster aus. Manchen von denen, sagt ein Branchenkenner, "kann man nur wünschen, dass sie vor der Krise wenigstens so viel verdient haben, dass sie ein paar Jahre überwintern können".

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