28.08.12

Tarifkonflikt

Lufthansa bleibt auf Sparkurs und riskiert Streiks

Bei Deutschlands größter Airline drohen Arbeitsniederlegungen. Das Ausmaß in Berlin ist noch nicht absehbar.

Foto: DAPD
Bei der Lufthansa dürften ab Mittwoch etliche Maschinen am Boden bleiben
Bei der Lufthansa dürften ab Mittwoch etliche Maschinen am Boden bleiben

Passagiere der Lufthansa müssen sich in den kommenden Wochen auf starke Behinderungen durch Streiks des Kabinenpersonals einstellen. Die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo bereitet unbefristete und flächendeckende Arbeitsniederlegungen vor. Einen genauen Zeitpunkt des ersten Ausstands hatte die Gewerkschaft aus taktischen Gründen bis Dienstagabend nicht genannt. Man werde ohne lange Vorwarnungen zu Streiks aufrufen, hieß es.

Wie Ufo-Chef Nicoley Baublies gegenüber Morgenpost Online sagte, dauerten die Gespräche bis vier Uhr nachts an. Über die entscheidenden Punkte Leiharbeit und Auslagerung von Mitarbeitern zu Billigtochtergesellschaften habe es bislang noch keine Annäherung gegeben.

Das Ausmaß der angekündigten Streiks ist in Berlin noch nicht absehbar. "Wir werden versuchen, die Auswirkungen für die Kunden so gering wie möglich zu halten", sagte Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber am Dienstag. In Berlin sind 200 Stewardessen und Stewards der größten deutschen Airline stationiert. Sie arbeiten aber nicht auf den zahlreichen neuen Direktverbindungen, die die Lufthansa in diesem Sommer eingeführt hatte. Dort kümmern sich 130 Leiharbeiter um die Passagiere; sie werden von Ufo nicht zum Streik aufgerufen. Der Berlin-Verkehr stütze sich aber zusätzlich auch auf Lufthansa-Crews von außerhalb, sagte Weber.

Baublies und die seine Ufo kämpfen für die "gelbe Klammer". So nennen die Lufthanseaten das komplizierte Tarifwerk, das die Arbeit in dem stolzen Unternehmen mit dem Kranich so angenehm macht. Für jede Berufsgruppe mit dem gelben Lufthansa-Ausweis sind hier die Arbeitsbedingungen und Entgelte festgelegt, die zumindest im Vergleich zu Billigfliegern durchaus Premium-Ansprüchen genügen. Die Flugbegleiter sind jetzt allerdings nach einem langen und ergebnislosen Verhandlungsmarathon bereit, für ihre Besitzstände zu streiken.

Geht es nach dem Willen von Lufthansa-Chef Christoph Franz, verliert die gelbe Klammer in den kommenden Jahren schnell an Kraft und Umfang. Gegen den erbitterten Widerstand der Ufo setzte er den Einsatz von Leihstewardessen in den in Berlin stationierten Maschinen durch und plant eine neue Direktfluggesellschaft (Direct4U), in der die Lufthansa-Tarifbedingungen künftig nicht mehr gelten sollen. Den Maßstab für das Unternehmen mit voraussichtlich rund 2000 Kabinen-Mitarbeitern setzt stattdessen die als Billigflieger gegründete Tochter Germanwings, deren Bedingungen laut Ufo rund 40 Prozent unter dem Niveau von "Lufthansa Classic" liegen.

Kritik am Produkt Lufthansa

Baublies vermag in den Plänen nur noch Etikettenschwindel zu erkennen. Lufthansa wolle Premium-Preise kassieren für ein Produkt, das mit Billigkräften produziert werde und vermutlich dennoch den Markennamen Lufthansa tragen werde. "Wo Lufthansa draufsteht, muss auch Lufthansa drin sein", lautet sein griffig klingender Satz. Ufo-Verhandlungsführer Dirk Vogelsang beschwört negative Auswirkungen auf die Marke: "Erodierte Arbeitsverhältnisse in der Kabine können dem Produkt nicht gut tun."

Berufsanfängern zahlt Lufthansa 1530 Euro Grundgehalt plus Zuschläge. Bei EasyJet gibt es einem Einstiegslohn von 1060 Euro. Beide Airlines zahlen zusätzlich Zulagen und Urlaubsgeld, wodurch sie laut Ver.di auf eine Gehaltsumme von rund 1800 Euro brutto kommen und sich der Unterschied ausgleicht.

Die Lufthansa will die Auswirkungen der Streiks auf ihre Kunden so gering wie möglich halten. Auf innerdeutschen Strecken konnten diese in der Vergangenheit ihr Ticket ohne zusätzliche Kosten als Bahnfahrkarte nutzen. Werden Flüge aufgrund des Streiks annulliert, erhalten Passagiere von den Fluggesellschaften den kompletten Ticketpreis inklusive Steuern und Gebühren zurück. Alternativ besteht ein Anspruch auf kostenlose Umbuchung. Startet das Flugzeug mit einer Verspätung von mehr als fünf Stunden, kann der Passagier entscheiden, ob er die Reise noch antritt. Tut er es nicht, muss die Fluggesellschaft den Komplettpreis des Tickets erstatten.

Härte gegen das eigene Personal hat das Lufthansa-Management bereits bei der Tochter Austrian gezeigt. In Österreich konnte gehen, wer den tariflichen Schwenk zur Billigtochter Tyrolean nicht mitmachen wollte.

Der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport bereitet sich nach eigenen Angaben bereits auf mögliche Arbeitsniederlegungen und daraus resultierende Flugausfälle vor. Zunächst bleibe aber abzuwarten, wo und wie lange die Flugbegleiter tatsächlich ihre Arbeit niederlegten, sagte der Fraport-Sprecher. Auch die Deutsche Bahn steht nach eigenen Angaben "in engem Kontakt mit der Lufthansa", um bei Bedarf Transportkapazitäten anzubieten. Die Buchungsagentur Egencia empfahl ihren Kunden, sich "in den kommenden Tagen und Wochen auf massive Behinderungen" einzustellen. mit dpa/rtr

>> Was Passagiere beim Lufthansa-Streik wissen sollten.

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