16.08.12

Fehlzeiten-Report

Neue Arbeitswelt macht Millionen Deutsche krank

2011 wurden 130.000 Arbeitnehmer aus psychischen Gründen krankgeschrieben. Verantwortlich dafür sind unter anderem ständige Erreichbarkeit, Überstunden – und tägliches Pendeln.

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Jeder dritte Bundesbürger konnte im vergangenen Monat seine Arbeitszeit selbst bestimmen. Zugleich aber geben ebenso viele Menschen an, sie hätten in den vergangenen vier Wochen Überstunden gemacht oder Anrufe und Emails außerhalb der Arbeitszeit abgerufen. Dies ist eines der beunruhigenden Ergebnisse des "Fehlzeiten-Reports" des Wissenschaftlichen Instituts der AOK.

2000 Menschen wurden dafür befragt, und zusammen mit einer Auswertung der Daten von mehr als 17 Millionen AOK-Mitglieder ergibt sich das Ergebnis: Überstunden, die ständige Erreichbarkeit und das Pendeln zum oft weit entfernten Arbeitsplatz machen immer mehr Arbeitnehmer krank. Sie fehlen dann am Arbeitsplatz.

Immer mehr Menschen leiden an Schlafstörungen

Bei Millionen von Bundesbürgern verwischen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben immer mehr. Als Folge davon fühlen sie sich niedergeschlagen und unausgeglichen. Sie können in der Freizeit nicht richtig abschalten und schlafen schlecht.

"Das alles sind deutliche Signale für psychische Belastungen", sagte Helmut Schröder, Vize-Chef des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO). "Arbeitnehmer, die ständig erreichbar sind, die immer am oberen Limit arbeiten, Beruf und Freizeit schlecht trennen können oder lange Anfahrtswege zum Arbeitsplatz in Kauf nehmen, sind hohen psychischen Belastungen ausgesetzt", sagte Schröder.

Fast jeder Zweite in der Freizeit erreichbar

Davon könnten mehr als zehn Millionen Menschen betroffen sein. Auch wenn der Zusammenhang zwischen einem flexibleren Arbeitsleben und einer zunehmenden Zahl psychischer Krankheiten noch nicht endgültig belegt sei, stehe fest: "Flexible Arbeitswelten fordern die Psyche der Mitarbeiter." So sei die Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit fast bei jedem zweiten Beschäftigten entweder abgesprochen oder sie werde erwartet.

Nach Angaben von AOK-Vorstand Uwe Deh ist seit dem Jahr 2004 die Zahl der Versicherten, die aufgrund einer psychischen Erkrankung behandelt werden, um 40 Prozent gestiegen. Allein 2011 beliefen sich die Behandlungskosten auf 9,5 Milliarden Euro – das sei eine Milliarde Euro mehr als noch vor acht Jahren.

Psychisch Erkrankte bleiben oft Monate weg

Zwar werden noch immer mehr Arbeitnehmer wegen Erkältungen oder Rückenleiden krank geschrieben als wegen psychischer Probleme. Die daraus resultierenden Tage, an denen jemand nicht arbeiten kann, sind ungleich höher.

Wer wegen einer Erkältung nicht zur Arbeit kommt, bleibt in der Regel eine Woche weg. Wer wegen psychischer Erkrankungen krank geschrieben ist, fällt einen ganzen Monat aus – oft sogar länger.

AOK-Vorstand Deh forderte die Wirtschaft auf, die immer flexiblere Arbeitswelt verträglicher zu machen. Es sei wichtig, Krankheiten vorzubeugen. Das aber ist gar nicht so einfach: Immer mehr Erwerbstätige identifizierten sich sehr stark mit ihrer Arbeit und ihren jeweiligen Projekten, berichtete Antje Ducki, Mitherausgeberin der Studie.

"Diese Menschen arbeiten oft über die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit hinaus, weil es eben die Arbeit oder das Projekt erfordert, oder weil die Aufgabe gerade so interessant und wichtig ist", sagte Ducki und sprach von einem "teils erzwungenen, teils freiwilligen Verhalten". Dies treffe auch auf die immer häufiger anzutreffenden selbstständig arbeitende Alleinunternehmer zu.

Pendler haben ein besonders hohes Risiko

Eine weitere Ursache trägt offenbar dazu bei, aus dem psychischen Gleichgewicht zu geraten: Viele Menschen nehmen oft lange Wege in Kauf, um zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen. Laut Statistischem Bundesamt fahren zwölf Prozent der Beschäftigten Strecken zwischen 25 und 50 Kilometer, um ihren Job ausüben zu können.

Vier Prozent fahren noch weiter als 50 Kilometer – Tendenz steigend. Laut WidO steigt bei diesen Beschäftigten das Risiko, krankgeschrieben zu werden, um 20 Prozent. Wer über große Entfernungen hinweg pendelt, ist häufiger arbeitsunfähig geschrieben und dies auch noch länger.

Vorhersehbarkeit und Sinn sind der Schlüssel

"Die 7,5 Millionen AOK-versicherten Beschäftigten, bis zu 30 Kilometer zur Arbeit fahren, haben aufgrund von psychischen Erkrankungen mehr als eine halbe Million Fehltage", sagte WidO-Experte Schröder. Insgesamt sind laut AOK rund 40 Prozent der Berufstätigen Wochenendpendler, fahren täglich mindestens eine Stunde zur Arbeit oder haben ihren Wohnort berufsbedingt gewechselt. Job-Sicherung oder Aufstieg sind der Nutzen – Risiken für die Seele die Kehrseite.

Mitherausgeberin Ducki empfahl: "Die Arbeit möglichst vorhersehbar halten, planbar machen, Sinn herstellen." Gefragt seien vor allem die Chefs, die attraktive Arbeitsbedingungen bieten müssten, wozu flexible Arbeitszeitmodelle ebenso gehörten wie längere Auszeiten.

Aber auch die Beschäftigten selbst müssten ein hohes Maß an disziplinierter Selbstorganisation an den Tag legen und für ihre Gesundheit vorsorgen, "um gesund bis zur Rente zu kommen", sagte Ducki. Weiterbildung sei notwendig, sowohl für den Arbeitsmarkt als auch für die Gesundheit. Sie würde es ermöglichen, in einigen Jahren eine andere Tätigkeit auszuüben als stets denselben Job.

"Die Führungskraft ist wichtiger als der Arzt"

Natalie Lotzmann, Die Gesundheitsexpertin in der Personalabteilung des Software-Herstellers SAP, sagte bei der Vorstellung des Reports, dass die "Freude an der Arbeit der Schlüssel für den Erfolg des Unternehmens und die Gesundheit der Mitarbeiter" sei. "Die Führungskraft ist wichtiger als der Arzt, wenn es um die Gesundheit geht."

Investitionen in die seelische und körperliche Gesundheit der Mitarbeiter seien kein Privileg von großen Unternehmen. Gerade kleine Firmen hätten insofern einen Vorteil, als es dort oft noch viel persönlicher zugehe.

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