22.08.12

Martin Walsers Europa

Deutsche Intellektuelle und ihre Fantasie-Griechen

Zeitloser Realitätsverlust – Um uns noch mehr Griechenland-Hilfe abzuringen, gemahnt der Schriftsteller Martin Walser an Hölderlins Griechenverehrung. Die aber war ein reines Fantasieprodukt.

Foto: dapd

Europa retten mit Hölderlin im Gepäck: Martin Walser
Europa retten mit Hölderlin im Gepäck: Martin Walser

Rechtzeitig zur Auslieferung seines neuen Romans schaltet sich der Alte vom Bodensee mal wieder in die Debatten ein. Was haben wir gerade? Europa? Griechenland? Nichts leichter als das. Also verkündet er mal eben: Deutsche Dichter waren schon immer Europäer. Und um einen Griechen von innen bittend oder, besser gesagt, barmend, kommt er natürlich gleich auf seinen Landsmann Friedrich Hölderlin.

Hat der nicht so toll die griechischen Versmaße für die deutsche Lyrik fruchtbar gemacht? Hat er nicht in selten präziser Beherrschung von griechischer Mythologie, Philosophie und sogar Topografie hellenische Gedichte geschrieben sowie den Griechenland-Roman "Hyperion"? In der "FAZ" zitiert Walser nun sogar aus Hölderlins philhellenischen Briefen, um zu zeigen, "wie sehr ein damals vierundzwanzigjähriger Dichter aus Nürtingen mit anderen europäischen Ländern lebte, wie sehr dieses Ausland sein Inland war", um sich dann zu der hochherzigen Plattitüde aufzuschwingen: "Die Literatur war immer schon europäisch."

Diese verschwärmte Bildungshuberei bezeichnet in etwa den geistigen Status eines schwäbischen Volksschullehrers von 1913. Denn was bitte war ausgerechnet an Hölderlin europäisch?

Er hatte die hervorragende Lateinschule von Nürtingen und die theologischen Pflanzstätten von Denkendorf und Maulbronn durchlaufen und anschließend im Tübinger Stift studiert. Er kannte seine Klassiker. Griechenland war sein "Inland", wohl wahr. Modern gesprochen heißt das aber: Es handelt sich hier um pure Projektion. Das reale Griechenland hat Hölderlin nie betreten. Neugriechisch selbstverständlich nicht gesprochen. Mit den Griechen seiner Zeit nicht den mindesten Umgang gehabt.

Das Europa der Leseratten

Überhaupt war die europäische Lebenswirklichkeit selten Sache der deutschen Dichter. Die ist es aber, die heute zählt. Europa macht man nicht mit Stubenhockern und Leseratten, die mit Mitte dreißig der geistigen Umnachtung anheimfallen.

Hölderlin hat die Grenzen des Herzogtums, später Königreichs Württemberg, ganze viermal verlassen: um in Jena weiterzustudieren, um in Homburg eine Hauslehrerstelle anzutreten, dazu Abstecher in die Schweiz und nach Frankreich. Sein längster Auslandsaufenthalt waren fünf Monate in Bordeaux.

Das war die erste und einzige Großstadt, in der er lebte, und prompt hat sie ihn überfordert. Nürtingen war eben übersichtlicher. Dort ließ sich auch so schön weiter von Griechenland träumen, was Hölderlin nach seiner Rückkehr denn auch weidlich tat, gedankenvoll und tatenarm, wie er die Deutschen im "Hyperion" selbst beschrieben hat. Rührend mag man das nennen, tragikomisch oder auch trostlos, je nachdem. Aber der Rekurs darauf, wie Walser ihn nun formuliert, ist nur eines: blauäugig naiv.

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