21.08.12

Schiffsbau

Merkel verkündet Arbeitern eine bittere Wahrheit

Die Schieflage der P+S Werft in Stralsund bedroht 2000 Jobs. Nun besuchte die Kanzlerin den von der Pleite bedrohten Betrieb, um die Mitarbeiter auf das Ende einzustimmen.

Foto: dpa

Unangenehme Botschaft: Bundeskanzlerin Merkel und der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering, sagen der Belegschaft, dass sie nicht mit finanzieller Hilfe des Staates rechnen kann
Unangenehme Botschaft: Bundeskanzlerin Merkel und der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering, sagen der Belegschaft, dass sie nicht mit finanzieller Hilfe des Staates rechnen kann

Meistens fühlt sich ein Betrieb geehrt, wenn die Bundeskanzlerin zu Besuch kommt. Doch die 1000 Schiffbauer auf der Betriebsversammlung der P+S Werft in Stralsund dürften sich am Dienstag nicht sehr gefreut haben.

Gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering, erklärte Angela Merkel, dass es keine weiteren Gelder von Bund und Ländern geben werde: "Wir haben der Werft geholfen – der staatliche Rahmen ist ausgeschöpft."

Der Schweriner Regierungschef und die Kanzlerin hoben hervor, dass die Mitarbeiter in den vergangenen Jahren viel geleistet haben. "Es ist ne tolle Truppe, umso mehr ist es natürlich ein schwerer Tag heute gewesen", betonte die Kanzlerin.

Aber: "Wir mussten heute sagen, dass es nicht weitergeht, wenn die Verzögerungen so sind, dass man mit dem Geld, das wir zur Verfügung stellen, nicht auskommt. Das ist die bittere Wahrheit", erklärte Sellering. Bitter auch für ihn, denn die Werften zählen zu den größten Arbeitgebern im Land.

2000 Jobs unmittelbar in Gefahr

Vor drei Monaten erst stellte die Werft ein Finanzierungsloch von 200 Millionen Euro fest. Daraufhin eilten ihr das Land mit 152,7 Millionen und die Mitarbeiter mit 68 Millionen zu Hilfe. Eine weitere Aufstockung der Mittel sei rechtlich nun nicht mehr möglich, sagte Sellering. Die 2000 Arbeitsplätze auf der Werft sind in Gefahr.

Der Geschäftsführer der IG Metall Stralsund, Guido Fröschke, forderte auf der Betriebsversammlung, so wenig Personal wie möglich abzubauen. Später erklärte er gegenüber der Berliner Morgenpost, dass sich die P+S Werften nach einem neuen Investor umschauen müssten.

Denkbar seien Zulieferer oder Auftraggeber. Auch der Geschäftsführer der P+S Werften, Rüdiger Fuchs, baut auf seine Kunden und Lieferanten. Er erklärte: "Solange es von den Kunden und Lieferanten noch keine abschließenden Antworten gibt, gibt es auch keinen Insolvenzantrag."

Der Werft-Chef schätzt, dass der Dialog mit diesen noch bis zu zwei Tagen andauern könnte. Einen offiziellen Antrag wird es also vor Freitag nicht geben. Auf der Betriebsversammlung hatte Fuchs noch gesagt, er werde bereits am Mittwoch den Insolvenzantrag stellen.

Schieflage begann schon 2009

Der Weg zum Amtsgericht wäre der letzte Schritt eines langsamen Niedergangs: In eine schiefe Lage gerieten die P+S Werften bereits 2009. Lieferverzögerungen hatten die Situation noch verschlimmert. Der Fährreederei Scandlines sollte die mecklenburgische Werft bereits vor der Sommerreisezeit zwei 169 Meter lange Fähren liefern. Die sind allerdings bis heute noch nicht fertig.

Vor der Pleite hatte man sich darauf geeinigt, die Fähren im September und November zu übergeben. Ob diese Vereinbarung auch nach der Insolvenz noch gilt, ist fraglich. Scandlines-Geschäftsführer Sören Poulsgaard Jensen hat die Pleite der P+S Werften zur Kenntnis genommen: "Wir werden den Dialog mit der Werft so schnell wie möglich wieder aufnehmen", sagte er.

Viele Pleiten bei den Werften

Die Pleite des Schiffbauers aus Stralsund und Wolgast reiht sich ein in eine lange Serie von Insolvenzen bei Werften: 1996 ging der größte deutsche Werftverband Bremer Vulkan in Konkurs, nachdem er 435 Millionen Subventionen zweckentfremdet hatte.

Acht Jahre später traf es auch die Werft Lloyd. Der Bremerhavener Schiffsbauer konnte gerettet werden, weil die italienische Staatswerft Fincanteri und eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Stadt Bremen als Gesellschafter einstiegen.

2009 meldeten die Wadan-Werften aus Rostock-Warnemünde und Wismar Konkurs an. Und das, obwohl der Staat Kredite in dreistelliger Millionenhöhe zur Verfügung stellte. Der russische Investor Igor Jussufow rettete den Schiffsbauer, indem er mit 40,5 Millionen Euro einstieg. Heute arbeiten in den Wadan-Werften von ursprünglich 2400 Mitarbeitern nur noch 970.

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