20.08.12

Konjunkturentwicklung

Die Wirtschaft kämpft mit dem Achterbahn-Zyklus

Deutsche Firmen können kaum mehr langfristig planen, weil die Konjunkturspitzen immer heftiger ausschlagen. Experten geben vor allem den Notenbanken einen großen Teil der Schuld daran.

Foto: Infografik Die Welt

BIP-Entwicklung in Deutschland
BIP-Entwicklung in Deutschland

Joe Kaeser kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Seit 32 Jahren ist er bei Siemens tätig, seit sechs Jahren leitet er das Finanzressort des größten deutschen Industriekonzerns. Und doch wirkte der 55-Jährige vor wenigen Wochen verstört, als er über die Entwicklung der Weltwirtschaft berichtete.

Der Manager deutet an, dass die Ungewissheit, ob man sich nun in einer Phase des Auf- oder Abschwungs befindet, zum "new normal" wird, also zur neuen Normalität.

Was ist nur mit der Wirtschaft los? Vor einigen Jahren noch schienen Konjunkturkurven sanft und lieblich wie Hügel der Toskana zu verlaufen: Aufschwungphasen von vier oder fünf Jahren folgten milde Abschwünge. Damals verkündete der heutige US-Notenbankchef Ben Bernanke siegesgewiss das Ende der großen Wirtschaftskrisen.

Die starken Schwankungen beim Wirtschaftswachstum, wie sie die 50er- und 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts hervorgebracht hatten – längst Vergangenheit. Die Horrorinflation der 70er-Jahre – nicht mehr als eine gruselige Erinnerung. Nicht etwa schieres Glück sollte der Weltwirtschaft diese neue Phase der Stabilität beschert haben, sondern die erfolgreiche Arbeit der Zentralbanken rund um den Globus, die Konjunktur und Zinsen nun viel besser im Griff hätten als noch in der Vergangenheit.

"Die Ära der großen Mäßigung"

Als Beginn einer "Great moderation", also einer Ära der "großen Mäßigung", lobte Bernanke die schöne neue Wirtschaftswelt im Jahr 2004 noch. Drei Jahre später brach die weltweite Finanzkrise los.

Mittlerweile gleichen die Zacken der Konjunkturindikatoren einem zerklüfteten Gebirge mit tiefen Schluchten. Kurzen Aufschwüngen folgen herbe Einbrüche. Und die Experten streiten seitdem, ob die "große Mäßigung" einfach ein historischer Irrtum war – oder ob die fünf bisherigen Krisenjahre womöglich doch nur die albtraumhafte Ausnahme in einer ansonsten ziemlich heilen Wirtschaftswelt sind.

"Es gab die These, wonach Konjunkturzyklen generell weniger stark ausfallen", sagt Kai Carstensen, Konjunkturexperte am Ifo-Institut in München. "Das gilt seit der Weltfinanzkrise nicht mehr."

Eine bloße akademische Debatte ist das keineswegs. Entscheidend ist die Frage, wie sicher Unternehmen überhaupt noch planen können. Vorhersagen über die Wirtschaftsentwicklung zu treffen, gehört zum Geschäft der Manager. Sie müssen über Rohstoffeinkäufe entscheiden und darüber, ob sie neues Personal einstellen. Wer zu wenig investiert, droht Aufschwungphasen zu verpassen. Wer zu viel Geld in die Hand nimmt, dem verhagelt es die Bilanz in der Krise.

Wie schwierig das Geschäft geworden ist, zeigen die vergangenen Jahre für die deutsche Wirtschaft. Im Jahr 2007 betrug ihr Wachstum noch kräftige 2,5 Prozent, ein Jahr später halbierte sich der Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) bereits. 2009 folgte der Totalabsturz mit einem Rückgang um knapp 5 Prozent – so viel wie noch nie in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Der Einsatz zahlt sich aus

Dennoch bewiesen viele Unternehmenslenker Nerven, investierten trotz Krise, setzten auf Kurzarbeit. Der Einsatz zahlte sich aus. Zwei Jahre später fuhren viele Konzerne wieder Rekordergebnisse ein. Doch nun stehen, nicht zuletzt wegen der Auswirkungen der Euro-Krise, schon wieder harte Sanierungsprogramme an.

Gleich eine ganze Reihe von Unternehmen war in den vergangenen Monaten zu optimistisch. Neben Siemens mussten etwa auch der Halbleiterhersteller Infineon, der Lastwagenbauer MAN, die Motorenfirma Deutz, der Duisburger Stahlhändler Klöckner & Co sowie der Sportartikelhersteller Puma ihre Gewinnziele revidieren. Viele von ihnen legen nun Sparprogramme auf, um sich krisenfest zu machen. Es dürften nicht die einzigen in der deutschen Unternehmenslandschaft bleiben.

Siemens vertraute zu lange darauf, dass der Aufschwung des vergangenen Jahres anhält. Wie sich der Konzern verkalkulierte, sieht man bei den Ausgaben. Die Forschungs- und Entwicklungskosten stiegen in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres um 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Vertriebs- und allgemeinen Verwaltungskosten nahmen um acht Prozent zu. In absoluten Zahlen heißt das: Siemens gab gut eine Milliarde Euro mehr aus in der Hoffnung, der Aufschwung setze sich fort.

Von diesen Kostenblöcken muss Siemens nun dringend runter. Konzernchef Löscher sagt das so: Siemens muss "schlank, schnell und agil" werden. Daher will er im Herbst ein Kostensenkungsprogramm präsentieren – Jobabbau nicht ausgeschlossen.

MAN reagiert mit scharfer Kostenkontrolle

Ein großer Teil der Industrielandschaft in Deutschland steht vor ähnlichen Problemen, etwa der Münchner Lastwagenbauer MAN. Auf den Höfen des Unternehmens stehen weltweit 17.000 Lastwagen. Das bindet enorme Summen, deshalb ist jetzt die Versuchung groß, die Fahrzeuge mit Rabatten zu verkaufen, was wiederum auf den Gewinn drückt. MAN reagiert mit einer scharfen Kostenkontrolle.

Konzernchef Georg Pachta-Reyhofen hat die Produktion bereits gedrosselt. Er verhängte auch einen Einstellungsstopp und verringert sukzessive die Zahl der Leiharbeiter. "Die Industriezyklen sind kürzer geworden, vor allem aber ausgeprägter", urteilt man bei MAN über das Auf und Ab.

Auch in der deutschen Stahlindustrie hat sich die Dauer dieser Auf- und Abschwungphasen deutlich verändert, heißt es bei der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Waren früher Zeiträume von vier oder fünf Jahren üblich, liegen sie derzeit bei unter einem Jahr. 2011 zum Beispiel gab es im ersten Halbjahr einen kräftigen Lageraufbau bei den Stahlkunden. Der allerdings wurde schon in der zweiten Jahreshälfte wieder abgebaut. 2012 ist die Situation sogar noch extremer: Einem guten ersten Quartal folgten drei äußerst schwache Monate für die großen europäischen Stahlhersteller wie ArcelorMittal, ThyssenKrupp oder Salzgitter.

Einige Stahlhersteller haben bereits Hochöfen stillgelegt, die Beschäftigten von ThyssenKrupp im Stammwerk in Duisburg wurden sogar bis zum Jahresende in Kurzarbeit geschickt.

"Die Konsumenten sind unsicher und fahren nur noch auf Sicht", sagt Gisbert Rühl, der Vorstandsvorsitzende von Europas größtem Stahlhändler Klöckner&Co. Er kassierte daher vor wenigen Tagen die im ersten Halbjahr ohnehin schon gesenkte Prognose für 2012.

Gleichwohl gibt es durchaus Profiteure der neuen Unsicherheit. SAP gehört dazu. Der Softwarekonzern ist derzeit so erfolgreich wie nie zuvor in der Firmengeschichte, auch weil Kunden enorme Summen in Softwarelösungen investieren. Ein wichtiges Geschäftsfeld ist dabei die Datenanalyse, die zu jedem Frühwarnsystem gehört.

Die Walldorfer setzen große Hoffnung in eine neue, ultraschnelle Datenbank-Software namens HANA, mit der riesige Datenmengen in Sekundenbruchteilen durchgewälzt werden können.

Warnsignale mittels Software erkennen

Kunden erhoffen sich davon, dass sie früher als bisher Warnsignale erkennen und ihre Produktion ideal steuern können. In der Praxis heißt das: Ein Lebensmittelkonzern nutzt Wetterdaten wie Sonnenscheindauer, Temperatur und Verbrauchsmengen, um möglichst genau festzustellen, wie viel Speiseeis er wann in welche Stadt liefern muss. Diese Datenanalyse hat letztlich Einfluss auf jeden Schritt – vom Einkauf von Rohstoffen über das Marketing bis zur Produktion.

Werden die kurzen Zyklen nun zur Normalität? "Der jüngste Zyklus wurde abrupt unterbrochen durch den Schock der Lehman-Pleite 2008. Und nun könnte etwas Ähnliches eintreten durch die Euro-Krise", sagt Rolf Schneider, Leiter Konjunkturanalyse bei der Allianz. "Es wäre aber falsch, daraus zu folgern, dass wir nun immer kürzere und heftigere Konjunkturzyklen bekommen."

Allerdings wird es wohl noch eine Weile dauern, bis die Konjunktur wieder in ruhigeren Bahnen verläuft. Maßgeblich Schuld daran tragen ausgerechnet die einst hochgelobten Notenbanken. Diese hatten durch ihre Politik des billigen Geldes der Weltwirtschaft zwar über Jahre hinweg goldene Zeiten beschert – aber genau damit auch die Exzesse auf den Immobilienmärkten oder im Bankensystem begünstigt, die zum Auslöser der Krise wurden. Derzeit versuchen die Währungshüter, die Probleme durch das Drucken von noch mehr Geld zu lösen.

Für die Skeptiker unter den Ökonomen steuert die Weltwirtschaft deshalb längst auf das nächste Desaster zu: Sie befürchten unter anderem ein Comeback der totgesagten Inflation. Doch es gibt auch Optimisten, die die weitere Entwicklung deutlich zuversichtlicher einschätzen. Für sie sind die vergangenen Jahre nur ein Ausreißer. So hält Experte Schneider den globalen Aufschwung noch nicht für beendet.

Die Wirtschaft befinde sich nun in einer "Phase langsameren Wachstums". Die Männer aus der Praxis würden ihm das sicher gerne glauben.

Quelle: cadi/as/JH/tau
© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Die zuletzt noch vom Veranstalter erhofften 30.000 Zuschauer waren es nicht auf der Fanmeile, aber...
25.05.13Dortmund-Bayern
So erlebte Berlin das Champions-League-Finale

Auf der Fanmeile war noch Platz, einige Tausend Menschen feierten hier das Spiel zwischen Dortmund und Bayern. Die Kneipen Berlins waren hingegen voll. Das Protokoll des Champions-League-Abends. mehr...

Borussia Dortmund - FC Bayern München
25.05.13Champions League
Arjen Robben schießt die Bayern auf Europas Thron

Es war ein würdiges, hochklassiges und spannendes Champions-League-Finale mit einem verdienten Sieger. In der 89. Minute erzielte Arjen Robben des erlösende 2:1 für den FC Bayern gegen den BVB. mehr...


Jupp Heynckes und Jürgen Klopp zeigen, wie man richtig führt
00:33Kommentar
Die wahren Stars dieses besonderen Champions-League-Abends

Fußball ist die letzte Bastion des Darwinismus. In einer überwaldorften Welt setzt sich hier noch immer der Stärkere durch: Jürgen Klopp und Jupp Heynckes sind beide Gewinner dieses Systems. mehr...


Natalie Dawn spielt am Sonntagabend im Privatclub
25.05.13Tagesvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Sonntag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Freitag, den 26. Mai. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Anschlagswarnung Erhöhte Sicherheitskontrollen vor Finale
Randale Erneut Krawalle in Schweden – Schulen brennen
London-Stansted Kampfjets eskortieren Flugzeug – Terrorverdacht
Washington Brücke in USA eingestürzt
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. FC Bayern München2:1 gegen den BVBRobben schießt die Bayern auf Europas Thron
  2. 2. FC Bayern MünchenJupp Heynckes„Die Entscheidung über meine Zukunft ist gefallen“
  3. 3. FC Bayern MünchenMatchwinnerArjen Robben – vom Finalpatienten zum Bayern-Helden
  4. 4. SportEinzelkritik BayernStarker Neuer hielt seine Bayern im Spiel
  5. 5. Borussia DortmundEinzelkritik BVBGündogan, Reus und Weidenfeller ragen heraus
 
tb_airberlin.gif
airberlin - Destination…

airberlin baut die Verbindungen nach Polen aus. Erfahren…mehr

tb_Erste-Adressen.jpg
Berlins Erste Adressen

Eine Initiative der Berliner Kaufleute und der Berliner…mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fanfest

Berlins Fanmeile Champions-League-Finale

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote